Griechenland-Pleite: "Neue Kredite für Griechenland verschlimmern die Situation"

Griechenland-Pleite: "Neue Kredite für Griechenland verschlimmern die Situation"

von Tim Rahmann

Kehrtwende: Die griechische Regierung will den Reformauflagen nun zustimmen – und so an neue Kredite kommen. Lucas Flöther glaubt nicht, dass dies die Probleme löst. Er muss es wissen. Flöther ist Insolvenzverwalter.

Das Hin und Her im Griechenland-Poker geht in die nächste Runde. Regierungschef Alexis Tsipras ist offenbar bereit, den Spar- und Reformauflagen der internationalen Geldgeber nun doch zuzustimmen, um an neue Kredite zu kommen. Die braucht Athen dringend. Das Land ist de facto pleite. Und das seit Jahren. Seit 2010 wird der Euro-Staat nur noch mit Hilfe der internationalen Geldgeber vor der Insolvenz bewahrt. Doch trotz der Milliardentransfers nach Athen ist der griechische Schuldenberg inzwischen wieder auf Rekordhöhen angewachsen. Die Politik hat sich in eine Sackgasse manövriert. Zeit, über den Tellerrand hinauszublicken und nach Lehren aus der Realwirtschaft zu schauen, in denen Insolvenzen keine Seltenheit sind.

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Dann gilt es, zu retten, was auf den ersten Blick nicht mehr zu retten ist und eine akzeptable Lösung für beide Seiten zu finden: für die Gläubiger und für den insolventen Kreditnehmer. Diese Aufgabe übernehmen Insolvenzverwalter. Lucas Flöther zählt zu den renommiertesten seiner Zunft. Der Sanierungsexperte ist Sprecher des Gravenbrucher Kreises, dem Zusammenschluss der führenden Insolvenzverwalterkanzleien. Flöther glaubt, dass die laufenden Griechenland-Verhandlungen unter falschen Vorzeichen geführt werden, dass die Debatte um Hilfsprogramme und Reformen am eigentlichen Problem vorbeigeht.

Zur Person

  • Lucas F. Flöther

    Lucas F. Flöther ist Fachanwalt für Insolvenzrecht, Insolvenzverwalter und Sanierungsexperte. Er gehört dem Vorstand des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter an und ist Partner der bundesweit tätigen Kanzlei Flöther & Wissing.

„Der griechische Staat ist völlig überschuldet und deshalb nicht mehr handlungsfähig“, so Flöther im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. Neue Kredite zu gewähren, ohne den Kern des wirtschaftlichen Problems zu beseitigen, verschlimmern diese Situation nur.“ Sein Credo: Ein Schuldenschnitt müsse her.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther glaubt, dass die laufenden Griechenland-Verhandlungen unter falschen Vorzeichen geführt werden.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther glaubt, dass die laufenden Griechenland-Verhandlungen unter falschen Vorzeichen geführt werden.

Den aber verweigern die Europäische Union, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds den Griechen. Die Geldgeber hoffen, mit einem Paket aus Reformen auf der einen und neuen Finanz-Hilfen auf der anderen Seite die griechische Wirtschaft aufpäppeln zu können – und langfristig ihr verliehenes Geld wiederzusehen.  Flöther versetzt diesen Hoffnungen einen Dämpfer. „Wenn ein Unternehmen überschuldet ist, aber weiterbestehen soll, dann wird es saniert, sprich: entschuldet. Das muss auch mit Griechenland geschehen.“

Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

  • Der Zusammenbruch

    Sollte Griechenland nicht bald zu einer stabilen politischen Ordnung zurückfinden, wäre eine Pleite des Staates spätestens im Sommer wohl unausweichlich. In einem solchen Fall würde wohl auch die EZB griechische Banken gemäß ihren Statuten nicht mehr als Geschäftspartner bei ihren Refinanzierungsgeschäften mit dem Banksektor akzeptieren können. Sie wären also nicht mehr refinanzierungsfähig und dürften auf den Bankrott zusteuern. Dies wäre das Ende eines griechischen Finanzsektors in der Euro-Zone - der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel wäre dann nicht mehr zu halten.

