Griechenland: Es wird unerträglich

KommentarGriechenland: Es wird unerträglich

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Alexis Tsipras und seine "Euro-Rebellen" werden vielerorts wie Popstars gefeiert, so auch in Deutschland

Ein weiteres Durchwurschteln Griechenlands mit Zugeständnissen wird Nachahmer auf den Plan rufen und die EU zur Unkenntlichkeit von ihrem Gründergeist entfernen - bis sie ihren Bürgern gänzlich unvermittelbar ist.

„Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen“, sagte im September 2011 Ronald Pofalla zu seinem Parteifreund Wolfgang Bosbach, weil dieser dem erweiterten europäischen Rettungsschirm EFSF seine Zustimmung verweigerte. Ein unentschuldbarer Faux Pas, der zu Recht Wirbel auslöste. Aber inzwischen stellt sich die Frage, ob solche Ausbrüche vielleicht erklärbar, ja nachvollziehbar sind, wenn der Ärger nur groß genug ist.

Man ertappt sich bei ähnlich unfreundlichen Gefühlsregungen, wenn man die Schnappschüsse der Verhandlungs-Protagonisten rund um den Grexit in den Medien sieht. Der Situation angemessene Mienen – immerhin die Bürde der „Eurorettung“ auf den Schultern – lassen sich nur bei Merkel und Co erkennen. Ganz anders die griechische Boy Group um Alexis Tsipras. Hier regiert unübersehbar stets beste Laune, man besucht Pop-Konzerte, relaxt am Prominentenstrand und hält kämpferische Sonntagsreden statt sich um den Bestand von Staat und Gesellschaft in der Wiege der Demokratie und Philosophie zu kümmern.

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Zum Autor

  • Frank Träger

    Frank Träger, 55, berät seit 2002 börsennotierte Small- und Mid-Caps in Kapitalmarkt- und Investor-Relations-Fragen. Zuvor war er Analyst und Fondsmanager beim Bankhaus Sal. Oppenheim jr. & Cie. und beim Versicherungsriesen Axa.

Beifall für das linke Modell

Auch in Deutschland werden sie liebevoll „Euro-Rebellen“ genannt. Sie lehnen sich auf gegen die seelenlosen, unsinnlichen Institutionen. Sie hassten die Troika öffentlich. Dafür werden sie auch in Deutschland beklatscht, wie jüngst von Gesine Schwan, die sich vergeblich als Bundespräsidentin bewarb - stattdessen aber eine Universität herunterwirtschaften durfte und durch Talk-Shows geistert. Beifall statt Pfiffe für eine durchtriebene Gang. Erleben wir hier das linke Modell für Europa?

Sarah Wagenknecht erteilt vorsorglich schon einmal Ratschläge an ihre griechischen Freunde, welches Zahlungsgebaren am besten an den Tag zu legen wäre, damit der Schaden möglichst beim deutschen Steuerzahler anfällt und nicht bei den seit Jahren auf Pump lebenden Griechen. In welchem Parlament sitzt die Dame doch gleich und um wessen Wählerstimmen bewirbt sie sich?

Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

  • Grexit

    Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für „Griechenland“ (Greece) und „Ausstieg“ (Exit) gebildet - gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung ihre Produkte viel günstiger anbieten.

  • Graccident

    Neuerdings wird auch vor einem unbeabsichtigten Euro-Aus der Griechen gewarnt. Das Kunstwort dafür besteht aus Greece und dem englischen Wort für „Unfall“ (Accident) - wobei das Wort im Englischen auch für „Zufall“ stehen kann. Gemeint ist ein eher versehentliches Schlittern in den Euro-Ausstieg, den eigentlich niemand will - der aber unvermeidbar ist, weil Athen das Geld ausgeht. Mittlerweile taucht die Wortschöpfung auch als „Grexident“ auf.

  • Anleihe

    Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

  • T-Bill

    Im Grunde handelt es sich ebenfalls um Anleihen - allerdings mit deutlich kürzerer Laufzeit. Während Anleihen für Zeiträume von fünf oder zehn oder noch mehr Jahren ausgegeben werden, geht es bei T-Bills um kurzfristige Finanzierungen. Die Laufzeit solcher Papiere beträgt in der Regel nur einige Monate.

  • Schuldenschnitt

    Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

  • Rettungsschirm

    Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

  • Troika

    In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

Was soll falsch daran sein, Griechenland mit seiner souveränen Wahlentscheidung autonom zurecht kommen zu lassen und das Spiel, das eine Seite mit einer Pokerpartie verwechselt, zu beenden? Für Griechenland würde es hart und das muss jeden mitfühlenden Menschen schmerzen. Aber die Reset-Taste zu drücken kann auch für alle Beteiligten eine Befreiung sein.

Die Glaubwürdigkeit Europas erlebte in der öffentlichen Meinung einen Aufschwung. Ein weiteres Durchwurschteln mit Zugeständnissen über Zugeständnissen dagegen wird Nachahmer auf den Plan rufen und die Europäische Union zur Unkenntlichkeit von ihrem Gründergeist entfernen - bis sie ihren Bürgern gänzlich unvermittelbar ist.

Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten

Ein Grexit würde die Märkte kurz durchschütteln. In erster Linie den Aktienmarkt, denn der Euro würde mit Sicherheit nicht – wie im jüngsten „Spiegel“-Szenario dargestellt - abwerten, sondern aufwerten. Und dann dürfte sich zeigen, dass die Aufwärtsbewegung im Dax nicht nur eine Liquiditätshausse, sondern auch eine klassische Abwertungshausse war, wie man sie früher nur im Franc, der Peseta und der Lira kannte.

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Die große Frage aber lautet: Ist ein glaubwürdigeres Europa, ein stärkerer Euro politisch gewollt? Was wird dann aus der Möglichkeit, Inflation zu importieren und Wachstum im Export zu schaffen? Schließlich sollen die Schuldenstaaten, von denen Griechenland nur einer ist, entschuldet werden.

Ein Grexit hingegen könnte der Auftakt zu dem oft zitierten Europa der zwei Geschwindigkeiten sein. Denn eine stark abwertende Drachme würde vermutlich sehr schnell die volkswirtschaftlich überaus wichtigen Tourismus-Branchen in den anderen klassischen Urlaubsländern rund um das Mittelmeer treffen. Das könnte zwar tendenziell weitere Unruhe bedeuten, würde aber den aus fundamentalen Gründen nahe liegenden Weg zu besagtem Europa der zwei Geschwindigkeiten beschleunigen.

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