Freytags-Frage: Wie kann die EZB ihre Unabhängigkeit retten?

kolumneFreytags-Frage: Wie kann die EZB ihre Unabhängigkeit retten?

Kolumne von Andreas Freytag

Die EZB wird zurecht aus Deutschland dafür kritisiert, dass sie Geld druckt und die Zinsen niedrig hält. Ihre Unabhängigkeit ist aber nicht durch den deutschen Finanzminister bedroht, sondern durch ihre eigene Politik.

Mitglieder der Unionsfraktion und sogar Finanzminister Schäuble zeigten sich in dieser Woche unzufrieden mit der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Nullzinspolitik der EZB führt in der Tat zu erheblichen Einbußen für Sparer, besonders bei denen, die langfristige Anlageobjekte erworben haben (z.B. Lebensversicherungen). Die Nettoverluste deutscher Privater sollen seit 2012 bei 200 Mrd. Euro liegen; den Zinsersparnissen der Kreditnehmer stehen entsprechend größere Verluste der Einleger gegenüber.

Dies ist seit langem ein Thema, das Vertrauen der Deutschen in die EZB kann getrost als gering bezeichnet werden. Nun ist es auch der Politik in Deutschland aufgefallen. Ob und inwieweit die Wahlergebnisse der Alternative für Deutschland (AfD) und die steigende Unzufriedenheit vieler deutscher Bürger und der deutschen Banken damit zu tun haben, kann nur vermutet werden. Sicher ist: Der öffentliche Druck auf die EZB steigt.
Als Reaktion auf die Kritik wundert sich die EZB und argumentiert damit, dass doch gerade die Deutschen so sehr auf der Unabhängigkeit der Zentralbank und ihrem Fokus auf der Preisniveaustabilität bestanden hätten. Und nun dies! In der Tat wird seit der Kritik des Bundesfinanzministers darüber diskutiert, ob die Unabhängigkeit der EZB zu groß ist und reduziert werden sollte. Soll die Politik eingreifen dürfen, wenn ihr die Richtung nicht gefällt? Gefährdet dies die Unabhängigkeit der Bank?

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Pressestimmen zum EZB-Entscheid

  • Neue Zürcher Zeitung (Schweiz)

    „Das viele frische Geld dürfte kaum in der Realwirtschaft ankommen, sondern vielmehr die Blasenbildung an den Finanzmärkten verstärken. Der wichtigste Transmissionsmechanismus für die Übertragung geldpolitischer Impulse, die Kreditvergabe der Banken, wird durch negative Zinsen zusehends blockiert. So können die Banken die Negativzinsen kaum an Sparer weiterreichen, da diese ihr Geld sonst abheben und „unter der Matratze“ horten könnten. Um die höheren Zinskosten dennoch auf die Kunden abzuwälzen und der sinkenden Profitabilität zu begegnen, erhöht manche Bank einfach ihre Kreditzinsen, etwa im Hypothekarbereich. Die zur Ankurbelung von Krediten gedachten Negativzinsen führen in diesen Fällen zu einer Verschärfung der Kreditpolitik. Die überdosierte Medizin der EZB ist bisweilen nicht nur wirkungslos, sondern gar kontraproduktiv.“

  • De Standaard (Belgien)

    „Das war mehr als die Finanzmärkte erwartet hatten, und sie reagierten anfangs auch begeistert. Doch dann trübte sich das Bild. Denn der Hintergrund der weiteren Lockerung der Geldpolitik ist keineswegs rosig. Die EZB senkte nämlich zugleich ihre Erwartungen hinsichtlich des wirtschaftlichen Wachstums sowie ihre Voraussagen zur Entwicklung der Inflation. Sie stellt somit fest, dass ihre Therapie bislang nur unzureichend wirkt, und sie verdoppelt deshalb die Dosis ihrer Medizin. Derweil geht das Vertrauen in eine wirtschaftliche Erholung verloren.“ 

  • de Volkskrant (Niederlande)

    „Die Kreditkrise war entstanden, weil es zu billig war, sich Geld zu leihen und Unternehmen ebenso wie Verbraucher zu viele Schulden machten. Die EZB ist nun erneut dabei, das Schuldenmachen zu stimulieren. Damit ist das Risiko verbunden, dass diese Schulden die Wirtschaft später wieder in Schwierigkeiten bringen. Wenn Banken zu riskante Kredite vergeben, können neue Seifenblasen entstehen. Hinzu kommt, dass Banken durch die Negativzinsen unter Druck geraten und so noch weiter geschwächt werden. Angesichts dieser Risiken kritisieren vor allem Zentralbanken in Nordeuropa schon seit geraumer Zeit die Zinspolitik der EZB.“

