Griechenland: "Verschleppung der Gespräche war ein Riesenfehler"

InterviewGriechenland: "Verschleppung der Gespräche war ein Riesenfehler"

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Verhandlungsexperte Matthias Schranner

von Silke Wettach

Sind die Griechenland-Gespräche überhaupt noch zu retten? Der Verhandlungsexperte Matthias Schranner über den Poker zwischen der Syriza-Regierung und den internationalen Geldgebern.

WirtschaftsWoche: Seit Februar verhandelt Griechenland mit seinen Gläubigern. Täuscht der Eindruck, dass die beiden nicht einen Zentimeter weiter gekommen sind?

Matthias Schranner: Es ist noch schlimmer: Die beiden stehen heute an einem Punkt, der wesentlich ungünstiger ist als die Ausgangssituation.

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Wieso?

Zur Person

  • Matthias Schranner

    Matthias Schranner ist einer der führenden Experten für Verhandlungen. Er hat früher bei der Polizei gearbeitet und unter anderem bei Geiselnahmen verhandelt. Heute unterstützt er als Berater die Unternehmen und Parteien. Wie gut unsere Politiker verhandeln, hat Schranner unter anderem in dem Buch „Faule Kompromisse – Wie gut verhandeln unsere Politiker“ aufgeschrieben.

In Verhandlungen gibt es mehrere Phasen: Die Vorbereitung, die Annäherung und dann muss die Lösung kommen. Wenn sie ausbleibt, wird die Sache immer schwieriger zu verhandeln. Weil sich die Erwartungen verändern und weil man die Beziehung beschädigt. Es kommt zu immer mehr Anschuldigungen, auch auf persönlicher Ebene.

Selbst wenn beide Seiten nun eine Lösung finden sollten, ist sie also zwangsläufig schlechter als diejenige, die man im Februar hätte erreichen können?

Hundertprozentig. Mit fortschreitender Verhandlungsdauer werden die Optionen geringer. Wenn man im Februar begonnen hätte, erste Schritte umzusetzen, dann wäre man heute schon viel weiter.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

  • Problem Euro

    Seit Wochen betonen die Euro-Partner, dass die Ansteckungsgefahr nach einem Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone eher gering wäre. Zum einen wird darauf verwiesen, dass sich heute fast alle griechischen Schulden bis auf 40 bis 50 Milliarden Euro in der öffentlichen Hand befinden - eine Kettenreaktion kollabierender Banken also nicht zu befürchten sei. Zum anderen hätten sich Gläubiger seit langem auf mögliche Probleme eingestellt und ihre griechischen Geschäfte reduziert.

    Alles falsch, meint Schulz und verweist darauf, dass die Risikoaufschläge etwa für spanische Staatsanleihen in den vergangenen Wochen erheblich gestiegen seien. Kommt ein Staatsbankrott, würde der möglicherweise einen Schuldenschnitt nach sich ziehen - mit erheblichen Belastungen für die klammen Haushalte etwa der südlichen EU-Staaten, aber auch Frankreichs.

    Außerdem könnte das Vertrauen in den Euro als Währung weltweit Schaden nehmen, wenn eines der 19 Mitglieder ausbreche, heißt es in der Bundesregierung. Dabei spiele keine große Rolle, dass Griechenland weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Währungszone beisteuere. Denn die angebliche Unumkehrbarkeit der Euro-Einführung wäre widerlegt.

  • Problem Großbritannien

    In Berlin fürchtet man aber auch, dass ein Kollaps Griechenlands den Befürwortern eines britischen Austritts aus der EU Auftrieb geben könnte. Europa droht also an seinen Rändern zu zerfasern. Der Grund ist einfach: Die EU wäre nach einem Ausstieg Athens wahrscheinlich in einem so desolaten Zustand und müsste so viel kurzatmige Rettungsaktionen für Griechenland starten, dass die Gemeinschaft auf britische Wähler kaum noch attraktiv wirken dürfte. Möglicherweise würden zudem mehr Griechen das eigene Land auch Richtung Großbritannien verlassen wollen. Die Briten schimpfen aber bereits jetzt über zu viele Migranten aus anderen EU-Ländern - dies ist einer der Kritikpunkte der EU-Gegner auf der Insel.

