Frankreich verharrt im Konjunkturtief: Kleinmut erstickt das französische Genie

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Frankreich verharrt im Konjunkturtief: Kleinmut erstickt das französische Genie

von Karin Finkenzeller

Das Land hat fähige Manager, ehrgeizige Universitätsabsolventen, eine gute Infrastruktur und eine reiche Kultur. Aber seine Bürger blicken zurück anstatt nach vorn.

Man kann die Dinge auch positiv sehen. "Unter den Bedingungen, die in Frankreich herrschen, hat man es sehr schwer, ein Unternehmen zum Erfolg zu führen. Dass es trotzdem funktioniert, bedeutet, dass wir sehr gute Unternehmer haben." Christophe Darvélis, Chef der Private-Equity-Firma Capzanine und seit 27 Jahren im Geschäft, grinst, als habe er gerade eine gute Pointe gesetzt. Einige seiner Zuhörer bei dem Seminar in Paris über Private Equity und Risikokapital lachen sogar. Tatsächlich offenbaren die beiden Sätze aber das ganze Dilemma, in dem Frankreich steckt: Das Land hat fähige Manager, gut ausgebildete und ehrgeizige Absolventen namhafter Ingenieurs-, Wirtschafts- und Verwaltungshochschulen, eine gute Infrastruktur und eine reiche Kultur. Aber es macht zu wenig draus.

Auch sieben Jahre nach Beginn der Weltfinanzkrise kommt Frankreich nicht aus dem Tief. Mit einer Wachstumsprognose vom einem Prozent für 2015 ist es Schlusslicht im Euro-Raum. Steil nach oben zeigen nur die Arbeitslosenkurve mit einer Quote von mehr als zehn Prozent und die der Staatsverschuldung, die sich gefährlich der Marke von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nähert.

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Wie radikal ist der Front National?

  • "Weder rechts, noch links"

    Parteiführerin Marine Le Pen versucht ihre Partei zu "entdiabolisieren" und für alle Franzosen wählbar zu machen. Deswegen verwehrt sie sich dagegen, radikal oder ausländerfeindlich genannt zu werden. Sie kündigte rechtliche Schritte gegen all jene an, die die Partei rechtsextrem nennen. Ihre Partei "sei weder rechts, noch links".

  • "Franzosen zuerst"

    Der Front National nennt sich selbst "patriotisch" und "national". Man wolle die "französische Identität, Tradition und Souveränität" wahren. So sollen Franzosen in ihrem Heimatland generell bevorzugt werden. Das Motto – und ein Buchtitel des ehemaligen FN-Chefs Jean-Marie Le Pen – lautet: "Les Français d'abord" ("Franzosen zuerst"). Demnach sollen französische Staatsbürger bei der Arbeitsplatzsuche und bei Sozialleistungen gegenüber Nicht-Franzosen besser gestellt werden.

  • Warnung vor "Islamisierung des Landes"

    Der FN will den Bau von Moscheen in Frankreich verbieten, ebenso das Tragen eines Kopftuches in der Öffentlichkeit um die "Islamisierung" des Landes zu stoppen. Einwanderer aus muslimischen Ländern werden kritisch gesehen.

  • Nazis "nicht besonders unmenschlich"

    Marine Le Pens Vater, Jean-Marie Le Pen, fiel mehrfach durch antisemitische Äußerungen negativ auf. verharmloste die Gaskammern der Nazis als "Detail der Geschichte", bezeichnete die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg als "nicht besonders unmenschlich" und stachelte zum Fremdenhass auf. Noch heute meldet sich der 85 Jahre alte Ehrenvorsitzende wöchentlich zu Wort. Politikwissenschaftler wie Jean-Yves Camus verweisen darauf, dass sich Marine Le Pen keineswegs klar von ihrem Vater distanziert

  • "Identität, Tradition, Souveränität"

    2007 schloss sich der Front National mit anderen rechten Parteien – unter anderem die österreichische FPÖ – zu einer Fraktion unter dem Namen "Identität, Tradition, Souveränität" zusammen. Wenige Monate später löste sich die Fraktion auf.

