Griechenland: Wie gefährlich ist der "Grexit" für Europa?

Griechenland: Wie gefährlich ist der "Grexit" für Europa?

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Was der "Grexit" für den Euro bedeuten könnte: Die Ökonomen Friedrich Heinemann, Marcel Fratzscher und Jörg Krämer.

von Niklas Dummer

Die griechische Regierung hat in der Nacht einen Reformkatalog vorgelegt. Reicht dieser den Gläubigern aus oder lassen sie es auf einen Grexit ankommen? Welche Auswirkungen ein Grexit auf die Europäische Union hätte.

Die Zeit drängt. Um kurz nach Mitternacht verließen die wichtigsten Akteure im Griechenland-Poker das Kanzleramt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach zunächst mit dem französischen Staatschef François Hollande und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker; später kamen auch die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde und EZB-Präsident Mario Draghi hinzu, um über Griechenlands Zukunft in der Euro-Zone zu beraten.

Noch in derselben Nacht hat die griechische Regierung laut der Nachrichtenagentur AFP den Gläubigern einen umfassenden Reformplan vorgelegt. Regierungschef Alexis Tsipras bezeichnet die Vorschläge „realistisch“, um das Land aus der Krise zu führen. Jetzt liegt es bei den Gläubigern, zu prüfen, ob sie das genauso sehen und die Reformen für ausreichend halten oder es auf einen Grexit ankommen lassen.

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Welche Konsequenzen ein solcher Austritt aus der Währungsunion für Griechenland hätte, wurde reichlich diskutiert. Die Frage ist, welche Auswirkungen ein Grexit auf die Euro-Zone hätte: Würde Griechenland Spanien, Italien und andere Krisenländer mit in den Abgrund reißen? Geraten die Finanzmärkte in Panik? Und welche politischen Folgen hätte ein Grexit für die Euro-Retter, die dann kläglich gescheitert wären und den Wählern hohe Verluste erklären müssten? WirtschaftsWoche Online hat mit führenden Ökonomen über diese Fragen gesprochen.

Gibt es Aufschläge auf Anleiherendite oder kauft die EZB die Sorgen weg?

Als 2010 erstmals über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone diskutiert wurde, gerieten die Finanzmärkte in Panik. Spanien, Italien und Co. konnten sich nur noch mit sehr hohen Zinsaufschlägen an den Anleihenmärkten finanzieren.

Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

  • Grexit

    Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für „Griechenland“ (Greece) und „Ausstieg“ (Exit) gebildet - gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung ihre Produkte viel günstiger anbieten.

  • Graccident

    Neuerdings wird auch vor einem unbeabsichtigten Euro-Aus der Griechen gewarnt. Das Kunstwort dafür besteht aus Greece und dem englischen Wort für „Unfall“ (Accident) - wobei das Wort im Englischen auch für „Zufall“ stehen kann. Gemeint ist ein eher versehentliches Schlittern in den Euro-Ausstieg, den eigentlich niemand will - der aber unvermeidbar ist, weil Athen das Geld ausgeht. Mittlerweile taucht die Wortschöpfung auch als „Grexident“ auf.

  • Anleihe

    Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

  • T-Bill

    Im Grunde handelt es sich ebenfalls um Anleihen - allerdings mit deutlich kürzerer Laufzeit. Während Anleihen für Zeiträume von fünf oder zehn oder noch mehr Jahren ausgegeben werden, geht es bei T-Bills um kurzfristige Finanzierungen. Die Laufzeit solcher Papiere beträgt in der Regel nur einige Monate.

  • Schuldenschnitt

    Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

  • Rettungsschirm

    Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

  • Troika

    In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

Dass das abermals geschieht, bezweifelt Friedrich Heinemann, der Leiter des Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“ am Zentrum für Europäische Finanzwirtschaft (ZEW). Anders als damals sei Europa heute auf so ein Szenario vorbereitet.

„Maßgebliche Akteure, allen voran die EZB, haben die nötigen Instrumente und werden einer solchen Entwicklung mit aller verfügbaren Feuerkraft entgegensteuern“, so Heinemann. Um eine Ansteckung zu verhindern, würden Gelder aus dem Rettungsschirm ESM in Aussicht gestellt. Der ESM unterstützt überschuldete Staaten durch Notkredite und Bürgschaften und senkt so ihre Abhängigkeit von den Finanzmärkten. „Aus den kritischen Jahren wissen wir allerdings, dass das alleine nicht ausreichend ist.“ 

Deswegen dürfte die EZB erneut in Aussicht stellen, unbegrenzt Staatsanleihen der betroffenen Staaten zu erwerben. Mit dem Outright Monetary Transaction-Programm ist das notwendige Instrument dafür vorhanden. Dass tatsächlich Geld fließt, glaubt Heinemann nicht. „Allein die Ankündigung würde die Zinsaufschläge an den Märkten verhindern.“ Eine nennenswerte Ansteckungsgefahr zweifelt er an.

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