Freytags-Frage: Wann kommt die Zinswende?

kolumneFreytags-Frage: Wann kommt die Zinswende?

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Die Änderung der die Wortwahl Draghis wird von Volkswirten als ein Zeichen dafür gewertet, dass die EZB sich inzwischen ernsthaft mit dem Ausstieg aus der Niedrigzinsphase befasst.

Kolumne von Andreas Freytag

Die EZB belässt den Leitzins bei null Prozent. Und doch ändert sich die Rhetorik der Zentralbanker. Welche Rolle die anstehenden Wahlen in Europa spielen und wann eine Zinswende kommen könnte.

Gestern hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) auf seiner regelmäßigen Sitzung in Tallinn die Zinsen wieder unverändert gelassen. Sie handelt damit erwartungsgemäß, nämlich überwiegend im Interesse reformunwilliger Regierungen und des französischen Präsidenten, der unmittelbar vor der Parlamentswahl keinen unangenehmen Querschuss gebrauchen kann. Der Präsident der EZB, Mario Draghi, hat erneut die monetäre Akkomodierung gerechtfertigt und beteuert, dass die EZB die Geldschleusen wie geplant bis mindestens zum Jahresende offenhalten wird. Soweit ist gestern alles so gelaufen wie erwartet.

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Mario-Draghi Quelle: REUTERS

Etwas unerwartet hingegen ist eine Änderung der Wortwahl, die weitere Zinssenkungen dieses Mal nicht als Option nannte. Darüber hinaus werden die Wachstumsrisiken der europäischen Wirtschaft als ausgeglichen bezeichnet. Hat die Wahl des Tagungsorts eventuell die Haltung des EZB-Rates geprägt? Estland steht nicht für laxe Geld- und Fiskalpolitik oder überbordende Staatsschulden; allerdings gilt das auch für Frankfurt bzw. Deutschland als Ort der meisten Sitzungen des Rates – und die Ergebnisse sind hinlänglich bekannt.

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Unabhängig vom Ort der Sitzung wird dieses Ergebnis von Volkswirten als ein Zeichen dafür gewertet, dass die EZB sich inzwischen ernsthaft mit dem Ausstieg aus der Niedrigzinsphase befasst. Allerdings wird vermutet, dass dieser Ausstieg frühestens in zwei Jahren erfolgen wird. So äußerst sich die Bank auf jeden Fall selber. Diese Vermutung ist mithin plausibel.

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Wohlstandsillusion: Die Pumpwirtschaft von EZB-Chef Mario Draghi führt zu Preisblasen, Schuldenorgien und Fehlinvestitionen. Quelle: Foto: Getty Images, Illustration: Moritz Reichartz, Dmitri Broido

Es kann aber nicht als sicher gelten, dass die EZB tatsächlich solange warten wird, wie die folgenden – natürlich höchst spekulativen – Überlegungen zeigen. Denn nach der französischen Parlamentswahl im Juni könnte der Druck auf die EZB, die Zinsen niedrig zu halten, sinken. Dies gelte vor allem, wenn die Bewegung von Präsident Emanuel Macron tatsächlich die Mehrheit der Sitze gewinnen könnte.

Weiterhin wäre es dann attraktiv, den Leitzins zu erhöhen, wenn die Inflationsrate während der Sommerferien in Deutschland, also ab dem 24. Juni für einige Zeit weiter steigt und die 2-Prozent-Marke zumindest ins Visier nimmt. Dies ist auf jeden Fall denkbar, denn es ist durchaus üblich, dass die Benzinpreise während der Reisezeit höher als im Durchschnitt des übrigen Jahres sind. Wenn also es also Anfang Juli zu einem recht scharfen Preisanstieg käme, könnte die Inflationsrate im Juli steigen, was im August dann bekannt würde.

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