Freytags-Frage: Was passiert nach dem Brexit?

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kolumneFreytags-Frage: Was passiert nach dem Brexit?

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Ein Mann dekoriert sein Geschäft für den Besuch der britischen Königin Elizabeth II. mit dem Union Jack und deutschen Fahnen.

Kolumne von Andreas Freytag

Nach einem Brexit gäbe es zwei Szenarien: Die Wirtschaft leidet, Schottland wird unabhängig – Großbritannien ist der große Verlierer. Oder: Die EU und Großbritannien erfinden sich neu – der heilsame Brexit. Was ist wahrscheinlicher?

Was passiert eigentlich nach dem Brexit? Während die Befürworter ein strahlendes Bild eines wieder großen Britanniens zeichnen, entwerfen die Gegner des Brexit ein ganz anderes, sehr düsteres Szenario. Die Renten wären gefährdet, Finanzakteure wanderten ab, die Mitgliedschaft im Binnenmarkt sei verloren, um nur einige Beispiele zu nennen. Ohnehin wählen die Gegner des Brexit, zumal die nicht-britischen, eine recht raue Tonart und drohen mit unerbittlicher Härte im Falle des Brexit.

Abgesehen davon, dass eine Drohung von außen vermutlich nicht besänftigend auf diejenigen wirkt, die in Brüssel einen Leviathan sehen, müsste die EU auch mit einem Großbritannien außerhalb der EU einen gepflegten Umgang betreiben – schon im eigenen Interesse. Überhaupt hilft vielleicht ein etwas emotionsloser Blick weit mehr als die ständige Aufgeregtheit aller Beteiligten.

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Besser ist eine Analyse der möglichen Wirkungen eines Brexit sowohl für Großbritannien als auch für die EU; möglicherweise sogar für die Weltwirtschaft. Zwei recht extreme Szenarien (aus vielen denkbaren) könnten die folgenden sein; man bedenke dabei, dass Szenarien nicht unbedingt realistisch sein müssen; es werden auch keine Wahrscheinlichkeiten angegeben. Es handelt sich um reine Gedankenexperimente.

Erstens: Nach dem Ausscheiden Großbritanniens verhärten sich die Fronten zwischen dem Land und Großbritannien. Dies hat Konsequenzen in Großbritannien und der Rest-EU; beginnen wir mit Großbritannien.

Andreas Freytag

Die Handelsbeziehungen werden erschwert, da die vier Freiheiten des Binnenmarktes, also die freie Wanderung, der frei Dienstleistungs- und Güterhandel sowie der freie Kapitalverkehr, gegenseitig aufgekündigt werden. Großbritannien muss alle Freihandelsabkommen, in die es kraft seiner EU-Mitgliedschaft eingebunden war, neu verhandeln und verliert den präferierten Marktzugang zu zahlreichen Märkten (auch im Commonwealth).

  • Großbritannien wirft daraufhin die polnischen und anderen Gastarbeiter aus dem Land und muss feststellen, dass die Dienstleistungssektoren, in denen diese Arbeitnehmer beschäftigt sind, also unter anderem Bau, Pflege, Tourismus, in echte Schwierigkeiten geraten. Leider können die aus Spanien wieder nach Großbritannien zurückgeschickten britischen Rentnerheere diese Lücke nicht füllen. Stattdessen steigt die Unzufriedenheit auf der Insel – Wähler werden leichte Beute für Nationalisten wie UKIP.

  • In London entspannt sich der Immobilienmarkt, weil die Finanzindustrie nach Dublin, Frankfurt und Paris abwandert. Die nicht besonders wettbewerbsfähige britische Industrie verliert an Boden, allerdings wird dieser Effekt durch ein schwaches britisches Pfund ausgeglichen. Dies heizt aber die Inflation an.

  • Die britischen Universitäten verlieren Studierende in Massen, da nun die bevorzugte Behandlung von EU-Ausländern entfällt und die vollen Studiengebühren fällig werden. Wie es für die vielen an britischen Universitäten lehrenden Professoren und Forscher aus Europa, darunter viele Deutsche, weitergeht, ist offen. Bleiben die Studierenden aus, verlieren sie vermutlich ihre Jobs.

  • Schließlich tritt Schottland aus dem Vereinigten Königreich aus und beantragt die Vollmitgliedschaft in der EU. Der Austritt Schottlands verschlechtert die wirtschaftliche Lage dort wie auch in England, Wales und Nordirland weiter.

Görlachs Gedanken Wenn der Brexit kommt, muss Europa knallhart sein

Nächste Woche stimmen die Briten darüber ab, ob sie in der EU bleiben oder sie verlassen. Die Amerikaner wollen die Briten im Ernstfall links liegen lassen. So sollten wir Europäer ebenfalls reagieren.

Der britische Premier David Cameron (rechts) mit dem Europaratspräsidenten Donald Tusk in Brüssel. Quelle: AP

Die Konsequenzen gerade der Teilung Großbritanniens sind auch in der EU spürbar, wie man erkennt, wenn man sich die potentiellen Folgen für die Europäische Union anschaut.

  • Nicht nur, dass andere EU-Mitglieder unzufrieden werden und die Ausstiegsoptionen wählen, klingt bedrohlich. Auch erscheint dann die Gefahr einer Abspaltung von Regionen (Katalonien, Baskenland, Tirol?) real. Insgesamt werden die dumpfen Nationalisten an Zulauf gewinnen.

  • Das Fehlen Großbritanniens verschiebt das Gleichgewicht weg von der liberalen, westlichen Werteordnung hin zu mehr Interventionismus und Vergemeinschaftung sowie zu mehr Gemeinschaftshaftung. Der Streit wird nun nicht kleiner, sondern – auch ohne den britischen „Streithansel“ – größer, weil gerade die Menschen in den eher marktwirtschaftlich orientierten Ländern des „Nordens“ sich nun übervorteilt sehen. Die Wertegemeinschaft droht vom Verteilungskonflikt verdrängt zu werden.

  • Auch wirtschaftlich droht der Wegfall einer tragenden Säule der EU den Wohlstand zu gefährden, zumal es nun auch für Unternehmen aus Drittländern weniger attraktiv wird, im EU-Binnenmarkt zu investieren.

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