  • Problem Russland

    Griechenland ist nicht nur ein angeschlagener Euro-Staat, sondern auch ein schwieriger EU-Partner. Mit seiner Linksaußen- Rechtsaußen-Regierung betonte Ministerpräsident Alexis Tsipras politische Nähe zum Kreml und hat sich mehrfach mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen. In der EU gibt man sich zwar gelassen, dass Russland nicht als alternativer Geldgeber gegen die EU ausgespielt werden kann - dafür sind die nötigen Hilfssummen viel zu groß. Auch die Träume des Links-Politikers, dass Griechenland Verteilland für russisches Gas in der EU werden könnte, dürften sich angesichts des Vorgehens der EU-Kommission gegen den russischen Gasriesen Gazprom zerschlagen. Aber Putin hat nach Ansicht von EU-Diplomaten durchaus schon bewiesen, dass er Differenzen zwischen EU-Staaten ausnutzen kann. Bei der Verlängerung von EU-Sanktionen gegen Russland braucht es etwa auch die Zustimmung Griechenlands.

  • Problem Balkan

    In Berlin sorgt man sich zunehmend, dass die gesamte Balkan-Region ohnehin sehr instabil werden kann. Immer noch gärt der Namensstreit zwischen Griechenland mit dem EU-Beitrittsaspiranten Mazedonien - in dem ein heftiger innenpolitischer Machtkampf tobt. Und Geheimdienste warnen, dass die radikalislamische Miliz Islamischer Staat (IS) in den vergangenen Monaten massiv versucht hat, in den moslemischen Bevölkerungen Bosnien-Herzegowinas, Albaniens oder Mazedoniens Fuß zu fassen. Ein zusammenbrechender Nachbarstaat Griechenland würde die Unruhe in der Region noch verstärken.

  • Problem Flüchtlinge

    Kaum diskutiert worden ist die Rolle Griechenlands bei der Abwehr eines unkontrollierten Zuzugs von Flüchtlingen in die EU. In den vergangenen Jahren hat der bessere Schutz der griechisch-türkischen Grenze Flüchtlingen aus dem Nahen Osten die Einwanderung in die EU zumindest zum Teil erschwert. Die linke Syriza-Partei könnte im Falle eines Staatsbankrotts die Schleusen für afrikanische oder syrische Flüchtlinge aufmachen. Entsprechende Drohungen waren aus Athen bereits zu hören. Denn seit Jahresbeginn seien bereits 46.000 Flüchtlinge nach Griechenland gekommen, teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit. 2014 waren es im selben Zeitraum nur 34.000 Personen. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer Flüchtlingskatastrophe in Griechenland.

    EU-Kommissar Günther Oettinger forderte die Brüsseler Behörde auch deshalb auf, einen "Plan B" zu erarbeiten. Dabei soll Hilfe für das Land für den Fall eines Bankrotts vorbereitet werden. Neben humanitärer Hilfe gehe es um die Frage, wie man eigentlich die Sicherheit in dem EU-Land noch gewährleisten will, wenn die Regierung den Polizisten keine Löhne mehr zahlen kann.

Hätten die Geldgeber mit Macht verhindern müssen, dass die Verhandlungen sich so lange hinziehen?

Es war der größte Fehler, dass sie zugelassen haben, dass die Gespräche immer noch andauern. Man hätte eine klare Ansage zum Zeitplan machen müssen. Anfangs haben sich die Geldgeber natürlich noch eingeredet, dass alles besser würde und die Griechen sich sortieren würden. Aber dazu ist es nicht gekommen.

Sind die Gespräche denn noch zu retten?

Absolut. Die eigentliche Schwierigkeit bei dieser Verhandlung ist die Erwartungshaltung von außen. Die EU-Bürger erwarten, dass Griechenland die Konsequenzen seines Verhaltens zu tragen hat. Die griechische Bevölkerung erwartet, dass die Vertreter Griechenlands den Schuldenschnitt erreichen. Am Verhandlungstisch ist das noch zu lösen.

