Griechenland: Grexit stellt Ansteckungsfahr auf die Probe

KommentarGriechenland: Grexit stellt Ansteckungsfahr auf die Probe

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Was passiert, wenn der "Grexit" wirklich kommt?

von Konrad Handschuch

Griechenland droht die Staatspleite mehr denn je. Die Angst, einem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone könnten andere Länder folgen, wächst. Dabei könnte ein Grexit auch eine neue Chance für den Euro bedeuten.

Noch stehen die Zeichen nicht auf "Grexit", die Euro-Finanzminister bekräftigten auch am Samstagabend noch einmal, Griechenland solle Mitglied der Euro-Zone und der Europäischen Union bleiben. Nach den erfolglosen Verhandlungen steuert Athen aber immer weiter auf die drohende Staatspleite zu.

Gründe für den Verbleib Griechenlands im Euro gab es viele, nicht alle haben überzeugt. Einer der ernst zu nehmenden war die Angst, dem Ausscheiden eines Landes aus der Währungsunion könnten andere folgen. Diese Gefahr haben Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und auch der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, bis zuletzt beschworen.

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Um dieses unkalkulierbare Risiko zu vermeiden, sind sie dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras schier unendlich weit entgegengekommen – viel weiter, als es nach den Spielregeln der Europäischen Währungsunion überhaupt möglich war. Doch letztlich hat alles nichts genutzt.

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Alexis Tsipras Quelle: Thorsten Wolber (Illustration), Glow Images, Reuters/Alkis Konstantinidis (Fotos)

Nun ist die Gefahr akut und die Ansteckungsgefahr geht von den Finanzmärkten aus: Wie werden sie reagieren? Kommt es so, wie viele befürchten, werden Investoren nun womöglich mit zig Milliarden gegen den Euro wetten, ihr Geld jetzt auch aus Portugal oder Spanien abziehen – und damit weiteren und noch größeren Kapitalabflüssen den Weg bereiten? Dann kommt es womöglich doch zu einer Krise, wie sie die Welt nach der Lehman-Pleite schon einmal erlebt hat.

Die Angst ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Immerhin handelt es sich mit Portugal und Spanien um Länder, die in den vergangenen Jahren mit europäischen Notkrediten vor einer drohenden Pleite gerettet werden mussten. Auch Italien, das bislang zwar ohne Hilfen ausgekommen ist, steht wegen seiner schwächelnden Wirtschaft und eines noch lange nicht vollständig abgebauten Reformstaus unter Beobachtung der Märkte.

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  • Der Zusammenbruch

    Sollte Griechenland nicht bald zu einer stabilen politischen Ordnung zurückfinden, wäre eine Pleite des Staates spätestens im Sommer wohl unausweichlich. In einem solchen Fall würde wohl auch die EZB griechische Banken gemäß ihren Statuten nicht mehr als Geschäftspartner bei ihren Refinanzierungsgeschäften mit dem Banksektor akzeptieren können. Sie wären also nicht mehr refinanzierungsfähig und dürften auf den Bankrott zusteuern. Dies wäre das Ende eines griechischen Finanzsektors in der Euro-Zone - der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel wäre dann nicht mehr zu halten.

  • Der Übergang

    Am Beginn eines Übergangs müssten alleine schon wegen der nötigen technischen Umstellung von Millionen Konten, aber auch um eine Panik und lange Schlangen vor den Banken zu verhindern, die Institute des Landes für einige Tage - vermutlich gut eine Woche - geschlossen bleiben. Parallel würde der gesamte Kapitalverkehr mit dem Ausland für diesen Zeitraum zum Erliegen kommen. In dem Zeitfenster könnte dann die Währungsreform vorbereitet werden - ein banktechnisch und politisch komplizierter Prozess. Unter anderem müssten zahlreiche neue Gesetze erlassen werden. Die Hüter der neuen Währung, also die Notenbanker in Athen, müssten unter anderem eine neue Mindestreservequote und einen neuen Leitzins für ihre Banken beschließen. Zudem müssten sie Vorbereitungen für den so gut wie sicheren Fall treffen, dass die neue griechische Währung am Devisenmarkt massiv abwertet.

