Gbureks Geld-Geklimper: Die EZB wird radikaler vorgehen, die Politik auch

kolumneGbureks Geld-Geklimper: Die EZB wird radikaler vorgehen, die Politik auch

Kolumne von Manfred Gburek

Schuldenobergrenzen, das war gestern. Jetzt heißt es vor allem, die Konjunktur anzuschieben. Dabei spielt die EZB die entscheidende Rolle. Politiker werden in die alte Kiste namens Deficit Spending greifen.

Erst die schlechte Nachricht: EZB-Präsident Mario Draghi steht von mehreren Seiten unter Druck. Und nun die gute Nachricht: Er wird dem Druck standhalten. Wie? Indem er das nachvollzieht, was andere Notenbankchefs schon längst praktiziert haben: Er wird die Bilanzsumme der EZB drastisch erhöhen. Die Schweizerische Nationalbank, die Bank of England und die amerikanische Fed haben ihre Bilanzsummen in den vergangenen sieben Jahren verfünffacht. Ihre Länder sind dadurch nicht gerade ärmer geworden, im Gegenteil. Zur selben Zeit brachte es die EZB nur auf eine Verdoppelung. Doch die Zeitläufte ändern sich gerade, die Aufblähung der Bilanzsumme ist beschlossen.

Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

  • Worum es geht

    Die EZB senkt im Kampf gegen eine drohende Deflation ihren Leitzins überraschend auf das neue Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld lag seit Juni bei 0,15 Prozent. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte Zentralbank-Chef Mario Draghi zudem an, dass die EZB sogenannte Kreditverbriefungen (ABS) sowie Pfandbriefe aufkaufen wird. Ökonomen und Händler sagten dazu in ersten Reaktionen:

  • Hans-Werner Sinn, ifo-Präsident

    "Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt. Jetzt ist sie in der Liquiditätsfalle. Sie kann an dieser Stelle kaum noch etwas tun. Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an. Damit würde sie das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist, weil es sich dabei um eine fiskalische und keine geldpolitische Maßnahme handelt. Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten."

  • Ralf Umlauf, Helaba

    "Die Notenbanker argumentieren mit den zuletzt schwachen Konjunkturdaten und der geringen Inflation. Auch die gesunkenen mittelfristigen Inflationserwartungen wurden thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden auch die Projektionen für Wachstum und Inflation in diesem Jahr nach unten angepasst. Insofern bleibt die Tür für weitergehende Lockerungsschritte weit geöffnet."

  • Eugen Keller, Metzler Bank

    "EZB-Chef Mario Draghi hat geliefert, warum auch immer. Für uns ist das nicht gerade eine glückliche Maßnahme. Alle Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, ihre Liquidität irgendwo zu parken, ohne bestraft zu werden. Auch die Sparer dürften sich verraten fühlen und werden immer mehr ins Risiko gezwungen."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband BDB

    "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda - zumal sie konjunkturell nichts bringt und verpuffen wird. Die Deflationsgefahr lässt sich damit nicht vertreiben. Dazu bedarf es eher eines Anleihen-Kaufprogramms. Die EZB signalisiert mit ihrer Maßnahme aber, dass sie sehr weit zu gehen bereit ist. Das ist eher ein symbolischer Schritt. Die realwirtschaftlichen Folgen sind bescheiden."

  • Carsten Brzeski, ING

    "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen? Wenn Draghi um 14.30 Uhr mit der Pressekonferenz beginnt, wissen wir mehr. Dann wird sich zeigen, ob die Zinssenkung nur das Vorspiel für weiteres geldpolitisches Feuerwerk sein wird oder er damit den bequemsten Weg wählte, um unkonventionelle Maßnahmen in großem Stil ohne Gesichtsverlust abzuwenden."

  • Ein Aktienhändler

    "Das war schon eine heftige Überraschung, mit einer Zinssenkung hat kaum einer gerechnet. Bei der Senkung der Zinsen handelt es sich zwar nur noch um Nuancen, aber das ist ein wichtiges Signal an die Kapitalmärkte, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, was nötig ist."

Indizien dafür gibt es ja bereits seit geraumer Zeit. Etwa indem die Aktienkurse bis zu diesem Sommer auf breiter Front gestiegen sind, ohne dass es dafür fundamentale Gründe gab – sie wurden halt von der Erwartung auf noch mehr Spielgeld getrieben. Oder indem Draghi die Absicht äußerte, auch umstrittene Asset Backed Securities zu kaufen. Oder indem zuletzt durchsickerte, die EZB sei bereit, sogar Anleihenschrott aus Griechenland und Zypern zu kaufen. Machen wir uns nichts vor, mit dem lächerlich niedrigen aktuellen Leitzins von 0,05 Prozent ist die EZB an die Grenzen ihrer bisherigen Geldpolitik gestoßen. Jetzt muss sie nachlegen.