  • Der Standard (Österreich)

    „Hin- und hergerissen zwischen den Rufen der Finanzmärkte nach noch mehr billigem Geld und kritischen Kommentaren von Volkswirten ob der Wirkungslosigkeit der bisherigen Maßnahmen mussten er und die anderen Mitglieder des geldpolitischen Rats eine wegweisende Entscheidung treffen. Nun sind die Würfel gefallen: Draghi setzt alles auf eine Karte und versucht mit einer monströsen Flut an Geld einen Befreiungsschlag - von dessen Gelingen die wirtschaftliche Zukunft der Eurozone zu großen Teilen abhängt.

    Um des Hauptproblems, nämlich immer niedrigerer Inflationsraten, Herr zu werden, drückt der EZB-Chef die Zinsen noch tiefer, teilweise auch unter null. Damit entsteht eine Situation, die genauso skurril ist, wie sie klingt: Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Gesamtwetterlage in Europa setzt Draghi just auf jene Maßnahmen, welche die Probleme herbeigeführt haben - nämlich eine zu laxe Geldpolitik, wie sie auf globaler Ebene seit Jahrzehnten praktiziert wird.“

  • Corriere della Sera (Italien)

    „Jetzt haben wir den Beweis, dass sich die Europäische Zentralbank auch dann nicht beeinflussen lässt, wenn ihre Kritiker so mächtig sind wie die Welt der deutschen Wirtschaft. Dass sie nicht schüchtern ist und sich auf jungfräuliches Gebiet wagt. Dass sie zu überraschen weiß. Tatsächlich hat sie gestern mit einem komplexen Maßnahmenpaket überrascht und damit deutlich gemacht, dass sie nicht die Absicht hat, ihre Glaubwürdigkeit durch zögerliche Entscheidungen zu gefährden. Für die Märkte war dies die Botschaft, dass die EZB reagiert, wenn sich die wirtschaftlichen Umstände in der Eurozone und global ändern.“

  • El País (Spanien)

    „Die Entscheidungen der EZB sind eine verschlüsselte Botschaft an Berlin. EZB-Präsident Mario Draghi signalisiert damit der Bundesregierung, dass die Eurozone eine andere Finanzpolitik braucht. Europa kann die Stagnation überwinden, wenn Berlin zwei Dinge einsieht.

    Erstens muss Deutschland mehr investieren, vor allem in die Verbesserung der Infrastruktur. Zweitens kann eine niedrige Nachfrage durch staatliche Investitionen belebt werden. Europa muss ein Konjunkturprogramm finanzieren. Es wird nicht leicht sein, Berlin davon zu überzeugen. Daher muss Draghi seine Botschaft ständig wiederholen.“

  • Lidove noviny (Tschechien)

    „Ein Land, das Entscheidungen trifft, ohne die Interessen seiner Partner zu berücksichtigen, kann von ihnen selbst keine Solidarität erwarten. Deutschland muss lernen, selbst Verantwortung für die Folgen seiner Entscheidungen zu tragen. Diese Beobachtung ist weiterhin gültig. (...) Dass die Probleme und Proteste zunehmen, bedeutet nicht, dass die Deutschen ihre Kanzlerin stürzen wollen. Eher wollen sie die Regierungschefin zu einer Änderung ihrer Politik bewegen - und das geschieht Schritt für Schritt auch. Doch weit mehr noch hat sich die Position Deutschlands innerhalb der EU verändert. (...) Deutschland ist inzwischen selbst im Westen der Europäischen Union zu einer großen Insel (in der Flüchtlingspolitik) geworden.“

  • Nepszabadsag (Ungarn)

    „Die Christdemokraten werden wahrscheinlich nicht glänzend abschneiden, aber niemand wird wegen eines Stimmenverlustes Merkel wegputschen. Sie hat keinen Herausforderer, es gibt keine Alternative zu ihr. Horst Seehofer weiß das auch. Hinter den lästigen Manövern des bayerischen Landesregierungschefs und CSU-Vorsitzenden, wie etwa seine Kumpelei mit dem ungarischen Ministerpräsidenten, steckt die Überlegung, dass er mit stark populistischen Schritten in dem in der Flüchtlingsflut als Frontstaat geltenden Bayern der AfD den Boden entziehen kann.