  • Der Übergang

    Am Beginn eines Übergangs müssten alleine schon wegen der nötigen technischen Umstellung von Millionen Konten, aber auch um eine Panik und lange Schlangen vor den Banken zu verhindern, die Institute des Landes für einige Tage - vermutlich gut eine Woche - geschlossen bleiben. Parallel würde der gesamte Kapitalverkehr mit dem Ausland für diesen Zeitraum zum Erliegen kommen. In dem Zeitfenster könnte dann die Währungsreform vorbereitet werden - ein banktechnisch und politisch komplizierter Prozess. Unter anderem müssten zahlreiche neue Gesetze erlassen werden. Die Hüter der neuen Währung, also die Notenbanker in Athen, müssten unter anderem eine neue Mindestreservequote und einen neuen Leitzins für ihre Banken beschließen. Zudem müssten sie Vorbereitungen für den so gut wie sicheren Fall treffen, dass die neue griechische Währung am Devisenmarkt massiv abwertet.

  • Die neue Währung

    Wahrscheinlich würde in Griechenland eine neue Währung in zwei Stufen eingeführt. Während sie auf Konten als Buchgeld mehr oder weniger per Knopfdruck umgestellt werden könnte, bräuchte die Bargeldeinführung mehr Zeit - schließlich müssten Münzen geprägt und Geldscheine gedruckt werden. Anschließend müsste das Geld im Land verteilt werden - eine logistische Herkulesaufgabe. In dieser Phase könnte der Euro weiterhin als Tauschmittel für den Alltag fungieren. Hier gibt es eine Art Vorbild: Das Balkanland Montenegro verwendet den Euro bereits einseitig als Zahlungsmittel im Bargeldverkehr, ohne dass es offiziell Mitglied der Euro-Zone ist.

  • Der Scherbenhaufen

    Nach der Währungsreform käme innerhalb des europäischen Systems der Zentralbanken das große Aufräumen. Hier rückt das Großbezahlsystem der Notenbanken, Target II, ins Zentrum. Die Zentralbank in Athen hat innerhalb des Systems Verbindlichkeiten gegenüber der EZB in Höhe von rund 100 Milliarden Euro. Hinzu kämen Forderungen der Euro-Notenbanken aus dem umstrittenen Kauf griechischer Staatsanleihen seit Mai 2010 - geschätzt zwischen 40 und 50 Milliarden Euro. Rechnet man diese Posten zusammen steht Athen alleine beim Eurosystem aus EZB, Bundesbank & Co. mit bis zu 150 Milliarden Euro in der Kreide. Auf die Bundesbank entfielen nach dem Kapitalschlüssel der EZB etwas mehr als ein Viertel, also etwa 40 Milliarden Euro. Möglich wäre nun, dass die Griechen das Geld über einen langen Zeitraum, eventuell viele Jahrzehnte, abzahlen. Auch eine Lastenteilung zwischen der Zentralbank in Athen, der EZB und den verbleibenden 16 Euro-Notenbanken ist denkbar. Im schlimmsten Fall, also wenn Griechenland nicht zahlen will oder kann, müsste die Bundesbank Abschreibungen vornehmen und/oder ihre Risikovorsorge erhöhen. Bundesbankgewinne und damit eine jährliche Entlastung des Bundeshaushalts wären dann für lange Zeit Geschichte. Dass diese Belastung der Bundesbank deutlich höher ausfiele als ihr derzeitiges Eigenkapital von fünf Milliarden Euro wäre kein Problem, da Notenbanken im Gegensatz zu normalen Instituten auch mit negativen Eigenkapital operieren können. Die Bundesbank selbst hat dies etwa in den 1970er-Jahren einige Jahre selbst praktiziert.

Es bräuchte nun eine Instanz, die neutral und mit einem analytischen Blick auf die Fakten in der Griechenland-Krise schaut. „Ein Insolvenzverwalter würde bei einem Unternehmen nun genau feststellen, welche Vermögenswerte da sind und welche Einnahmen in den kommenden Jahren zu erwarten sind. Daraus ergibt sich, wie hart der Haircut sein muss“, erklärt Flöther.

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