Freytags-Frage: Wie wahrscheinlich ist der Grexit?

kolumneFreytags-Frage: Wie wahrscheinlich ist der Grexit?

Kolumne von Andreas Freytag

Griechenland will nicht mehr sparen, die Europäer wollen sich nicht erpressen lassen. Ein Euro-Aus der Griechen scheint möglich - jedenfalls auf dem ersten Blick.

Die britische Regierung stellt sich bereits auf ihn ein, andere sehnen ihn herbei, dritte – vor allem die europäischen Entscheidungsträger – dürften ihn ziemlich fürchten: den Grexit, also den Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone und eventuell gleich aus der Europäischen Union dazu.

Anzeige

Ist der Grexit überhaupt eine Option? Und wenn, was bedeutet es für die Eurozone insgesamt? Wollen die Griechen raus? Hilft es Ihnen, wenn sie die Eurozone verlassen?

Beginnen wir mit der letzten Frage. In der Tat kann es für die Wettbewerbsfähigkeit griechischer Unternehmen und Jobs von Vorteil sein, eine eigene Währung zu haben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in den ersten Tagen nach Einführung deutlich gegenüber dem Euro abwerten wird. Dann würden griechische Waren und Dienstleistungen im Ausland bzw. für Ausländer billiger, und ausländische Konkurrenzprodukte teurer. Der Absatz könnte steigen, die Beschäftigung sich ausweiten.

Reaktionen in den Medien

  • „Le Figaro“: Die griechische Herausforderung

    „Wenn diese Wahl gegen das „Establishment" in Griechenland ausreicht, damit Frankreich, Deutschland und andere die Schulden Griechenlands an seiner Stelle zurückzahlen, würde dies den übrigen Euroskeptikern von Podemos in Spanien über Ukip in Großbritannien bis hin zu Marine Le Pen in Frankreich Tür und Tor öffnen. Sollte hingegen jetzt Griechenland aus der Eurozone und der EU austreten, dann wird man damit leben müssen. Auf jeden Fall wird man aus diesem Experiment (des Syriza-Parteichefs Alexis) Tsipras wertvolle Lehren ziehen können. Für Europa ist es sinnvoller, das griechische Experiment bis zum Ende zu beobachten, als zu versuchen, das Land durch eine inkonsequente Sonderbehandlung zu neutralisieren.“

  • „De Standaard“: Europa steht vor einem Dilemma

    „Europa steht nun vor einem Dilemma. Soll es rigoros auf dem strikten Sparkurs bestehen, den es den Griechen auferlegt hat? Oder soll es sich mit Tsipras an den Verhandlungstisch setzen, um nach einem Kompromiss zu suchen? Letzteres scheint die vernünftigste Option zu sein. Dabei dürfte jedoch der radikalste Punkt des Syriza-Programms - der Erlass eines Teils der Staatsschulden - ausgeschlossen sein. Das wäre nicht fair gegenüber jenen Euroländern, die sich stets dem Brüsseler Spardiktat gebeugt haben, und erst recht nicht gegenüber denjenigen, die ebenfalls durch Europa „gerettet“ wurden und im Gegenzug ihren Verpflichtungen artig nachgekommen sind.“

  • „Aftenposten“: Tsipras hat seine Chance nicht genutzt

    „Politiker, die eine Wahl gewinnen wollen, dürfen große Worte benutzen. Aber sobald die Wahl vorbei ist, wird erwartet, dass die Rhetorik abgeschwächt wird, um die Erwartungen der Anhänger in Vorbereitung auf den Alltag zu dämpfen. Das gilt besonders für einen Politiker, der Ministerpräsident wird. Das war die Möglichkeit, die Tsipras gestern hatte und nicht genutzt hat. Als er seine Siegesrede am Sonntagabend gehalten hat, hat er die meisten seiner Wahlversprechen wiederholt, nicht zuletzt seine unversöhnliche Haltung gegen die Forderungen, die die EU als Bedingung für die enormen Kredite, die Hellas seit 2010 bekommen hat.“

  • „DNA“: Syriza bringt Europa und Griechenland frischen Wind

    „Der haushohe Sieg von Syriza bedeutet einen Bruch mit der etablierten Ordnung und ein Todesurteil für einige alte erstarrte Parteien. Er bringt einen frischen Windstoß für einen Kontinent, der neuen Atem schöpfen und sich neu erfinden muss. Man kann vernünftigerweise hoffen, dass (Syriza-Chef Alexis) Tsipras das tun wird, was (Präsident) François Hollande nach seiner Wahl nicht tun konnte oder wollte. Tsipras' Politik des Wiederaufschwungs und der Reformen der Institutionen kann vielleicht Erfolge bringen, wenn die Finanzmärkte ihm die Zeit lassen, sie durchzusetzen. Tsipras verdient eine Chance dort, wo alle anderen Politiker gescheitert sind.“

