Gerhard Cromme: "Es gibt keine Alternative zur Achse Berlin-Paris"

Gerhard Cromme: "Es gibt keine Alternative zur Achse Berlin-Paris"

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"Hollande geht unaufgeregt und vorausschauend an Dinge heran", so der Aufsichtsratchef von ThyssenKrupp und Siemens Gerhard Cromme.

von Roland Tichy und Andreas Wildhagen

Spitzenmanager Gerhard Cromme ist überzeugt, dass wirtschaftliche Zwänge Frankreichs Präsidenten François Hollande zu Pragmatismus zwingen – und zu einem guten Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel.

WirtschaftsWoche: Herr Cromme, als langjähriger Top-Manager in Frankreich sind Sie ein Mann, der über den teutonischen Suppenschüsselrand ein paar Zentimeter hinwegguckt...

Gerhard Cromme: ...danke für die Blumen.

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Bis 1986 standen Sie in den Diensten des französischen Mischkonzerns Saint-Gobain, um dann dem Ruf des Hügels nach Essen zu Krupp zu folgen. Haben Sie sich in Frankreich nicht ganz wohlgefühlt?

Das Gegenteil ist richtig. Ich habe dort sehr viele Freunde gewonnen. Die Aufgabe bei Krupp war eine neue Herausforderung. Meinen Verbindungen zu Frankreich hat das über die Jahre nicht geschadet, ganz im Gegenteil.

Sie sind Mitorganisator des deutsch-französischen Unternehmertreffens in Evian, das vom ehemaligen Daimler-Chef Edzard Reuter mitbegründet und von Ex-Außenminister Joschka Fischer mehrmals als Redner und Diskussionsteilnehmer besucht wurde.

Dort treffen sich einmal im Jahr etwa 50 deutsche und französische Unternehmensführer mit Politikern, um über die deutsch-französische Zusammenarbeit und europapolitische Themen zu sprechen.

Die Zusammenarbeit auf politischer Ebene muss sich jetzt neu beweisen. Der Sozialist François Hollande ist neuer französischer Präsident. Kanzlerin Angela Merkel hat auf das falsche Pferd gesetzt, als sie den Wahlkampf von Nicolas Sarkozy unterstützte. Wird das ein Problem?

Ich glaube nicht. Eigentlich war es doch logisch, dass die Kanzlerin einem Parteifreund helfen wollte, wenn man Europapolitik als europäische Innenpolitik begreift. Kanzlerin Merkel und Präsident François Hollande werden von nun an ganz schnell ein funktionierendes europäisches Duo werden, davon gehe ich aus.

Wir sind gespannt, wie Hollande den Sprung von der sozialistischen Rhetorik zu einer neoliberalen Politik hinbekommt, ohne die er den französischen Staatshaushalt nicht sanieren und den Euro zusammen mit der Bundeskanzlerin nicht retten kann.

Hollande ist Pragmatiker. Dass er seinen Wahlkampf so geführt hat, ist ihm nicht vorzuwerfen. Letztlich wird doch alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Die Chance, dass er den französischen Staatshaushalt für Wahlgeschenke groß aufblähen kann, sehe ich nicht. Ich glaube eher, Hollande macht zunächst eine Bestandsaufnahme, einen Kassensturz. Danach wird er dem französischen Volk erklären, dass die finanzielle Lage schwierig ist und dass man eben nicht alles umsetzen kann oder mehr Zeit braucht.

Es werde „kein Kind der Republik zurückgelassen“, hatte Hollande im Wahlkampf versprochen. Ist das nicht ein pathetisches wie klares Versprechen, mehr Geld auszugeben?

Nicht unbedingt. Schon Präsident Jacques Chirac hatte vor der „fracture sociale“ gewarnt, vor dem Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Das Anliegen des sozialen Friedens ist absolut richtig. Allerdings wird der Druck der Märkte dafür sorgen, dass die Staatsfinanzen unter Kontrolle bleiben. Natürlich wird der neu gewählte Präsident seinen Wählern entgegenkommen – da und dort bei der Steuerpolitik, bei einer Bildungsreform oder bei der Infrastrukturpolitik. Aber dann wird er sehr schnell von den fiskalischen Realitäten eingeholt werden.

Sarkozy hat den Franzosen immer wieder Deutschland als Vorbild hingestellt. Wird Hollande von Merkel lernen?

Die Frage ist mir in letzter Zeit oft gestellt worden. Hollande braucht keine Nachhilfelehrerin, wohl aber eine politische Partnerin, um die Zukunft des Euro zu sichern. Jeder kann von den Stärken des anderen lernen.

Was heißt das?

Dass ein Deutschland in so holzschnittartiger Form, wie es immer wieder in Paris vorgebracht wird, gar nicht existiert. Das deutsche Modell ist nicht auf Frankreich übertragbar. Aber es ist auch kein Zufall, dass Deutschland noch vor wenigen Jahren als „l’homme malade“, als kranker Mann Europas, bezeichnet wurde und heute gerade in Frankreich vom „modèle allemand“ gesprochen wird. Auch in Frankreich sind grundlegende Strukturreformen nötig. Hier kann man einiges von den skandinavischen Ländern lernen.

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