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KommentarFrankreich: Europas größter Sozialfall

14. Februar 2013
von Frank Doll

Frankreichs Wirtschaft implodiert. Industrieproduktion und Auftragseingänge stürzen ab, soziale Unruhen kündigen sich an. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone steuert ungebremst in eine Schuldenkrise.

Nicht Griechenland, Spanien oder Italien – der größte Problemfall in der Eurozone ist Frankreich. Die Wirtschaft des Landes befindet sich im freien Fall, die Deindustrialisierung beschleunigt sich. Laut einer Studie des Informationsdienstes Trendeo machten in Frankreich im vergangenen Jahr 266 Fabriken dicht - 42 Prozent mehr als 2011. In den vergangenen drei Jahren gingen 120.000 Industriearbeitsplätze verloren.

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Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung nimmt kontinuierlich ab, seit der Jahrtausendwende von 18 Prozent auf zuletzt 12,5 Prozent. Damit belegt Frankreich Platz 15 unter den 17 Euro-Ländern, weit abgeschlagen hinter Deutschland, aber auch weit hinter Italien. Im neuen Jahr hat sich der Negativtrend noch verschärft. Im Januar brachen Industrieproduktion und Auftragseingänge mit den höchsten monatlichenn Rate seit der Finanzkrise 2008/2009 ein.

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Von den Entlassungswellen bedroht fühlt sich inzwischen auch die sozialistische Regierung in Paris. Innenminister Manuel Valls lässt aus Angst vor einer weiteren Radikalisierung bereits militante Arbeiter und Gewerkschafter durch Spezialeinheiten der Polizei observieren. In Frankreich drohen soziale Unruhen und ein langer Generalstreik.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone steuert ungebremst in eine Schuldenkrise. Die schrumpfende Privatwirtschaft kann die Ausgaben für den aufgeblähten Staatsapparat und die Schuldenlast nicht mehr tragen. Mit 56 Prozent hat Frankreich die höchste Staatsquote in der Eurozone. Die Staatsschuldenquote erreicht 97 Prozent der Wirtschaftsleistung und liegt damit noch höher als in Spanien. Glaubt man Jacques Attali, dem langjährigen Berater des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, dann ist jede dritte französische Kommune pleite.

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Der Immobilienmarkt wird zum nächsten großen Problem. Selbst die bisher weitgehend krisenresistenten Marktsegmente brechen inzwischen ein. So verzeichnete der Markt für über zwei Millionen Euro teure Apartments in Paris im vergangenen Jahr einen Verkaufsrückgang um 42 Prozent. Wie in Spanien zeichnet sich auch In Frankreich ein vom Immobilienmarkt ausgehender Einbruch des privaten Konsums und eine Bankenkrise ab.

Weitere Artikel

Der Crédit Agricole (CA) ist nur eine von mehreren Zeitbomben im französischen Bankensystem. Anfang Februar kündigte CA einen Abschreiber von 3,8 Milliarden Euro auf immaterielle Firmenwerte (Goodwill) an. Bereits 2012 musste die drittgrößte französische Bank 2,5 Milliarden Euro abschreiben, als sie ihren Anteil an der griechischen Emporiki Bank für symbolisch einen Euro loswerden wollte. Sehr wahrscheinlich drohen CA weitere Abschreibungen in Milliardenhöhe.

In der Bilanz stecken noch 14 Milliarden Euro an immateriellen Firmenwerten. Allein der CA könnte einen Großteil der 80 Milliarden Euro verschlingen, die nach Vorstellungen der Eurogruppe aus dem Euro-Rettungsfonds ESM für die Rekapitalisierung von Pleitebanken zur Verfügung gestellt werden sollen.

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Kommentare | 31Alle Kommentare
  • 17.02.2013, 00:39 UhrTraumschau

    Die Merkel-Regierung wird wohl eher froh sein, wenn sie im September "vom Gehöft reiten kann". Denn das was Sie da "befürchten", ist meiner Ansicht nach unausweichlich! Aber rot-grün macht dieselbe Politik wie schwarz-gelb. Das ist alles das gleiche! Die einen wollen keine Eurobonds, dabei haben wir schon eine Transferunion, die nur anders heißt ... die anderen ... u.s.w.
    Die einzige Partei, die was anderes will, ist die Linke.
    Und da haben die Leute halt "Angst geschürt bekommen", dass Stalin mit hilfe einer Blutspende von S. Wagenknecht wieder aus der Kiste steigt!
    Tja, was will man machen! Die Medien spielen das gut ...

  • 16.02.2013, 16:25 Uhrln-von-e

    Wenn wir ab September eine Rotrotgrüne Regierung haben, werden wir die Franzosen im Fall nach unten ganz schnell abhängen.
    So 20% Arbeitslose sind bis 2016 durchaus machbar.
    Also frisch ans Werk!

  • 15.02.2013, 18:10 UhrTraumschau

    @Ben-Wa
    Nein, das bin ich nicht! Ich sehe das genau so wie Sie! Sie haben meinen Beitrag vielleicht nicht richtig verstanden oder ich habe mich unklar ausgedrückt. Natürlich kann man mit einer eigenen Währung die Wirtschaftspolitik machen, wie wir sie eben zu DM-zeiten gemacht haben. Das hat des öfteren dazu geführt, dass die DM aufwertete bzw. unsere Nachbarn ihre Währung abwerteten. Für uns wurden Importe billiger, unsere Exporte aber teurer für unsere Nachbarn. Das machte aber nichts, weil "Made in Germany" aufgrund der sehr hohen Qualität immer gefragt war. Außerdem hat die Aufwertung dazu geführt, dass sich unsere Unternehmen mehr anstrengen, besser werden mussten. Jetzt haben wir nur noch einen Wettbewerb, wer am besten im Senken der Löhne ist. Das ist schlecht für unsere Binnenkonjunktur. Wir alle haben jetzt den Euro. Deshalb gibt es das Inflationsziel und die Maastrichtkriterien. Das sollte eben genau diese Verzerrungen verhindern, die wir jetzt haben. Wir können nicht mehr so agieren, als hätten noch eine eigene Währung.
    Exportweltmeister ist ein schöner Titel, aber volkswirtschaftlich betrachtet ist das totaler Schwachsinn - da gebe ich Ihnen zu 100% recht!
    Der Euro ist zu schwach für uns, wir verschenken tatsächlich einen guten Teil unserer Wirtschaftskraft. Anstatt diese Leistungen im Land zu behalten und an die Arbeitnehmer etc. zu verteilen, verschleudern wir Volksvermögen. Das ist ein Desaster. Wir stimmen m.E. vollkommen überein.
    Ich verstehe jetzt nur nicht wie sie darauf kommen, ich sein auf dem falschen Dampfer ...?
    LG Traumschau
    PS: Ja, das ist Flassbeck zum Thema Ungleichgewichte. Ich habe noch keine bessere Erklärung gehört - und ich habe mir vieles angehört ...

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