Anzeige

Eine perfekte Teilenteignung

Wenn aber der Zins als Preis für Geld ausgedient hat und wenn er trotz einer mickrigen Inflationsrate im Euroraum von nur noch 0,3 Prozent real ins Minus gerutscht ist, worin wird dann wohl das Nachlegen bestehen? Ruft man sich Draghis Aussagen während der vergangenen Jahre ins Gedächtnis zurück, wird deutlich, dass er umfangreiche Anleihenkäufe im Visier hat. Als er sich zum Beispiel wieder einmal darüber ärgerte, dass das Zinsniveau für Anleihen der verschiedenen Euroländer auseinander zu driften drohte, behauptete er: Diese Entwicklung zu unterbinden, falle in das EZB-Mandat. Danach näherten sich die Zinsen im Euroraum an.

2014 – ein heikles Jahr für die EZB

  • Neue Bleibe

    In gebührendem Abstand zu den Bankentürmen im Westend entsteht in Frankfurt das neue Hauptquartier der EZB. Wann genau die Notenbanker dort einziehen werden, ist noch nicht klar - geplant ist aber 2014. Die EZB bleibt aber auch im Frankfurter Euro-Tower. Hier werden die Bankenaufseher untergebracht. Geldpolitiker und Aufseher sollen also nach den Umzügen nicht unter einem Dach arbeiten - Interessenskonflikte sollen so auf ein Minimum reduziert werden.

  • Neues Mitglied

    Sabine Lautenschläger ist anstelle von Jörg Asmussen ins EZB-Direktorium eingezogen. Ebenfalls neu ist Lettlands Zentralbankchef Ilmars Rimsevics. Lettland ist das 18. Land, das den Euro eingeführt hat.

  • Neue Offenheit

    Lautenschläger, Rimsevics und die anderen Notenbanker müssen sich an eine neue Offenheit der EZB gewöhnen. Die Zentralbank könnte schon bald wie etwa die Federal Reserve in den USA Protokolle oder zumindest schriftliche Zusammenfassungen der Sitzungen des EZB-Rats publik machen.

    Draghi will dem EZB-Rat dazu schon bald einen konkreten Vorschlag machen. Umstritten ist, wie genau sich die Öffentlichkeit künftig ein Bild vom Abstimmungsverhalten der einzelnen Notenbanker machen kann.

  • Neue Instrumente

    Die EZB geht mit einem rekordniedrigen Leitzins ins Jahr 2014: Seit November können sich die Geschäftsbanken bei ihr für 0,25 Prozent Zinsen refinanzieren. Zudem hat der EZB-Rat beschlossen, dass die Institute noch bis mindestens Mitte des übernächsten Jahres so viel Liquidität bekommen, wie sie bei der EZB abrufen - ohne Obergrenze. Damit ist das Finanzsystem zwar geschützt gegen Liquiditätsengpässe, doch stockt der Kreditfluss in den besonders krisengeplagten Ländern Südeuropas.

    Zudem ist die Inflation in der Eurozone aus Sicht der Notenbanker zu niedrig. Die Zentralbanker betonen seit der letzten Zinssenkung, dass sie noch zahlreiche Pfeile im Köcher haben. Dazu gehören unter anderem weitere milliardenschwere Geldspritzen, um die Banken flüssig zu halten, sowie ein Strafzins für Banken, die Gelder lieber bei der EZB parken, als sie an Unternehmen und Haushalte als Kredit weiterzureichen.

  • Neue Banken

    Wenn die EZB wie geplant im November 2014 die Oberaufsicht über die Banken der Währungsunion übernimmt, hat sie zumindest die 128 größten Institute bereits auf Herz und Nieren geprüft. Denn in den nächsten Monaten steht der größte Gesundheitscheck der Branche auf dem Programm, den es je gegeben hat.

    Ziel der EZB ist es, die Banken möglichst besenrein, also ohne schlummernde Altlasten in den Bilanzen, zu übernehmen.

Kaum etwas spricht dagegen, dass es in der Realität dabei bleibt – es sei denn, der Euro fliegt auseinander, doch das werden die Geldhüter zusammen mit den Politikern zu verhindern wissen. Und beide Gruppen dürften gemeinsam noch etwas in die Tat umsetzen, was in dieser oder in ähnlicher Form während der vergangenen Jahrhunderte schon mehrfach funktioniert hatte, wobei Steuerzahler und speziell die Besitzer von Geldwerten darunter leiden mussten: die Entschuldung der Staaten auf dem Umweg über die Notenbank. In diesem Fall würde die EZB einen derzeit noch unvorstellbar hohen Betrag – ein paar Billionen Euro - in Staatsanleihen der Euroländer investieren, deren Zinsen auf Null stellen und hoffen, dass die Anleihenentwertung durch Inflation jahrzehntelang den Rest besorgt. Also eine geradezu perfekte Teilenteignung – wenn nicht sogar eine ganze -, längst bekannt unter dem Begriff finanzielle Repression.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%