Griechenland: Drei Wege aus der Krise

Griechenland: Drei Wege aus der Krise

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Der Unternehmer und Parteigründer Thanos Tzimeros ist der Meinung, das griechische System verhindere, dass Menschen ihr Geld auf ehrliche Art verdienen.

von Silke Wettach

Politik und Gesellschaft müssen sich wandeln, damit das Land eine Zukunft hat. Drei Beispiele von Bürgern, die Griechenland im Großen und im Kleinen verändern.

Wenn die Griechen am Sonntag wählen, dann hoffen die internationalen Geldgeber, dass politisch alles so bleibt, wie es ist: Eine große Koalition aus der konservativen Nea Dimokratia und der sozialistischen Pasok hält man in Brüssel und den anderen europäischen Hauptstädten für die beste Lösung. Schließlich haben die beiden Parteien die Auflagen für das zweite Hilfspaket unterschrieben, Neuverhandlungen drohen erst einmal nicht.

Eine große Koalition wäre allerdings nur das Geringste aller Übel. Sie bringt vorübergehend Stabilität, leitet aber nicht den notwendigen Wandel ein. Die zwei großen Parteien, die das aktuelle Desaster verantworten, können das Land kaum voranbringen. Die Griechen werden selbst mit anpacken müssen. Und viele tun es auch schon: dafür drei Beispiele, wie Bürger ihr Land verändern.

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Der Parteigründer

Als 1989 die Mauer fiel, lebte Thanos Tzimeros als Musiker im westfälischen Lüdenscheid. Die deutsche Erfahrung prägte ihn: „Politische Systeme können zusammenbrechen.“

Das politische System Griechenlands hält er für unreformierbar. Korrupt, ineffizient und doch extrem widerstandsfähig, lautet sein Urteil. „In Griechenland ist der Staat die Mafia“, urteilt Tzimeros, der in Athen eine Werbeagentur mit sechs Mitarbeitern besitzt. Ehrlichen Menschen werde es verdammt schwer gemacht, Geld zu verdienen.

Sie stehen zur Wahl

  • Griechenland - diese Parteien haben Chancen

    Insgesamt 32 Parteien treten bei den Wahlen am 6. Mai in Griechenland an. Dies teilte am Donnerstag die Zentrale Wahlkommission mit. Etwa zehn von ihnen haben jedoch nach Umfragen eine Chance, die Drei-Prozent-Hürde zu überspringen, um Abgeordnete ins Parlament schicken zu können.

  • Nea Dimokratia (ND)

    Die Konservative Partei wird vom Ökonomen Antonis Samaras (60) geführt. Die Partei hatte Griechenland 1981 in die damalige Europäische Gemeinschaft geführt und spricht sich vehement für den Verbleib des Landes im Euroland aus. Samaras hat den Gläubigern des Landes zugesichert, dass auch nach den Wahlen er und seine Partei weiterhin das Stabilisierungs- und Sparprogramm für Griechenland in die Tat umsetzen werden. Umfragen deuten darauf hin, dass Nea Dimokratia stärkste Kraft mit etwa 25 Prozent werden könnte.

  • Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok)

    Die bis vergangenen November regierenden Sozialisten unter ihrem neuen Chef Evangelos Venizelos (55) sind wie die Konservativen für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone. Dafür müsse das Sparprogramm
    konsequent durchgesetzt werden. Umfragen zeigen, dass den Sozialisten schwere Verluste bevorstehen und sie nur noch zweitstärkste Kraft im neuen Parlament mit etwa 18 Prozent werden (2009: 44 Prozent).

  • Kommunistische Partei Griechenlands (KKE)

    Die Hardliner-Kommunisten sprechen sich offen für den „Austritt Griechenlands aus der Eurozone und der EU jetzt“ aus. Kein Cent solle an die Gläubiger gezahlt werden. Die Partei liegt in Umfragen bei etwa neun Prozent.

  • Bündnis der Radikalen Linken (Syriza)

    Ein buntes Bündel linker Bewegungen, das sogar mit der extrem Linken liebäugelt. Syriza ist zwar für den Verbleib in der EU und dem Euroland. Athen sollte aber einseitig erklären, es zahle seine Schulden nicht. Umfragen sehen das Bündnis bei etwa neun Prozent.

  • Unabhängige Griechen (AE)

    Ein Abspaltung aus der konservativen Nea Dimokratia. Die Führung der Unabhängigen Griechen meint, das Land sei „besetzt“ von den Geldgebern und müsse „befreit“ werden. Athen sollte nichts an die Banken zurückzahlen. Die Partei ist ausländerfeindlich und fordert zudem deutsche Reparationszahlungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Umfragen zeigen, dass auch diese Partei bis etwa acht bis neun Prozent bekommen könnte.

