Griechenland-Krise: Das perfide Spiel des Yanis Varoufakis

Griechenland-Krise: Das perfide Spiel des Yanis Varoufakis

Bild vergrößern

Ein Video über Yanis Varoufakis wurde 2013 heiß diskutiert. Dabei blieben wichtige Erkenntnisse außen vor.

von Tim Rahmann

Griechenland steuert auf die Pleite zu. Von einem Euro-Austritt will das Krisenland aber nichts wissen – und droht gar mit Klage. Ein Blick zurück zeigt: Der Kollaps könnte ein lang gehegter Plan sein.

Hat Yanis Varoufakis den Deutschen den Mittelfinger gezeigt? Ein Video von Mai 2013 wird im März dieses Jahres zum Politikum. Der Finanzminister, damals längst noch nicht im Amt, ist in Zagreb zu Gast und spricht beim „Subversive Festival“ an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Er äußert sich zur Schuldenkrise, kritisiert Deutschland – und zeigt den Mittelfinger. Ein Aufschrei geht durch die Öffentlichkeit, Varoufakis spricht von einem „Fake“, doch der Schaden ist längst angerichtet.

Anzeige

Das eigentlich Brisante an dem Video gerät in den Hintergrund und wird nicht weiter aufgegriffen: der Inhalt der Rede. Dabei lohnt es sich, den Ausführungen des Ökonomen ganz genau zu folgen, gibt Varoufakis doch Informationen preis, die mit dem Wissen um die aktuelle Griechenland-Diskussion eine ganz neue Dimension bekommen.

„Der effektivste und radikalste politische Schritt wäre, wenn die griechische Regierung oder ein griechischer Premierminister oder ein griechischer Finanzminister in der Eurogruppe oder wo auch immer, aufsteht und sagt: ,Leute, wir sind zahlungsunfähig.‘ Wir sollten nächsten Mai nicht die sechs Milliarden, die wir angeblich der europäischen Zentralbank schulden, zurückzahlen“, erklärt der Spieltheoretiker. Die Rettungspolitik sei „idiotisch“ und der „Inbegriff von Menschenhass“. Und ans Publikum gewandt appelliert der heutige griechische Finanzminister: „Sagt Nein dazu.“

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

  • Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

    "Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. (...) Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin."

  • Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

    „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft in Takt (...) Der Rückschlag wird nicht von Dauer sein."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm - das sogenannte OMT-Programm - auch noch gibt."

  • Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

    "Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichte machen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt - ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen."

  • Johannes Mayr, BayernLB

    "Weder der Grexit noch die Staatspleite sind zwingend. Es hängt sehr davon ab, wie das Referendum ausgeht. Wenn es zu einer Ablehnung kommt, wäre Griechenland auf schiefer Ebene unterwegs in Richtung Euro-Abschied. Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen.

    Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein - Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen."

Es sind Worte, denen damals keine große Bedeutung zugemessen wurden, die heute aber nachdenklich und, nach wenigen Momenten, wütend machen. So auch gestern Abend in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“. War der Abbruch der Verhandlungen mit den Geldgebern, das Referendumschaos, der Kollaps und die Pleite ein abgekartetes, von langer Hand geplantes Spiel?

Alexander Graf Lambsdorff, FDP-Mitglied und Vizepräsident des Europäischen Parlaments, fasste als erster bei Moderator Frank Plasberg seine Gedanken in Worte und stellte fest: „Das ist eine national-kommunistische Regierung. Sie verwirklichen das, was der Professor da gemacht (gemeint war wohl: „gesagt“; Anm. des Autors) hat.“ Er forderte: „Wir müssen den Grexit organisieren“.

Nur: So einfach ist das nicht. In den EU-Verträgen ist der Euro-Austritt weder vorgesehen, noch geregelt. Zumal die Griechen gar nicht aus der Währungsunion ausscheiden wollen. „Die EU-Verträge machen keine Vorgaben für einen Euro-Austritt, und wir lehnen es ab, ihn hinzunehmen”, machte Varoufakis in einem aktuellen Interview mit dem britischen „Daily Telegraph" deutlich. Und ergänzte kompromisslos: „Unsere Mitgliedschaft ist nicht verhandelbar.“

Sollten Euro-Partner die Griechen zu einem Austritt drängen wollen, seien juristische Konsequenzen die Folge. Man lasse sich derzeit von Rechtsanwälten beraten und werde „sicherlich eine gerichtliche Verfügung des Europäischen Gerichtshofs erwägen“.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%