Frankreich in der Krise: Ahnungs- und Ratlosigkeit in Paris

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Frankreich in der Krise: Ahnungs- und Ratlosigkeit in Paris

von Tim Rahmann

Die französische Regierung taumelt durch die Krise, die negativen Nachrichten reißen nicht ab. Das Land ähnelt dem Hamburger SV: Beide Traditionsmarken können den Abstieg kaum noch verhindern.

An schlechte Nachrichten hat sich Frankreichs Präsident François Hollande in den vergangenen Monaten gewöhnen können. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im Februar auf den Rekordwert von 3,35 Millionen Menschen, einer seiner wichtigsten Berater soll heimlich für die Pharma-Industrie gearbeitet haben, bei den Kommunalwahlen Ende März wurde seine Partei abgestraft. So wird der Regierungschef verkraften können, dass die Ratingagentur Standard & Poor’s am heutigen Freitag ebenfalls nur bedingt gute Nachrichten hatte. Die US-Amerikaner bestätigten die derzeitige Bonitätsnote Frankreichs. Das heißt: Es geht derzeit nicht weiter abwärts, eine Rückkehr zur Top-Bonität, die das Land im Januar 2012 verloren hatte, ist aber auch kein Thema. Alles andere wäre auch nicht nachvollziehbar.

In Frankreich herrscht ein Mix aus Lethargie, Ahnungs- und Ratlosigkeit. Hollande will nicht einsehen, wie sehr sein Land in die Krise gerutscht ist. Er verspricht, die Arbeitslosigkeit bis 2017 spürbar zu senken. Sonst gäbe es „weder Grund, noch Chance, wiedergewählt zu werden“. So weit, so richtig. Nur glauben Ökonomen nicht daran, dass der Präsident tatsächlich eine signifikante Zahl von Menschen in Arbeit bringen kann. Denn der Reformeifer des Sozialisten ist auch im dritten Amtsjahr überschaubar.

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Der Beamtenapparat ist weiter aufgebläht, Frankreich zählt 90 Beamte pro 1000 Einwohner - Deutschland kommt auf 60 Staatsdiener je 1000 Einwohner. Zudem gönnt sich das Land ein komfortables Sozialnetz: Arbeitslose werden umfassend gestützt, das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt bei 62 Jahren. Die Folge: Die Staatsausgaben belaufen sich auf 56,9 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – und sind für das Land in seiner derzeitigen Verfassung nicht zu tragen. Zum Vergleich: Deutschland kommt hier auf 44,8 Prozent. Und weil die Lohnstückkosten seit Jahren steigen, während andere Länder sie gesenkt haben, sind französische Unternehmen weniger wettbewerbsfähig.

Woran Frankreich krankt

  • Wettbewerbsfähigkeit

    In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

    Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

  • Lohnstückkosten

    Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

  • Arbeitslosigkeit

    Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

  • Staatsverschuldung

    Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2013 lag die Defizitquote mit 4,3 Prozent weiterhin deutlich über den Maastricht-Kriterien. Und auch für das Jahr 2014 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

  • Private Verschuldung

    Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Damit ist Frankreich das politische Pendant zum abstiegsbedrohten Fußballclub Hamburger SV. Hier wie da stehen zwei Figuren mit glorreicher Tradition: Die Franzosen waren einst Kolonialmacht und sind Mitglied im UN-Sicherheitsrat, die Kicker aus der Hansestadt waren im Jahr 1983 die beste Mannschaft Europas und sind als einziger Verein seit der Gründung der Bundesliga im Fußball-Oberhaus. Seit Jahren leben beide über ihre Verhältnisse: Im Glauben, etwas Besonderes zu sein, gönnt sich der HSV eine überteuerte Mannschaft und Frankreich einen teuren Wohlfahrtsstaat.

„Die Franzosen sind geblendet von der Vorstellung ihrer eigenen historischen Größe“, sagt der Direktor des Instituts für Wirtschaft Köln, Michael Hüther im Gespräch mit Wall Street Journal. „Aber sie liefern ökonomisch nicht.“ Die Folge: Die positiven Momente werden seltener, die Schulden steigen. Doch der Rückfall ins Mittelmaß wurde an der Seine ebenso ignoriert wie bei den Kickern an der Elbe – und damit verschlimmert. „Frankreich hat im Grunde schon seit dem 19. Jahrhundert ein riesiges Problem, weil es relativ wenig Industrie hat. Eine Sozialpartnerschaft wie in Deutschland hat sich dort nie entwickelt“, so Hüther. Statt die Zukunft zu gestalten, hoffte man schlicht auf bessere Zeiten. Nun ist der Abstieg für Frankreich und für den HSV wohl kaum noch abzuwenden. Aus mehreren Gründen.

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