  • Die neue Währung

    Wahrscheinlich würde in Griechenland eine neue Währung in zwei Stufen eingeführt. Während sie auf Konten als Buchgeld mehr oder weniger per Knopfdruck umgestellt werden könnte, bräuchte die Bargeldeinführung mehr Zeit - schließlich müssten Münzen geprägt und Geldscheine gedruckt werden. Anschließend müsste das Geld im Land verteilt werden - eine logistische Herkulesaufgabe. In dieser Phase könnte der Euro weiterhin als Tauschmittel für den Alltag fungieren. Hier gibt es eine Art Vorbild: Das Balkanland Montenegro verwendet den Euro bereits einseitig als Zahlungsmittel im Bargeldverkehr, ohne dass es offiziell Mitglied der Euro-Zone ist.

  • Der Scherbenhaufen

    Nach der Währungsreform käme innerhalb des europäischen Systems der Zentralbanken das große Aufräumen. Hier rückt das Großbezahlsystem der Notenbanken, Target II, ins Zentrum. Die Zentralbank in Athen hat innerhalb des Systems Verbindlichkeiten gegenüber der EZB in Höhe von rund 100 Milliarden Euro. Hinzu kämen Forderungen der Euro-Notenbanken aus dem umstrittenen Kauf griechischer Staatsanleihen seit Mai 2010 - geschätzt zwischen 40 und 50 Milliarden Euro. Rechnet man diese Posten zusammen steht Athen alleine beim Eurosystem aus EZB, Bundesbank & Co. mit bis zu 150 Milliarden Euro in der Kreide. Auf die Bundesbank entfielen nach dem Kapitalschlüssel der EZB etwas mehr als ein Viertel, also etwa 40 Milliarden Euro. Möglich wäre nun, dass die Griechen das Geld über einen langen Zeitraum, eventuell viele Jahrzehnte, abzahlen. Auch eine Lastenteilung zwischen der Zentralbank in Athen, der EZB und den verbleibenden 16 Euro-Notenbanken ist denkbar. Im schlimmsten Fall, also wenn Griechenland nicht zahlen will oder kann, müsste die Bundesbank Abschreibungen vornehmen und/oder ihre Risikovorsorge erhöhen. Bundesbankgewinne und damit eine jährliche Entlastung des Bundeshaushalts wären dann für lange Zeit Geschichte. Dass diese Belastung der Bundesbank deutlich höher ausfiele als ihr derzeitiges Eigenkapital von fünf Milliarden Euro wäre kein Problem, da Notenbanken im Gegensatz zu normalen Instituten auch mit negativen Eigenkapital operieren können. Die Bundesbank selbst hat dies etwa in den 1970er-Jahren einige Jahre selbst praktiziert.

Es steht zu vermuten, dass die Börsen dieser Länder ab Montag einbrechen werden, dass Investoren aus den Staatsanleihen dieser Länder fliehen und deren Renditen kräftig in die Höhe schnellen werden. Dies erschwert die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen und der Staaten und hat das Zeug, den Süden Europas erneut in eine schwere Krise zu stürzen.

Der Stress an den Finanzmärkten hatte deswegen bereits in den vergangenen Tagen merklich zugenommen. Sollte, wie nun zu erwarten steht, die gesamte Bankenlandschaft eines Euro-Landes in die Pleite rutschen, wird dies unweigerlich ein Beben an den Finanzmärkten auslösen, dessen Erschütterungen weit über das Epizentrum in Griechenland hinausreichen. Dann muss es sich erweisen, ob sich der Rest der Euro-Zone in den vergangenen fünf Jahren ausreichend stabilisiert hat, den zu erwartenden Erschütterungen Stand zu halten.

 

Dafür  spricht, dass sich die Wirtschaft in den beiden Reformländern Spanien und Portugal seit Ausbruch der Euro-Krise merklich erholt hat. In Spanien wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr das Niveau des Krisenjahres 2008 schon fast wieder erreichen. Auch Portugals Wirtschaftsleistung wird in diesem Jahr schon fast wieder so hoch ausfallen wie 2010. In beiden Ländern ist die Arbeitslosigkeit zwar noch immer viel zu hoch, doch die Arbeitslosenquoten sinken nun bereits das zweite Jahr in Folge. In beiden Ländern hat sich auch der Anteil der Exporte an der Wirtschaftsleistung merklich erholt.

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