  • Demokratische Linke (DA)

    Eine Abspaltung aus dem Bündnis der Linken. Die gemäßigten Linken setzen sich für den Verbleib im Euroland. Umfragen geben dieser Partei etwa acht Prozent.

  • Völkische Orthodoxe Gesamtbewegung (LAOS)

    Eine rechtsorientierte Partei. Sie ist für den Verbleib im Euroland. Das Sparprogramm muss aber neu ausgehandelt werden. Migranten sollten sofort das Land verlassen. Die Partei liegt in Umfragen bei etwa 4,5 Prozent.

  • Goldene Morgenröte

    Eine rassistische, ausländerfeindliche und faschistische Partei. Die Partei spricht sich für die „Vertreibung“ aller Migranten aus Griechenland aus. Viele ihrer Mitglieder sind gewaltbereit. Umfragen sehen die Ultrarechten bei 3 bis 4,5 Prozent.

  • Ökologen und die Demokratische Allianz

    Ökologen und die Demokratische Allianz der ehemaligen griechischen Außenministerin Dora Bakogianni müssen um den Einzug ins Parlament bangen.

Im Februar gründete Tzimeros eine Partei, die er Dimiourgia Xana (Neu Erschaffen) nannte. Das alte System will er durch ein transparentes und gerechtes ersetzen: Neubau statt Reform. In Tzimeros’ Arbeitszimmer im Souterrain seines Wohnhauses, direkt neben seiner Werbeagentur, fällt ein massiver Billardtisch auf. Hier entstanden die Grundprinzipien seiner Bewegung, die auf Berufspolitiker verzichtet. Dimiourgia Xana will die 18.000 Seiten umfassende, labyrinthische griechische Steuergesetzgebung auf 30 Seiten eindampfen. Die Steuersätze sollen fallen, gleichzeitig soll Steuerhinterziehung drakonisch geahndet werden. Den Arbeitsmarkt will Dimiourgia Xana reformieren, geschlossene Berufe öffnen. Vor allem aber will Tzimeros die Korruption beseitigen, die Griechenland beherrscht. So beabsichtigt er etwa, die Parteienfinanzierung neu zu ordnen.

Tzimeros sieht seine Partei als Gegenmodell zu den Gruppen, die seit 35 Jahren den griechischen Staat fest in ihrer Hand halten. „Wir werden seit über drei Jahrzehnten von dummen, ungebildeten Menschen regiert“, sagt Tzimeros, der neben seiner Ausbildung in klassischer Musik (Klavier und Gitarre) Volkswirtschaft studiert hat. Zu seinen Unterstützern zählen Professoren, aber auch Landwirte und Beamte. „Viele Beamte wollen Wandel“, beobachtet Tzimeros.

Bei seinem zweijährigen Aufenthalt in Deutschland und danach war dem heute 50-Jährigen aufgefallen, wie sehr Menschen ihr Verhalten der Umgebung anpassen. Dieselben griechischen Landsleute, die in Deutschland alle Verkehrsregeln respektierten, erinnert er sich, entwickelten sich zu Rowdies im Straßenverkehr, wenn sie in Griechenland am Steuer saßen, wo kaum Strafen drohten. Dies bestärkt ihn in seinem Willen, die Rahmenbedingungen in seiner Heimat zu verändern.

Fallstricke im System

Welche Fallstricke im System lauern, fand Tzimeros bei der Parteigründung schnell heraus. Es erwies sich als extrem schwierig, ein Bankkonto auf den Namen der Partei zu eröffnen. Immer wieder erhielt er den Ratschlag, das Konto auf seinen eigenen Namen einrichten zu lassen. „Nicht einmal für die Gründung einer Partei gibt es in diesem Land klare Regeln“, kritisiert Tzimeros. Am Schluss gelangte er doch ans Ziel, die Bücher seiner Bewegung sind heute online einsehbar.

Etwa 100.000 Stimmen benötigt Dimiourgia Xana, um die Drei-Prozent-Hürde zu überwinden und ins Parlament einzuziehen. In drei Monaten hat die Partei 10.000 Unterstützer gefunden. „Wenn wir ein ganzes Jahr Zeit für den Wahlkampf gehabt hätten, dann würden wir 15 Prozent der Stimmen bekommen“, behauptet Tzimeros, der aus einer Unternehmerfamilie stammt.

Gebildete Griechen, die Tzimeros anspricht, fragen sich allerdings, ob die Zeit schon reif ist für eine Bewegung wie Dimiourgia Xana. Tzimeros lässt sich von solchen Zweifel nicht bremsen: „Wenn ich etwas beginne, dann bringe ich es auch zu Ende.“

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