Griechenland: Varoufakis will Europa revolutionieren

Griechenland: Varoufakis will Europa revolutionieren

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Yanis Varoufakis

von Sven Prange, Tim Rahmann, Daniel Rettig, Silke Wettach

Die Griechen-Spitze steht für eine neue attraktive Linke. Sie fordert die etablierte Politik heraus und träumt von einem Lateineuropa. Wie gefährlich ist die Mischung aus Vulgär-Keynesianismus und Pop-Marxismus?

Vielleicht sollten wir die Geschichte des Yanis Varoufakis, dem derzeit wohl heißesten Politiker Europas, noch einmal neu schreiben. Der Aufstieg zum Schrecken europäischer Finanzminister und deutscher Steuerzahler begänne dann nicht mit jener griechischen Wahl Ende Januar, die Europa ein neues Phänomen des Linkspopulismus und der Euro-Krise einen Brandbeschleuniger bescherte – sondern an einem Oktoberabend 2011.

Varoufakis hat sich bis dahin vor allem mit ökonomischer Theorie beschäftigt. Er hat sich in Kreisen marxistischer Exil-Griechen in England und linker Ökonomen in den USA einen Namen gemacht, im Großen und Ganzen aber ist er ein Mann fern der Praxis geblieben. An diesem Abend holt sie ihn in Form einer E-Mail ein.

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Griechenlands Zahlungsverpflichtungen 2015

  • Die Rückzahlungen 2015

    Die griechische Regierung muss in diesem Jahr noch rund 17 Milliarden Euro an Krediten und Zinsen zurückzahlen. Der größte Batzen entfällt dabei mit rund 8,1 Milliarden Euro auf den Internationalen Währungsfonds (IWF). Daneben stehen Zahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB), private Gläubiger sowie die Partner aus der Eurozone aus. Ungeachtet der Verlängerung des Hilfsprogramms mit den Euro-Partnern ist bisher unklar, wie Finanzminister Yanis Varoufakis die Mittel aufbringen will. Vor allem im Juli und August stehen Rückzahlungen über mehrere Milliarden Euro an. Es folgt eine Auflistung darüber, was Griechenland in welchem Monat dieses Jahres zahlen muss.
    Rundungsdifferenzen möglich, Quelle: Eurobank Athen, eigene Berechnungen (Reuters)

  • März

    Rund 1,5 Milliarden an den IWF, 75 Millionen Zahlungen an andere - insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro.

  • April

    450 Millionen an IWF, 275 Millionen an Zinsen - insgesamt rund 0,7 Milliarden Euro.

  • Mai

    750 Millionen plus 196 Millionen an IWF, sowie 77 Millionen für bilaterale Kredite - insgesamt rund 1 Milliarden Euro.

  • Juni

    1,5 Milliarden an IWF plus 280 Milliarden an EZB und andere - insgesamt 1,7 Milliarden Euro.

  • Juli

    450 Millionen an IWF, 3,5 Milliarden an EZB, 700 Millionen an Zinsen für EZB - insgesamt rund 4,8 Milliarden Euro.

  • August

    Rund 170 Millionen an IWF, 3,2 Milliarden an EZB und andere Notenbanken, 190 Millionen an Zinsen - insgesamt rund 3,7 Milliarden Euro.

  • September

    1,5 Milliarden Euro an IWF.

  • Oktober

    450 Millionen an IWF, 200 Millionen an andere - insgesamt 0,65 Milliarden Euro.

  • November

    150 Millionen an IWF, 77 Millionen bilaterale Kredite - rund 0,23 Milliarden Euro

  • Dezember

    1,1 Milliarden Euro an IWF.

Absender: Ein Amerikaner namens Gabe Newell. Er schreibt: „Ich bin der Chef einer Videospielfirma. Wir haben gerade ein paar Probleme. Hätten Sie Interesse, uns zu beraten?“ Varoufakis hat – und wird „Economist-in-Residence“ der Valve Corporation. Die Softwarefirma erfand die Ego-Shooter-Spiele Half-Life und Counter-Strike. Da geht es darum, Gegner durch geschicktes Taktieren und Manövrieren kampfunfähig zu machen und auf den richtigen Moment zur Attacke zu warten.