  • "Flaggenträger des französischen Nationalsozialismus"

    Die Regionalzeitung "Midi Libre" aus Montpellier nennt den Front National trotz der Drohgebärden der Partei weiterhin rechtsextrem. "Lassen Sie es uns ohne Umschweife und ohne Hass sagen – auch wenn dies ihrer Vorsitzenden nicht gefällt: Die Front National ist rechtsextrem. Marine le Pen kann noch so viel drohen, gegen jeden vor Gericht zu ziehen, der die FN in diese politische Familie einstuft – wir fragen uns, aus welchem Grund - ihre Partei bleibt der Flaggenträger des französischen Nationalsozialismus. (...) Auch wenn ihre populistischen Thesen einen Teil der Wähler verführen, bleibt die Front National eine Gefahr für die Demokratie. Eine Gefahr für den Sozialpakt, der die Bürger vereint. Und ein Risiko für das Gleichgewicht in Europa."

Dies und die Klage, dass notwendige Reformen zu zögerlich umgesetzt würden, haben die Ratingagentur Moody's gerade dazu bewogen, die Kreditwürdigkeit Frankreichs zum dritten Mal in Folge herabzustufen. Während Darvélis und seine Kollegen kein Problem haben, Investoren für Firmenbeteiligungen zu finden - mit fast 9 Milliarden Euro war Frankreich 2014 erneut Private-Equity-Champion in Kontinentaleuropa -, zögern Unternehmer nach wie vor, sich auch physisch zu engagieren.

Das Volumen der Auslandsinvestitionen sei erneut im Aufwind, breche sogar alte Rekordmarken, betont man im Wirtschaftsministerium. Das stimmt. Doch die Sache hat einen Haken. "Die Investoren haben vor allem bestehende Strukturen erweitert und keine neuen Niederlassungen aufgebaut," sagt Marc Lhermitte, Partner bei der Unternehmensberatung E&Y. "Diese Projekte haben deshalb sehr wenige Arbeitsplätze geschaffen." Die Tätigkeit des Industriesektors ist weiter rückläufig.

Woran Frankreich krankt

  • Wettbewerbsfähigkeit

    In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

    Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

  • Lohnstückkosten

    Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

  • Arbeitslosigkeit

    Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

  • Staatsverschuldung

    Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2013 lag die Defizitquote mit 4,3 Prozent weiterhin deutlich über den Maastricht-Kriterien. Und auch für das Jahr 2014 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

  • Private Verschuldung

    Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Was ist los in Frankreich? Glaubt man den Unternehmern, lässt sich die Ursache der Misere in ein paar Zahlen ausdrücken. Eine Firma in Frankreich muss demnach je 100 Euro Nettoergebnis durchschnittlich 290 Euro verdienen. In Deutschland sind es lediglich 172 Euro. Trotz der seit 2013 eingeführten schrittweisen Entlastung bei Steuern und Sozialabgaben müssten Unternehmen in Frankreich auch 2017 noch insgesamt 90 Milliarden Euro mehr abtreten als ihre deutschen Konkurrenten. Und das alles, schimpft der Arbeitgeberverband Medef, für einen unersättlichen Staat, der in diesem Jahr mehr als 1,2 Billionen Euro verschlingt. Die Ausgaben der öffentlichen Hand betragen fast 57 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Das Problem reicht aber viel tiefer. Seit der Finanzkrise haben sich in Frankreich Kleinmut und Minderwertigkeitsgefühle breit gemacht, in deren Morast jeglicher Wille zur Veränderung unterzugehen droht. Panisch klammern sich die Bürger an Errungenschaften aus dem vergangenen Jahrhundert, als Frankreich auf der Weltbühne noch zählte.

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