  • „Guardian“: Neue Vereinbarungen für eine neue Ära in Griechenland

    „Jetzt wird sich entscheiden, ob die neue griechische Regierung sich mit ihren Kreditgebern auf neuer Grundlage einigen kann. Ein erfolgreiches Ergebnis wird hauptsächlich von Deutschland abhängen, wo man immer noch meint, dass die Eurozone nur mit der finanzpolitischen Rechtschaffenheit weiterleben kann, die das Erdbeben in Griechenland herbeigeführt hat. Für (Bundeskanzlerin) Angela Merkel wird das nicht einfach sein. Es ist ja nicht nur Griechenland; die gesamte Eurozone braucht einen Neuanfang. Der Norden sollte endlich auf die Botschaft des Südens hören.“

  • „El País“: Syriza darf Steuerzahlern in der EU nicht schaden

    „Die Wahl in Griechenland zeigt, dass die demokratischen Strukturen in Europa funktionieren. Sie erlauben den Sieg von nicht konventionellen Parteien. Griechenland bleibt ein Mitglied der europäischen Familie, auch wenn die neue Führung keinem der etablierten Lager der Konservativen und der Sozialdemokraten angehört.

    Die EU-Verbündeten nehmen den Wahlausgang, auch wenn er ihnen nicht gefällt, als etwas Normales hin. Syriza wird als Regierungspartei die Interessen der Bürger so gut vertreten wie es geht. Die neue Regierung muss aber die internationalen Verpflichtungen einhalten. Sie darf den Steuerzahlern in den anderen EU-Ländern keinen Schaden zufügen und keine Angriffe auf die Stabilität der EU unternehmen.“

  • „NZZ“: Die schwere Last des Wahltriumphs in Griechenland

    „Der Wahltriumph des Linksbündnisses hat auch politisch eine europäische Dimension. Er wird in den südeuropäischen Ländern jene Protestparteien beflügeln, welche die Sparpolitik bekämpfen. (Parteichef Alexis) Tsipras will nicht nur Griechenland retten, sondern den ganzen Kontinent verändern. Ihm schwebt ein Europa ohne Austerität vor. Der Wahlsieger hat der eigenen Bevölkerung trotz dem gewaltigen Schuldenberg viel versprochen. Die Erwartung ist groß, dass die neue Partei die alten Verkrustungen aufbrechen kann. Ob die Rezepte von Tsipras Linderung bringen werden, ist fraglich. Sie könnten das Land auch in ein noch größeres Elend stürzen.“

Allerdings ginge dies einher mit Reallohnverlusten (und gestiegenen Importpreisen) für alle. Und darin liegt der Unterschied, der das Unterfangen politisch auch einfacher umsetzbar als weitere Reformen macht: Die Abwertung träfe alle gleichermaßen, die relativen Wohlstandspositionen innerhalb des Landes verschöben sich nicht kurzfristig, langfristig könnten aber viele gewinnen.

Ist der Grexit überhaupt eine Option?

Der zweite Nachteil ist der, dass die Schulden in Euro für den griechischen Staat und die griechischen Privaten in heimischer Währung nach der Abwertung teurer würden. Dem entgegen steht, dass die Auslandsvermögen der Griechen in heimischer Währung an Wert gewinnen. Durch den zu erwartenden Aufschwung könnte es sogar sein, dass Teile dieses Vermögens wieder nach Griechenland zurückkehrten und dort produktiv eingesetzt würden.

Geht man zuden – wie der Kolumnist – davon aus, dass die griechischen Staatsschulden ohnehin nie zurückgezahlt werden und dass dies fest im Kalkül der Finanzminister der Eurozone verankert ist, verbessert sich die Lage Griechenlands. Ist dies nicht der Fall, ist das Bild unklarer.

Der griechische Ministerpräsident hat damit die Unterstützung des Parlaments für seinen Plan, aus dem internationalen Hilfsprogramm auszusteigen.

Allerdings verbessert sich die Lage der einfachen Griechen, aber nicht notwendigerweise die der griechischen politischen Elite. Denn mit eigener Währung müssten sie selber für Veränderungen sorgen; es gäbe keinen Sündenbock mehr. Niemand in Griechenland wäre dann dazu zu bringen (irrigerweise) zu glauben, dass Frau Merkel und die Troika Schuld an (zukünftigen) Miseren hätten; die griechischen Politiker wären offenkundig verantwortlich und müssten selber liefern. Das spricht klar gegen den Grexit.

Das Interesse der griechischen Politik-Elite (ob links oder rechts) dürfte mit dem Interesse der politischen Entscheidungsträger der Eurozone gleichlautend sein. Auch dort wird der Grexit mit Sicherheit gefürchtet. Gerade bei der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte die Angst davor groß sein; wer bräuchte sie dann noch? Aber auch die Regierungen in den anderen Ländern müssen sich sorgen, denn eine erfolgreiche griechische „Währungsreform“ dürfte die politische Situation ein wenig aufrühren.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%