Streit mit Schäuble

Dreieinhalb Jahre später, Athen. Varoufakis kommt dem Besucher im verwinkelten Vorzimmer seines Ministerbüros entgegen, die Lederjacke liegt auf einem der roten Polstersessel. Er streckt die Hand aus. „Ich bin Yanis“, sagt er. Varoufakis gibt sich charmant und gewinnend. Angesprochen auf seinen Kollegen Wolfgang Schäuble, schwärmt er: „Eine faszinierende Persönlichkeit.“ Es sei „eine Ehre, seine Bekanntschaft gemacht zu haben“. Varoufakis sagt: „Ich schätze unseren offenen Meinungsaustausch.“ In der Sprache der Diplomaten bedeutet das: Wir streiten heftig.

Die wenigen Szenen beschreiben das Spektrum, das dieser Mann bedient: Der Spieltheoretiker und Ego-Shooter, der in Allein-gegen-alle-Manier die Euro-Gruppe aufmischt, aber auch als Menschenfänger seine Gegenüber fasziniert. Es sind Szenen, an die Europa sich wird gewöhnen müssen: Varoufakis mag der extremste seiner Art sein. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung entsteht durch ihn, seinen Chef Alexis Tsipras oder den spanischen Podemos-Chef Pablo Iglesias ein neuer Typ Linkspopulist: unorthodox im Vorgehen; ungestüm in der Wirtschaftspolitik; gnadenlos in der Gegnerschaft zur klassischen Politik. Und Südeuropäer.

Da können sich Nordeuropas Politiker noch so sehr über den wurstigen Furor, ja die Chuzpe echauffieren: „Das Phänomen bedeutet eine Zeitenwende“, sagt Tim Bale, Berater beim Thinktank Policy Network.

Griechenland Athen schreckt auch vor Lügen nicht mehr zurück

Griechenlands Premier Tsipras hofft beim Treffen in Brüssel auf dringend benötigtes Geld. Kanzlerin Merkel machte die Hoffnungen zunichte. Angesichts der prekären Lage versteigt sich Vizepremier Dragasakis in Lügen.

A Greek flag flutters by a statue of ancient Greek philosopher Socrates in central Athens March 18, 2015. Greek Prime Minister Alexis Tsipras on Wednesday hit back at reported criticism from European partners on a bill legislating food stamps and free electricity to the poor, saying his government will not be scared into complying with lenders.REUTERS/Yannis Behrakis (GREECE - Tags: POLITICS BUSINESS) Quelle: REUTERS

Bislang stützen sich Populisten in Europa auf kulturelle Vorbehalte: die Vaterlandsbewahrerin Marine Le Pen in Frankreich, der Salon-Rassist Matteo Salvini in Italien, der Euro-Feind Bernd Lucke in Deutschland. Varoufakis, Tsipras, Iglesias sind anders. Sie argumentieren materiell statt kulturell. Ihre Alternative: eine Mischung aus Vulgär-Keynesianismus, also Staatsausgaben für alles, und Pop-Marxismus, ergo Dirigismus mit Sex-Appeal.

Sozioökonomisches Lateineuropa

Varoufakis’ Chef Alexis Tsipras schrieb in der spanischen Zeitung „El País“: „Die Bürger des ganzen Südens müssen zusammenstehen und aus dem Dunkel der Austerität aufstehen.“ Und Italiens größtes Nachrichtenmagazin „Espresso“ fragte am Freitag auf dem Cover: „Brauchen auch wir mehr Podemos?“

Das befeuert eine Idee, die Intellektuelle im Mittelmeerraum begeistert, seitdem der italienische Philosoph Giorgio Agamben sie 2012 wiederbelebte: ein sozioökonomisches Lateineuropa. Eine Idee, die Podemos genauso propagiert wie Linkspolitiker, Blogger, Philosophen und Autoren rund ums Mittelmeer. Lateineuropa ist das Gegenteil von Merkel-Europa. Das wird im Süden nicht über Austerität gleich Prosperität gleich Wohlstand definiert, sondern durch: Staaten retten Banken.

Der Franzose Edgar Morin findet: Der Süden messe den Wert des Lebens nicht quantitativ, sondern qualitativ – unvereinbar mit dem Kapitalismus. Das Vorbild: der französische Bürgerkönig Louis-Philippe I. Der forderte im 19. Jahrhundert seine Landsleute auf, gegen die Ausbreitung anglophiler Lebensgewohnheiten zu kämpfen. Was macht das Konzept plötzlich wieder attraktiv?

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