Griechenland vor der Pleite: Mit Schuldenerlass ist noch eine Lösung möglich

kolumneGriechenland vor der Pleite: Mit Schuldenerlass ist noch eine Lösung möglich

Kolumne

Nach ihrer aggressiven Verhandlungstaktik steht die griechische Regierung nun vor einem Scherbenhaufen. Doch wenn die Vernunft siegt, ist eine Lösung bis zur Fälligkeit der EZB-Kredite noch möglich.

Der bisherige Verlauf des Griechenland-Streits befand sich in einem kritischen Stadium, aber die handelnden politischen Akteure, vor allem die Eurogruppe, schienen in den andauernden Gesprächen die Lage noch unter Kontrolle zu haben. Die Tür für eine gütliche Einigung war stets offen. Durch die einseitige Handlung der griechischen Verhandlungsseite, ein Referendum ohne vorherigen Beschluss mit der Eurogruppe zu verkünden und womöglich nicht in Betracht zu ziehen, dass die Eurogruppe sich der Idee des Referendums nicht beugen würde, droht die Lage nachhaltig außer Kontrolle zu geraten.

Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Stefan Bielmeier ist seit 2010 der Chefvolkswirt und Leiter Research der DZ Bank, dem Zentralinstitut von mehr als 900 Genossenschaftsbanken. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Presse

Nur mit Hilfe eines beherzten Eingreifens der europäischen Führungsriege um die deutsche Bundeskanzlerin Merkel und den französischen Staatspräsidenten Hollande sowie der Einsicht von griechischer Seite kann nach jetzigem Stand der Dinge der gordische Knoten noch durchschlagen und ein Grexit verhindert werden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die EWU-Staats- und Regierungschefs hierfür nicht nur einen positiven Ausgang des Referendums, sondern auch politische Konsequenzen in Griechenland als Bedingung stellen.

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Die Folgen für die Finanzmärkte dürften überschaubar bleiben. Zwar sollte die Volatilität zunächst zunehmen. Aber letztendlich sollte sich die Meinung durchsetzen, dass es für den Euroraum insgesamt besser ist, wenn man sich an die eigenen Regeln hält. Außerdem kann die EZB einer möglichen deutlichen Ausweitung der Zinsaufschläge an den europäischen Anleihemärkten durch die laufenden Programme entgegenwirken. Rein wirtschaftlich hat Griechenland eine relativ geringe Bedeutung, so dass es am Aktienmarkt kaum langfristige Folgen geben sollte.

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

  • Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

    "Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. (...) Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin."

  • Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

    „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft in Takt (...) Der Rückschlag wird nicht von Dauer sein."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm - das sogenannte OMT-Programm - auch noch gibt."

  • Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

    "Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichte machen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt - ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen."

  • Johannes Mayr, BayernLB

    "Weder der Grexit noch die Staatspleite sind zwingend. Es hängt sehr davon ab, wie das Referendum ausgeht. Wenn es zu einer Ablehnung kommt, wäre Griechenland auf schiefer Ebene unterwegs in Richtung Euro-Abschied. Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen.

    Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein - Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen."

Aber selbst wenn es noch zu einer Einigung kommt, sind die eigentlichen, grundlegenden Probleme in Griechenland, wie die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und ein fehlendes „Geschäftsmodell“ des Landes in einer globalisierten Welt, nicht gelöst. Hierfür braucht es sicherlich noch lange. Große Anstrengungen der Regierung und der Bevölkerung sind nötig. Die Probleme würden also mit großer Wahrscheinlichkeit dann in einigen Monaten wieder auftauchen.

Ein anderer Aspekt, der in den vergangenen Wochen zunehmend sichtbar wurde, ist die grobe Fehleinschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bezüglich der Widerstandsfähigkeit der griechischen Wirtschaft. In Folge dieser falschen Einschätzung waren die Reformauflagen für die gewährten IWF-Kredite zu streng, was maßgeblich zur tiefen Rezession in Griechenland beigetragen hat und damit auch teilweise verantwortlich ist für die politische Entwicklung in Griechenland.

In der Tat ist es bislang kaum einem Land gelungen, in einer solch kurzen Zeit das strukturelle Defizit so stark zu reduzieren. Dass die zukünftig erforderlichen Einschnitte trotzdem noch so groß sind, ist ein weiterer Hinweis auf die völlig unzulängliche strukturelle Verfassung der griechischen Wirtschaft. Ein Grund für die Probleme der letzten Monate ist somit in der Konstruktion und der zeitlichen Dichte der geforderten Reformauflagen zu suchen. Dies ist zwar kein Grund, die notwendigen Reformen nicht weiter voranzutreiben. Jedoch kann man diese Erkenntnis in zukünftige Programme – und nicht nur für Griechenland - einfließen lassen.

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