Gauck in Athen: Gauck spürt deutsch-griechische Spannungen

Gauck in Athen: Gauck spürt deutsch-griechische Spannungen

, aktualisiert 06. März 2014, 16:41 Uhr

Keine anti-deutschen Proteste, aber viele Fragen: Joachim Gauck muss sich bei seinem Staatsbesuch in Griechenland mehr als erwartet mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Eigentlich sein Thema, hier aber besonders knifflig.

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Bundespräsident Joachim Gauck wurde mit militärischen Ehren begrüßt.

Massendemonstrationen sind es diesmal nicht, nur ein paar hundert Menschen in der Nähe des Syntagma-Platzes - und sie protestieren nicht gegen Joachim Gauck, sondern gegen Arbeitslosigkeit und Stellenstreichungen. Das ist die griechische Realität. Schnell wird die Demonstration aufgelöst. Der Bundespräsident kann ungehindert seinen Kranz niederlegen vor dem Grab des unbekannten Soldaten. Nur ein paar Rufe von der anderen Straßenseite sind zu hören. Gleich auf mehreren Ebenen begleitet die Vergangenheit den Auftakt des deutschen Staatsbesuchs in Athen - mehr als die brutale Wirtschaftskrise, die das Land im siebten Jahr peinigt, und für die viele immer noch Deutschland und seine rigorosen Sparauflagen verantwortlich machen.

Aber ginge es den Griechen nicht so schlecht, dann wäre vielleicht auch die Forderung nach Milliarden-Zahlungen als Entschädigung für Mord und deutsche Gewaltherrschaft während des Zweiten Weltkrieges nicht so populär. Nun aber wird Gauck vom greisen Staatspräsidenten Karolos Papoulias direkt mit dem unangenehmen Thema konfrontiert. Verhandlungen müssten so schnell wie möglich beginnen, sagt er Gauck ins Gesicht, obwohl die Bundesregierung doch genau diese Verhandlungen ablehnt.

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Es geht - zumindest theoretisch - um über 100 Milliarden Euro, eine Riesensumme für das Krisenland. Allerdings hat die Forderung nach Ansicht von Experten juristisch praktisch keine Chancen. Aber moralisch und politisch ist sie für die angespannten deutsch-griechischen Beziehungen eine weitere Belastung. Joachim Gauck ist sich der Fallstricke bewusst. Der gute Präsident gegen die böse Kanzlerin oder den bösen Finanzminister - in diese Falle will er nicht tappen bei seinem Staatsbesuch in Griechenland, wo Angela Merkel noch vor einigen Monaten mit Hitler-Bärtchen und in SS-Uniform verhöhnt wurde. Deshalb kann er keine Zusagen geben, erklärt sich bei der Reparationsfrage für nicht zuständig.

Aber die Fragen der griechischen Medien waren an diesem Donnerstag nicht zu überhören: Wird Gauck sich auf eine Entschuldigung für die Gräueltaten während des Zweiten Weltkrieges beschränken - immerhin wäre es die erste eines deutschen Staatsoberhaupts? Die linke Zeitung „Eleftherotypia“ hatte die richtige Prognose: „Deutsche Entschuldigung - aber keine Reparationen.“ Die Parteizeitung der radikal-linken Oppositionspartei Syriza trat am Donnerstag voll aufs Gas: „Die Stunde der Zahlungen für Deutschland“ sei gekommen, lautete der Tenor. Man darf davon ausgehen, dass Alexis Tsipras, der Chef der Partei, bei seinem Treffen mit Gauck das Thema nicht nur vorsichtig ansprach.

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Zweites Thema in Athen war dann aber doch auch die aktuelle Lage: Wird Gauck neben Ansporn und Ermutigung auch konkrete Hilfszusagen mitbringen?. „Wir hoffen es“, sagte ein hoher Funktionär des Finanzministeriums der Nachrichtenagentur dpa. Denn aus den großen EU-Staaten sei bislang viel guter Rat gekommen, aber keine einzige „dicke“ Investition. Doch auch hier musste Gauck seine Gastgeber schon von Amts wegen enttäuschen. Milliardengeschenke hatte er nicht mitgebracht. Stattdessen forderte er Solidarität der Griechen auch untereinander.

Viel lag dem Bundespräsidenten daran, Deutschland in ein positiveres Licht zu setzen. Gegenüber dem ehemaligen Widerstandskämpfer Papoulias sagte er: „Ich vertrete ein Deutschland, das so grundsätzlich anders ist als das, das sie als junger Mensch bekämpfen mussten.“ Gemeinsam werden Gauck und Papoulias am Freitag in die Heimatregion des griechischen Präsidenten reisen und dort der Opfer eines deutschen Massakers gedenken. Dass diese gemeinsame Reise möglich ist, berührt Gauck. „Das ist ein großes Geschenk nicht nur für mich, sondern auch für Deutschland.“

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