    Bedenklicher ist, wie einsam die Kanzlerin der führenden politisch-wirtschaftlichen Macht Europas geblieben ist. Der Bundesrepublik ist es bisher immer im Interesse einer gemeinsamen europäischen Lösung gelungen, einen gewissen Konsens zu schaffen - obwohl die Griechen dazu andere Erfahrungen haben und verständlicherweise anderer Meinung sind. Deutschland und seine Regierungschefin wirken im März 2016 wie isolierte Reisende auf einem Sonderweg. Alle anderen schließen. Routen, Grenzen. Im Kalten Krieg gab es vielleicht eben soviel Stacheldraht auf dem Kontinent, der nur mit seinen Zäunen und seinem Klingendraht höchstens etwas Zeit gewinnt. Die Flüchtlinge kommen.“

Die Antwort kann nur lauten: Das darf die Politik nicht. Sie soll sich zurückhalten. Die Unabhängigkeit ist das Kapital der EZB. Paradoxerweise haben die deutschen Politiker genau deswegen Recht mit ihrer Kritik. Denn es ist nicht die Forderung der Bundesregierung und der ihr nahestehenden Politiker, die die Unabhängigkeit der EZB in Frage stellt.

Vielmehr hat die EZB diese Unabhängigkeit schon längst verloren. Sie scheint schon längst der Erfüllungsgehilfe vieler Regierungen in der Europäischen Währungsunion (EWU) geworden zu sein. Inwieweit sie dabei auch auf die Wünsche von Investmentbanken und chronisch schwachen Geschäftsbanken in Südeuropa eingeht, kann nur spekuliert werden. Diese sind sicherlich nicht unzufrieden mit der Geldschwemme.
Diese Aufgabe ihrer Unabhängigkeit zeigt sich einerseits direkt an den Maßnahmen der EZB und andererseits indirekt an den Reaktionen der Regierungen der meisten Mitgliedsländer der Eurozone. Die EZB druckt – den europäischen Verträgen zum Trotz und ungedeckt durch ihr Mandat – Geld, um damit Staatsanleihen zu kaufen. Dies tut sie immerhin nicht direkt; doch ist natürlich die Bereitschaft von Investoren, Staatsanleihen zu kaufen vermutlich nur deshalb hoch, weil die EZB als Käufer schon wartet. Sie hält die Zinsen künstlich niedrig, was die Vermögenspreisinflation in der Eurozone massiv befeuert. Es dürfte eine Fehlallokation der Ressourcen bewirken, dass Zeit keinen Preis mehr hat.

Die EZB vorm Bundesverfassungsgericht

  • Worum geht es in dem Verfahren?

    Im Kern geht es um das historische Versprechen von EZB-Präsident Draghi aus dem Sommer 2012. Als die Eurozone vor der Zerreißprobe stand, erklärte der Italiener: „Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten.“ Wenig später beschloss die Notenbank, unter bestimmten Bedingungen notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Dieses Kaufprogramm mit dem Namen „Outright Monetary Transactions“ (OMT) beschäftigt die Juristen bis heute.

  • Wurde das Kaufprogramm überhaupt angewendet?

    Nein. Kritiker werfen der Notenbank dennoch vor, sie habe mit dem OMT-Beschluss ihre Kompetenzen überschritten. Über Anleihenkäufe finanziere die EZB letztlich Staatsschulden mit der Notenpresse. Das mache die Notenbank abhängig von den jeweiligen Staaten und gefährde ihre Unabhängigkeit. Zudem lähme es die Reformbereitschaft, wenn sich Regierungen darauf verließen, dass es notfalls die EZB richten werde.

  • Wie bewertet das Bundesverfassungsgericht die Anleihenkäufe?

    Das höchste deutsche Gericht kam Anfang 2014 zu dem Schluss, die EZB habe mit dem OMT-Beschluss ihre Kompetenzen überschritten. Laut EU-Vertrag dürfe sie keine eigenständige Wirtschaftspolitik betreiben. Zudem verstoße der OMT-Beschluss gegen das Verbot der Mitfinanzierung von Staatshaushalten. Zur Klärung von EU-Recht gab Karlsruhe das Thema aber an den Europäischen Gerichtshof (EuGH).

  • Wie haben die Luxemburger Richter geurteilt?

