Geldpolitik: Braucht die EZB ein neues Inflationsziel?

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Geldpolitik: Braucht die EZB ein neues Inflationsziel?

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Ist ein starres Inflationsziel noch zeitgemäß?

von Saskia Littmann

Preisstabilität ist das oberste Mandat der Zentralbank. Um ihr Inflationsziel nahe zwei Prozent zu erreichen, kauft sie massenhaft Anleihen. Das birgt Risiken. Kritiker fordern mehr Gelassenheit von den Notenbankern.

Sie kauft und kauft und kauft - regelmäßig informiert die Europäische Zentralbank (EZB) nun darüber, für wie viel Milliarden Euro sie wöchentlich Anleihen kauft. Zuletzt kauften die Zentralbank und die nationalen Notenbanken Wertpapiere für insgesamt 18,2 Milliarden Euro in einer Woche. Insgesamt wurden seit dem Start des Anleihekaufprogramms schon Anleihen für über 64 Milliarden Euro gekauft, das Monatsziel von 60 Milliarden Euro hat die Zentralbank also erreicht.

Soweit der Anfang - ein Ende der Geldflut ist dagegen nicht in Sicht. Zwar hat EZB-Chef Mario Draghi erklärt, vorerst bis September 2016 Anleihen kaufen zu wollen. Dieses Datum gilt allerdings als Minimalziel. Sollte die Inflationsrate in der Euro-Zone bis dahin nicht an das von der EZB gesteckte Ziel für Preisstabilität bei nahe zwei Prozent herangerückt sein, könnte die Zentralbank auch deutlich länger und mehr Anleihen kaufen.

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Fragen zum EZB-Anleihekaufprogramm

  • Warum startet die EZB umfangreiche Anleihenkäufe?

    Die Preisentwicklung im Euroraum bereitet den Notenbankern Sorgen. Im Januar und Februar sind die Verbraucherpreise auf Jahressicht jeweils gesunken. Deshalb befürchten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Das könnte dazu führen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmt. Dies will die EZB mit den Käufen verhindern: „Das Programm wird dazu beitragen, die Inflation wieder auf ein Niveau zurückzuführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“ Die EZB strebt eine Teuerungsrate von knapp zwei Prozent an.

  • Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

    Die EZB kauft Wertpapiere am Sekundärmarkt - also nicht direkt bei Staaten, sondern bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm den Unternehmen in ganz Europa helfen wird, leichter Zugang zu Krediten zu erhalten. Das werde die Investitionstätigkeit steigern, Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum insgesamt stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

  • Welche Papiere kauft die EZB?

    Die EZB will Papiere von Eurostaaten, von internationalen Institutionen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) oder von nationalen Förderbanken wie der KfW kaufen. Bei Staatsanleihen gilt: Gekauft werden nur Papiere von guter Bonität. Anleihen, die von Ratingagenturen als Ramsch gewertet werden, sind außen vor - es sei denn, das Land befindet sich in einem Sanierungsprogramm der EU und erfüllt alle Sparauflagen. Die Überprüfung des Programms muss abgeschlossen sein. Damit ist im Moment ausgeschlossen, dass die EZB Anleihen Zyperns oder Griechenlands kauft.

  • Wie wirkt die Geldflut?

    Bislang vor allem wie ein Schmierstoff für Aktienmärkte. Da viele andere Geldanlagen wegen der niedrigen Zinsen kaum noch etwas abwerfen, stecken Investoren ihr Geld in Aktien. Die Kurse steigen. Experten warnen, dass dadurch Blasen an den Aktienmärkten entstehen können. Ähnliches gilt für Immobilienmärkte. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret sieht die Gefahr, dass viele Anleger auf der Suche nach Rendite zu Vermögenswerten greifen, die sie bisher wegen deren Risiken gemieden haben: „Die Entstehung von Preisblasen wird damit wahrscheinlicher, und das könnte zu einem Problem für die Stabilität des Finanzsystems werden.“

  • Gibt es Kritik an den Staatsanleihenkäufen?

    Bundesbank-Präsident Jens Weidmann befürchtet, dass der Reformeifer in Krisenländern nachlassen könnte - schließlich wird das Schuldenmachen billiger, wenn die EZB als großer Akteur auf den Plan tritt. Kritiker werfen der EZB zudem vor, sie finanziere letztlich Staatsschulden mit der Notenpresse. Das mache die Notenbank abhängig von den Staaten und gefährde ihre Unabhängigkeit.

  • Hat die EZB keine anderen Mittel?

    Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für die Zinsen, mit denen die Geldpolitiker eigentlich die Inflation steuern: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft. „Gäbe es noch Spielraum, so hätte die EZB die Leitzinsen bereits gesenkt. Da diese Möglichkeit aber nicht mehr bestand, war das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten das einzig geeignete Instrument, mit dessen Hilfe die EZB ein ähnliches Ergebnis erreichen konnte“, erklärt die EZB.

Mit ihrer Kaufkraft versucht die Notenbank also, die Teuerungsrate auf ihren Zielwert hochzutreiben. Man stelle sich einen tiefen Brunnen vor. Um besser an das Wasser zu kommen, gießen die Währungshüter von oben kräftig Liquides nach. Trotzdem bewegt sich der Eimer mit Wasser, den sie nach oben ziehen wollen, nur sehr langsam, weil andere Faktoren - wie niedrige Energiekosten - den Eimer nach unten ziehen.

Die EZB versucht also alles in ihrer Macht stehende, um ihr Inflationsziel zu erfüllen. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, denn sie verfolgt damit nichts anderes als ihr Mandat. Die wichtigste Aufgabe der Zentralbank ist es, den Wert des Euro stabil zu halten, so ist es im Artikel 105 des EG-Vertrages vermerkt.

Soweit die Faktenlage. Dennoch mehren sich derzeit die Stimmen, die das Stabilitätsziel der EZB und anderer Zentralbanken in Frage stellen. Es sei unter den aktuellen ökonomischen Bedingungen in der Euro-Zone nicht mehr zeitgemäß. Stimmt das, was zunächst angesichts des Risikos welches vom Kauf der Staatsanleihen ausgeht, nachvollziehbar klingt?

Historisches Ziel

Die EZB ist nicht die einzige Zentralbank, die Preisstabilität mit einer Inflationsrate unter, aber nahe zwei Prozent definiert. Ein solches Ziel verfolgt auch die Federal Reserve in den USA, die Bank of England und andere große Notenbanken. Auch die Deutsche Bundesbank wurde aufgrund ihrer stabilitätsorientierten Politik geschätzt. Das Inflationsziel der Frankfurter lag am Ende ihrer geldpolitischen Hoheit bei 1,75 Prozent.

Als dann die EZB das Zepter übernahm, diente die Bundesbank als Blaupause, Europas neue Währungshüter definierten stabile Preise zunächst mit Inflationsraten, die mittelfristig "unter zwei Prozent" liegen. Denn streng genommen liege Stabilität vor, wenn die Preise gar nicht stiegen, die Inflationsrate also bei null Prozent rangiere, erklärt Heinz-Dieter Smeets, der an der Universität Düsseldorf Volkswirtschaft lehrt. Um Spielraum für mögliche Messfehler zu haben, legten die meisten Zentralbanken den Zielwert allerdings nicht auf Null, sondern auf unter zwei Prozent. So blieb auch eine Art Sicherheitspuffer. Denn vielen Ökonomen war ein Zielwert von null aufgrund der gefährlichen Nähe zur Deflation zu riskant.

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