Griechenland: Athen begeht ökonomischen Selbstmord

Griechenland: Athen begeht ökonomischen Selbstmord

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Die Stimmung der griechischen Wirtschaft schwankt zwischen verzweifelter Hoffnung auf baldige Besserung und purer Wut auf die neue Regierung.

von Angela Hennersdorf

Die Stimmung in der griechischen Wirtschaft schwankt zwischen verzweifelter Hoffnung auf baldige Besserung und purer Wut auf die neue Regierung. Eine Begegnung mit griechischen Unternehmern.

An diesem Montagmorgen Ende Mai geht in der Innenstadt von Athen nichts mehr. Auf einer der Hauptverkehrsadern der griechischen Hauptstadt, der Andrea Siggrou, schleichen die Autos vorwärts. Nur auf dem Moped geht’s schneller voran. Rechts und links sausen die Bikes an Vassili Christidis Wagen vorbei.

Für die zehn Kilometer von seinem Büro in der Innenstadt bis zu einem Kunden im Westen von Athen braucht der Manager, Landeschef des Kreditversicherers Euler Hermes, mehr als eine Stunde. Statt sich zu ärgern, freut sich der Mann. „Als ich hier vor zwei Jahren ankam, waren die Straßen wie leer gefegt. Mehr Verkehr, das ist doch ein gutes Zeichen“, sagt er lachend und stellt die Klimaanlage höher. Es ist ein heißer Vormittag in Athen.

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An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

  • Problem Euro

    Seit Wochen betonen die Euro-Partner, dass die Ansteckungsgefahr nach einem Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone eher gering wäre. Zum einen wird darauf verwiesen, dass sich heute fast alle griechischen Schulden bis auf 40 bis 50 Milliarden Euro in der öffentlichen Hand befinden - eine Kettenreaktion kollabierender Banken also nicht zu befürchten sei. Zum anderen hätten sich Gläubiger seit langem auf mögliche Probleme eingestellt und ihre griechischen Geschäfte reduziert.

    Alles falsch, meint Schulz und verweist darauf, dass die Risikoaufschläge etwa für spanische Staatsanleihen in den vergangenen Wochen erheblich gestiegen seien. Kommt ein Staatsbankrott, würde der möglicherweise einen Schuldenschnitt nach sich ziehen - mit erheblichen Belastungen für die klammen Haushalte etwa der südlichen EU-Staaten, aber auch Frankreichs.

    Außerdem könnte das Vertrauen in den Euro als Währung weltweit Schaden nehmen, wenn eines der 19 Mitglieder ausbreche, heißt es in der Bundesregierung. Dabei spiele keine große Rolle, dass Griechenland weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Währungszone beisteuere. Denn die angebliche Unumkehrbarkeit der Euro-Einführung wäre widerlegt.

  • Problem Großbritannien

    In Berlin fürchtet man aber auch, dass ein Kollaps Griechenlands den Befürwortern eines britischen Austritts aus der EU Auftrieb geben könnte. Europa droht also an seinen Rändern zu zerfasern. Der Grund ist einfach: Die EU wäre nach einem Ausstieg Athens wahrscheinlich in einem so desolaten Zustand und müsste so viel kurzatmige Rettungsaktionen für Griechenland starten, dass die Gemeinschaft auf britische Wähler kaum noch attraktiv wirken dürfte. Möglicherweise würden zudem mehr Griechen das eigene Land auch Richtung Großbritannien verlassen wollen. Die Briten schimpfen aber bereits jetzt über zu viele Migranten aus anderen EU-Ländern - dies ist einer der Kritikpunkte der EU-Gegner auf der Insel.

  • Problem Russland

    Griechenland ist nicht nur ein angeschlagener Euro-Staat, sondern auch ein schwieriger EU-Partner. Mit seiner Linksaußen- Rechtsaußen-Regierung betonte Ministerpräsident Alexis Tsipras politische Nähe zum Kreml und hat sich mehrfach mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen. In der EU gibt man sich zwar gelassen, dass Russland nicht als alternativer Geldgeber gegen die EU ausgespielt werden kann - dafür sind die nötigen Hilfssummen viel zu groß. Auch die Träume des Links-Politikers, dass Griechenland Verteilland für russisches Gas in der EU werden könnte, dürften sich angesichts des Vorgehens der EU-Kommission gegen den russischen Gasriesen Gazprom zerschlagen. Aber Putin hat nach Ansicht von EU-Diplomaten durchaus schon bewiesen, dass er Differenzen zwischen EU-Staaten ausnutzen kann. Bei der Verlängerung von EU-Sanktionen gegen Russland braucht es etwa auch die Zustimmung Griechenlands.

