Gewinner der Griechenland-Krise: Deutschland spart durch Mini-Zinsen über 100 Milliarden

Gewinner der Griechenland-Krise: Deutschland spart durch Mini-Zinsen über 100 Milliarden

, aktualisiert 10. August 2015, 17:31 Uhr

Die Bundesrepublik ist laut einer aktuellen Studie der größte Gewinner der Euro-Krise. Die Zinsersparnis ist derart hoch, haben Ökonomen errechnet, dass selbst eine Griechenland-Pleite verkraftbar wäre.

Die deutschen Steuerzahler sind einer neuen Studie zufolge selbst bei einem kompletten Ausfall der griechischen Schulden Gewinner der Griechenland-Krise. Von 2010 bis heute habe der deutsche Fiskus wegen der durch die Krise gesunkenen Zinslasten mehr als 100 Milliarden Euro gespart, heißt es in der am Montag veröffentlichten Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle. Dies seien mehr als die rund 90 Milliarden Euro, die Griechenland Deutschland direkt und indirekt zum Beispiel über den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM)oder die Target-Salden schulde.

„Diese Einsparungen übertreffen die Kosten der Krise - selbst dann, wenn Griechenland seine Schulden komplett nicht bedienen würde“, heißt es in einer Mitteilung des Leibniz-Instituts. „Deutschland hat also in jedem Fall von der Griechenlandkrise profitiert.“

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Schuldenstand der Euro-Länder

  • Belgien

    Belgien liegt mit 106, 6 Prozent Schulden im Jahr 2014 weit über dem Limit von 60 Prozent.

  • Deutschland

    Der Schuldenstand von Deutschland lag 2014 bei 74,7 Prozent und damit auch weit über dem Limit.

  • Estland

    Mit 10,6 Prozent Verschuldung liegt Estland weit unter dem Schuldenlimit.

  • Finnland

    Finnland blieb im 2014 mit 59,3 Prozent Schulden knapp unter dem Schuldenlimit von 60 Prozent.

  • Frankreich

    Frankreichs Schuldenstand lag im vergangenen Jahr bei 95 Prozent.

  • Griechenland

    Mit 177,1 Prozent ist Griechenland der absolute Schuldenspitzenreiter der Europäischen Union.

  • Irland

    Auch Irland ist stark verschuldet. Hier liegt der Schuldenstand bei 109,7 Prozent.

  • Italien

    Italiens Schuldenstand lag 2014 bei 132,1 Prozent.

  • Lettland

    Lettland bleibt mit 40 Prozent Schulden weit unter dem Limit.

  • Litauen

    Auch Litauen ist glücklicherweise noch weit entfernt vom Limit. 2014 lag die Verschuldung bei 40,9 Prozent.

  • Luxemburg

    Lediglich 23,9 Prozent Schulden hatte Luxemburg 2014 zu verzeichnen.

  • Malta

    68 Prozent des Staatshaushaltes von Malta steckte 2014 in Schulden. Damit hat auch der südeuropäische Inselstaat das Limit überschritten.

  • Niederlande

    68,8 Prozent des niederländischen Haushaltes war 2014 verschuldet.

  • Österreich

    Mit 84,5 Prozent Schulden gehört Österreich zu den Ländern der EU, die deutlich über dem Schuldenlimit liegen.

  • Portugal

    Mit 130,2 Prozent ist Portugal neben Griechenland das am stärkten verschuldete Land in der EU.

  • Slowakei

    Die Slowakei blieb 2014 knapp unter dem Schuldenlimit mit 53,6 Prozent.

  • Slowenien

    Sloweniens Staatshaushalt dagegen lag mit 80,9 Prozent Verschuldung deutlich über dem Limit von 60 Prozent.

  • Spanien

    Spanien bewegte sich mit 97,7 Prozent 2014 gefährlich auf die 100 Prozent-Marke zu.

  • Zypern

    Zypern ist neben Griechenland und Irland am stärksten verschuldet. Der Stand lag hier 2014 bei 107,5 Prozent.

Die Ergebnisse erzeugten aber auch Widerspruch. „Nicht Deutschland profitiert von den Niedrigzinsen, sondern die verschuldeten öffentlichen Körperschaften, also Bund, Länder und Kommunen“, sagte der Wirtschaftsweise Lars Feld der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Dienstagsausgabe). Was der Steuerzahler an Zinsaufwand spare, büßten auf der anderen Seite die Bürger als Sparer ein. „Die Sparer sind deutlich mehr geschädigt, das muss man gegenrechnen“, sagte Feld.

Der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, sagte: „Wenn die Staatsanleihen von Inländern gehalten werden, dann ist der Zinsrückgang kein Gewinn für Deutschland, sondern lediglich eine Umverteilung von den Bürgern zum Staat.“

Die Forscher in Halle begründeten ihre Ergebnisse so: Mit der Krise hätten Anleger aus aller Welt besonders sichere Anlagen gesucht. Dabei standen die deutschen Staatsschulden ganz vorne auf der Liste der sicheren Häfen. Außerdem pumpte die Europäische Zentralbank (EZB) Milliarden in den Markt. Die hohe Nachfrage drückte dann die Rendite der Anleihen. Die Folge: Deutschland konnte auslaufende Staatsanleihen mit Anleihen ersetzen, für die viel niedrigere Zinsen als üblich fällig werden.

Wie hoch wären die Zinslasten gewesen, wenn es keine Krise gegeben hätte? Für den Vergleichsmaßstab wählten die Forscher zwei Methoden. Einmal legten sie einfach die vor der Krise üblichen Zinssätze für Deutschland zugrunde. Im zweiten Fall errechneten sie aufgrund der Wirtschaftsentwicklung Zinssätze, wie sie ohne Krise wahrscheinlich gewesen wären. Beide Rechenmethoden kamen aber zum ungefähr selben Ergebnis.

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Die sogenannte Flucht von Anlegern bei Krisen in sichere Häfen ist ein an den Märkten oft beobachtetes Phänomen. Die Forscher aus Halle untersuchte im Fall Griechenland, wie sich positive und negative Nachrichten zur Verschuldung Griechenlands in den Renditen deutscher Anleihen niederschlugen. Dabei erkannten sie einen direkten Zusammenhang. „Schlechte Nachrichten in Griechenland waren gute Nachrichten in Deutschland und umgekehrt“, heißt es in der Studie. Voraussichtlich werde der Zinsvorteil Deutschlands auch in Zukunft noch anhalten.

Nicht berücksichtigt wurden in der Studie allerdings Auswirkungen der Krise auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. So kann zum Beispiel eine hohe globale Unsicherheit auf die Auslandsnachfrage drücken - gleichzeitig kann ein schwacher Euro aber auch die Exporte beflügeln. Auch Folgen wie krisenbedingt sinkende Investitionen, die Stärkung der Wirtschaft durch Zuwanderungen aus Südeuropa oder auch negative Zinseffekte für deutsche Sparer mit Tagesgeldkonten oder Rentenversicherungen wurden in der Studie nicht berechnet.

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