Zwischen Streit und Einigung: Die Griechenland-Krise

  • Was die Gläubiger wollen

    Euroländer und der IWF sagen, dass sie nicht weiter Milliarden an Rettungsgelder in einen Staat pumpen können, der sich nicht modernisieren will.
    Griechenlands Problem wurde ursprünglich dadurch ausgelöst, dass sich das Land vor einem Jahrzehnt - in den guten Zeiten - sozusagen mit billigen Krediten vollfraß. Folglich sollte es sich jetzt darauf konzentrieren, Kosten zu senken. Die bisherigen Hilfen für Griechenland liegen bei 240 Milliarden Euro. Seit die Zahlung der Rettungsgelder 2010 begann, hat Athen Einschnitte bei Pensionen, staatlichen Jobs und Sozialausgaben vorgenommen, staatliche Vermögenswerte veräußert und Steuern erhöht.
    Weitere Hilfen machen die Gläubiger von Reformen für effizientere Staatsverwaltung und Unternehmensregeln abhängig. So soll Athen unter anderem zahlreiche Steuerfreibeträge abschaffen, Massenentlassungen bei in Schwierigkeiten steckenden Unternehmen leichter machen und ein umfassendes Privatisierungsprogramm neu auflegen.
    Um sicher zu sein, dass Athen die Kredite auch zurückzahlen kann, wollen die Gläubiger Zusagen, dass diese Extra-Reformen auch durchgeführt werden.

  • Was Griechenland will

    Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras kam hauptsächlich mit einem Versprechen an die Macht: Die Sparmaßnahmen zu beenden, auf die sich vorherige Regierungen eingelassen hatten. Tsipras argumentiert, dass die Maßnahmen umgestaltet werden müssten, um das Wachstum zu stimulieren. Es dürfe nicht nur um Schuldenabbau gehen. Er macht die Einschnitte für eine humanitäre Krise im Land verantwortlich: Die Wirtschaft ist um ein Viertel geschrumpft, mehr als 25 Prozent der Menschen sind arbeitslos und sogar noch mehr ohne Krankenversicherung.
    Bei den neuen Reformvorschlägen konzentriert sich Tsipras hauptsächlich auf die Bekämpfung von Steuerflucht der Reichen. Dem Staat wird das aber nur begrenzt mehr Geld einbringen, denn der größte Teil der massiven Steuerschulden entfällt auf normale Haushalte und bankrotte Unternehmen. Andere Maßnahmen wie weitere Privatisierungen oder eine Lockerung von Arbeitsschutzregeln lehnt die Tsipras-Regierung ab.

  • Das Fazit

    Um eine drohende Pleite abzuwenden, muss ein Kompromiss her. Volkswirtschaftlern zufolge ist die Eurozone besser vor finanzieller Instabilität geschützt, wenn Griechenland den Euroverbund verlässt. Herabstufungen der Bonitätsnote und ein Anstieg der Kreditzinsen in den vergangenen Wochen haben an den Märkten außerhalb Griechenlands wenig Panik ausgelöst. Für Griechenland würde ein Ausstieg aus der Eurozone zumindest kurzfristig großes wirtschaftliches Chaos bedeuten.
    Um einen Deal zu erreichen, hat die Regierung in Athen einigen vordem von ihr abgelehnten Maßnahmen zugestimmt, beispielsweise einer andauernden Aufsicht von außen über die Staatsfinanzen.
    Der Schlüssel könnte am Ende in Tsipras' Popularität liegen, meint Gianis Palaiologos, ein angesehener griechischer Finanzkommentator. Demnach könnte der Regierungschef einen Kompromiss eingehen, einige kostensparende Reformen im Gegenzug zu bescheideneren Haushaltszielen akzeptieren.

Wie soll das funktionieren?

Man müsste kleine Teams bilden mit jeweils fünf Leuten. Die sperren wir für drei Tage weg, ohne Presse. Anschließend, spätestens nach vier, fünf Tagen wird es eine Entscheidung geben. Im Vorfeld muss man darauf hinweisen, dass alles passieren könnte. Das würde die Erwartung senken.

Also im Prinzip müssten die internationalen Geldgeber nur die katholische Kirche nachahmen? Bei der Papstwahl ziehen sich die Kardinäle so lange zurück, bis weißer Rauch aufsteigt.  

Weißer Rauch besitzt in der Tat Symbolkraft. Die bräuchte man jetzt auch. Was derzeit fehlt, ist jegliche Festlegung auf einen verbindlichen Zeitplan.

Die griechische Seite hat sich ja nicht sehr kooperativ gezeigt. Was können Verhandlungsführer tun, wenn eine Seite partout nicht will?

Den Eindruck hat man in den letzten Wochen ja gewonnen, dass die griechische Seite gar nicht verhandeln will. Man könnte vermuten, dass die eine Hidden Agenda, einen Geheimplan haben. Aber ich glaube, dass die sich verzockt haben. Sie merken, dass sie ihre ursprünglichen Anliegen nicht umsetzen können.

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