  • Problem Balkan

    In Berlin sorgt man sich zunehmend, dass die gesamte Balkan-Region ohnehin sehr instabil werden kann. Immer noch gärt der Namensstreit zwischen Griechenland mit dem EU-Beitrittsaspiranten Mazedonien - in dem ein heftiger innenpolitischer Machtkampf tobt. Und Geheimdienste warnen, dass die radikalislamische Miliz Islamischer Staat (IS) in den vergangenen Monaten massiv versucht hat, in den moslemischen Bevölkerungen Bosnien-Herzegowinas, Albaniens oder Mazedoniens Fuß zu fassen. Ein zusammenbrechender Nachbarstaat Griechenland würde die Unruhe in der Region noch verstärken.

  • Problem Flüchtlinge

    Kaum diskutiert worden ist die Rolle Griechenlands bei der Abwehr eines unkontrollierten Zuzugs von Flüchtlingen in die EU. In den vergangenen Jahren hat der bessere Schutz der griechisch-türkischen Grenze Flüchtlingen aus dem Nahen Osten die Einwanderung in die EU zumindest zum Teil erschwert. Die linke Syriza-Partei könnte im Falle eines Staatsbankrotts die Schleusen für afrikanische oder syrische Flüchtlinge aufmachen. Entsprechende Drohungen waren aus Athen bereits zu hören. Denn seit Jahresbeginn seien bereits 46.000 Flüchtlinge nach Griechenland gekommen, teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit. 2014 waren es im selben Zeitraum nur 34.000 Personen. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer Flüchtlingskatastrophe in Griechenland.

    EU-Kommissar Günther Oettinger forderte die Brüsseler Behörde auch deshalb auf, einen "Plan B" zu erarbeiten. Dabei soll Hilfe für das Land für den Fall eines Bankrotts vorbereitet werden. Neben humanitärer Hilfe gehe es um die Frage, wie man eigentlich die Sicherheit in dem EU-Land noch gewährleisten will, wenn die Regierung den Polizisten keine Löhne mehr zahlen kann.

Nicht aufgeben, an jedem Strohhalm festhalten – das ist Christidis Motto. Nur so lasse sich die schwierige politische und wirtschaftliche Lage in Griechenland überhaupt aushalten, meint der 42-jährige. 2013 kehrten er und seine Frau mit den zwei Kindern nach Griechenland zurück – freiwillig, wie Christidis betont.

Zuvor arbeitete der Grieche viele Jahre als Banker beim französischen Finanzinstitut BNP Paribas in London, zuletzt war er zwei Jahre für die Bank in Istanbul. Viele seiner Kollegen hätten ihn für „verrückt“ erklärt. Nach Griechenland? Mitten in der Krise? „Ach, was“, winkt Christidis ab und beschwört mit viel Pathos in der Stimme einen neuen griechischen Geist: „Wir Griechen müssen jetzt alles daran setzen, dass es besser wird in unserem Land. Wir müssen Verantwortung übernehmen.“

Große Worte. Die Staatspleite schwebt wie ein Damoklesschwert über der Nation. Bis Ende Juni muss der Staat insgesamt 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen, die er nicht hat. Schon im Juli und August werden weitere Zahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB) fällig.

Vassili Christidis, Landeschef des Kreditversicherers Euler Hermes Quelle: Nikos Pilos für WirtschaftsWoche

Vassili Christidis, Landeschef des Kreditversicherers Euler Hermes. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Nikos Pilos für WirtschaftsWoche

Dabei war im vergangenen Jahr die Hoffnung groß, dass die Wende geschafft sei. Das griechische Bruttoinlandsprodukt legte 2014 immerhin um 1,5 Prozent zu. Für dieses Jahr erwarten Ökonomen wieder ein negatives Wachstum. Wie lässt sich überhaupt noch wirtschaften in dem Land? Und vor allem: wie lange noch?

Wer in diesen Tagen mit griechischen Unternehmern spricht, trifft auf eine Stimmung, die geprägt ist von einer Mischung aus verzweifelter Hoffnung, dass es doch bald besser werde, purer Wut über den Dilettantismus der neuen Regierung und Dankbarkeit dafür, dass die Partner in der Europäischen Union die Griechen noch nicht ganz fallen lassen.

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