Görlachs Gedanken: Zerbricht die EU, dann zerbricht der Westen

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Chaos in Europa

Kolumne

Die Leave-Kampagne hat gelogen – es gibt keine guten Argumente für den Brexit und allmählich wachen die Briten nun auf. Doch das reicht nicht. Wir müssen uns vor den Populisten schützen, wir müssen die EU schützen.

Zerbricht der Westen? Nach dem Brexit-Referendum in der vergangenen Woche fragt das nicht nur die New York Times. Wer am 24. Juni in London war, der weiß, dass es nicht zu hoch aufgehängt war, wenn Briten sagten, sie seien an jenem Morgen in einem anderen Land aufgewacht. Das Vereinigte Königreich hatte es tatsächlich getan, es hatte für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Das Buch von Stefan Zweig „Die Welt von gestern“ kam einem wieder in den Sinn. Seine Biographie, in der er so treffend beschreibt, wie auf der Schneide zwischen dem vorletzten und dem letzten Jahrhundert der Wunsch der europäischen Völker nach Einheit zum Greifen nahe kam und dann im Ersten Weltkrieg für immer vernichtet schien.

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Alexander Görlach ist Affiliate der Harvard University. Quelle: Lars Mensel / The European

Alexander Görlach ist Affiliate der Harvard University, wo er im Government Department zum Konzept des Abendlands arbeitet. Er ist ferner Senior Fellow des Carnegie Council for Ethics in International Affairs, Kommentator für die New York Times und Herausgeber des Online-Magazins www.saveliberaldemocracy.com.

Photo Credit: David Elmes, Harvard University

Bild: Lars Mensel / The European

Wir Heutigen können nicht mehr verstehen oder gar erahnen, wie man vor den Verheerungen von zwei Weltkriegen und der Shoa von einem geeinten, friedlichen Europa hat träumen können. Uns ist der Zugang dazu verbaut. Aber Zweigs Buch mahnt, dass der Zustand, in dem wir heute leben, nicht selbstverständlich ist. Das heißt: Ja, der Westen kann zerbrechen. Denn mit Westen meinen wir heute vor allem die Friedensordnung, die nach dem Untergang, der Stunde Null, in Europa aufgebaut wurde.

Auch vor den menschengemachten Katastrophen des Zwanzigsten Jahrhunderts kannten die Europäer Platon und Aristoteles, waren Christen und von der Aufklärung in die Mündigkeit entlassen. Das heißt: was auch immer wir für die Identität des Westens heranziehen mögen, Erasmus von Rotterdam, Martin Luther, Karl V. oder Karl Marx – den Unterschied in der Alten Welt macht erst die Europäische Union. Ihr ist es zu verdanken, dass die siebzig Jahre ihres Bestehens die längste Friedensperiode beschreiben, die die ihr angehörenden Völker jemals erlebt haben.

Zerbricht die Europäische Union, dann  zerbricht der Westen, wie wir ihn kennen. Das Projekt der Brexit-Befürworter war daher auf Zerstörung und nicht auf Neuaufbau aus. Das wird umso deutlicher, es ist geradezu dadurch bewiesen, dass die Protagonisten der Leave-Kampagne überhaupt keinen Plan haben, wie sie nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs sein Verhältnis zu Europa gestalten wollen.

Das sei allen vor Augen geführt, die in den Niederlanden, Österreich oder einem anderen europäischen Land geneigt sind, den Versprechungen der Nachahmer Glauben zu schenken: in Großbritannien wurde das Volk belogen, die Zahlen, die die Brexit-Befürworter ins Feld schickten, waren falsch. Die Versprechungen, die gemacht wurden, wurden am Morgen nach der Wahl einkassiert. Die Rechten, die überall in den Ländern der Europäischen Union nun Morgenluft schnuppern, tun dies in dem Wissen, dass auch sie das Wahlvolk betrügen und belügen werden.

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