    Der EuGH entschied: Grundsätzlich darf die EZB zur Euro-Rettung Staatsanleihen kaufen. Das OMT-Programm aus dem Sommer 2012 sei rechtmäßig: „Das Programm überschreitet nicht die währungspolitischen Befugnisse der EZB und verstößt nicht gegen das Verbot der monetären Finanzierung von Mitgliedstaaten.“ Die Schritte der Notenbank müssten jedoch verhältnismäßig und gut begründet sein und dürften keine wirtschaftspolitische Maßnahme sein. Insgesamt wurde der Gerichtshof seinem Ruf gerecht, eher großzügig zu sein, wenn es um Kompetenzen von EU-Institutionen geht. Bisher hatten die Luxemburger Richter keine Einwände gegen Rettungsbemühungen in der Euro-Schuldenkrise.

  • Aber damit ist der Streit um Staatsanleihenkäufe nicht entschieden?

    Nein, denn der EuGH entscheidet nicht über den nationalen Rechtsstreit. Auf Basis des EuGH-Urteils haben die deutschen Richter nun zu bewerten, ob die Anleihenkäufe verfassungsgemäß sind. 2014 hatten sie mitgeteilt, ob der OMT-Beschluss der EZB mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar sei, könne letztlich erst geklärt werden, wenn der EuGH die vorgelegten Fragen beantwortet habe. Ein Urteil wird frühestens in einigen Monaten erwartet.

  • Wie könnte das Karlsruher Urteil ausfallen?

    Volkswirte fordern, das Bundesverfassungsgericht solle sein Urteil zumindest dazu nutzen, deutsche Vorbehalte festzuschreiben. „Wir sind dafür, dass das Bundesverfassungsgericht ein Signal nach Luxemburg und Frankfurt sendet, dass man nicht einfach machen kann, was man will“, betont der Wirtschaftsweise Lars Feld. Durch eine Begründung, die von der Pro-EZB-Entscheidung des EuGH abweicht, könnte sich Deutschlands höchstes Gericht auf nationaler Ebene die Kontrolle über künftige EZB-Maßnahmen zur Euro-Rettung vorbehalten. Beobachter halten eine solche Kompromiss-Linie für durchaus wahrscheinlich. Dass Karlsruhe das EuGH-Urteil komplett verwirft, wird nicht erwartet.

  • Was bedeutet das Verfahren für das laufende Kaufprogramm der EZB?

    Direkt nichts. Denn es geht nicht um die Anleihenkäufe, die seit dem 9. März 2015 laufen („Quantitative Lockerung“ oder englisch „Quantitative Easing/QE“). Doch weil auch gegen dieses aktuelle Programm bereits eine Verfassungsbeschwerde vorliegt, wird die Karlsruher Entscheidung mit Spannung erwartet. Beim QE-Programm investiert die EZB monatlich 60 Milliarden Euro in Staatsanleihen und andere Wertpapiere - und das bis mindestens März 2017. Wichtiger Unterschied zum OMT-Programm: Das Geld fließt nicht nur in Papiere von Krisenstaaten, sondern in Anleihen aus dem gesamten Euroraum. Das frische Zentralbankgeld soll über Geschäftsbanken als Kredit bei Unternehmen und Verbrauchern ankommen. Das könnte Investitionen und Konsum anschieben und soll so auch die Inflation anheizen.

Im privaten Bereich werden wieder verstärkt Risiken eingegangen. Die Blase, die 2008 geplatzt ist, wird gerade wieder aufgepumpt. Außerdem ermöglicht die EZB damit den Staaten, sich weiter zu verschulden. Die Regierungen nutzen – anders als von der EZB zurecht gefordert – die Phase expansiver Geldpolitik nicht zu wirtschaftspolitischen Reformen. Solche Reformen – z.B. eine Deregulierung zahlreicher Dienstleistungsmärkte und eine Re-Regulierung der Arbeitsmärkte – würde der Geldpolitik wenigstens einen kleinen Sinn zubilligen. Dann würden nämlich die Kredite an Unternehmen in Südeuropa attraktiver werden (sowohl für die Banken als auch für die Unternehmen). Stattdessen schützt die laxe Geldpolitik die Regierungen vor politisch anstrengenden Reformen. Dies hat den in der langen Frist unangenehmen Effekt, dass die Nachhaltigkeit staatlicher Budgets in der EWU weiter absinkt.

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