Griechenland: "Wir spielen Normalität"

Griechenland: "Wir spielen Normalität"

von Dieter Schnaas

Wahltag: Alles geht seinen gelassenen, demokratischen Gang. Wirklich? Tsipras hat die Stimmung angeheizt und die Abstimmung zu einem Glaubenskrieg erhoben. Die paradoxe Folge: Griechenland ist in Einigkeit gespalten.

Niemand ist nervös in Athen oder unruhig, alles geht seinen gelassenen, demokratischen Gang, warum auch nicht? Die Griechen haben sich an die Krise gewöhnt wie an die Sommerhitze, sie ist zu einem Teil ihres Alltags geworden, sie lähmt das Land, aber muss man mit ihr zurechtkommen. Jeder weiß, dass dieser Alltag ihn morgen einholen wird, so oder so, ganz gleich, wie das Ergebnis heute Abend ausfällt, die Zeiten waren schwierig, die Zeiten sind schwierig und die Zeiten werden schwierig sein.

25 Prozent Arbeitslosigkeit, Jobverluste, Lohnkürzungen, Renteneinschnitte - die überwältigende Mehrheit der elf Millionen Griechen hat in den vergangenen Jahren ein substantielles materielles Minus hinnehmen müssen. Dass die Griechen seit fünf Jahren jeden Morgen aufstehen und die Touristen mit Frühstück versorgen, dass sie ihre Kinder großziehen, Steuern zahlen, an die Arbeit gehen, kurz: dass sie trotz aller Sorgen und Nöte buchstäblich ihren Alltag meistern, ist ein kleines Wunder. "Wir spielen Normalität", sagt Ilias Kourounis, der seit 20 Jahren Taxi fährt in Athen, "und ich finde, wir spielen das gar nicht so schlecht."

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+++Die Ereignisse im Überblick+++ Die Griechen lehnen Sparvorgaben ab

Mit deutlicher Mehrheit haben die Griechen am Sonntag die Sparvorgaben der internationalen Gläubiger abgelehnt. Nach Auszählung aller Wahlzettel haben 61,31 Prozent der Wähler mit „Nein“ votiert.

Die Griechen bleiben hart und stimmen im Referendum für Nein. Quelle: dpa Picture-Alliance

Kourounis weiß noch nicht wirklich, was er heute wählen wird, er ist hin- und hergerissen zwischen "Oxi" (Nein) und "Nai" (Ja), weiß auch nicht wirklich, ob es einen Unterschied macht: "Die meisten Griechen wollen nach fünf Jahren "Nein" wählen und fürchten zugleich die Konsequenzen."  Einerseits hat er kein Verständnis für die Verständnislosigkeit der Deutschen und Europäer den Griechen gegenüber. Andererseits will er den Euro behalten und EU-Europäer bleiben, keine Frage: "Das Beste wäre vielleicht, wenn wir mit 'Ja' Stimmen, um mit den Europäern anschließend einen besseren Deal auszuhandeln.

Wir fahren hinauf nach Norden in den Stadtteil Kypseli, den es vielleicht am schlimmsten getroffen hat in den vergangenen Krisenjahren: Nach dem Krieg war das Viertel ein bevorzugter Zuzugsort für Kleinbürger mit berechtigten Aufstiegshoffnungen, später dann für die gehobene Mittelklasse, kurz: für die Fleißigen, die Ehrlichen, die Steuerzahler. Heute ist Kypseli ein sozialer Brennpunkt - die Mittelklasse konnte sich die Mieten und Ratenzahlungen nicht mehr leisten, die Preise fielen, illegale Migranten hielten Einzug - mit der Folge, dass die Preise weiter verfielen und noch mehr angestammte Bewohner das Weite suchten. Vielleicht der einzige Prominente, der hier noch wohnt, ist Alexis Tsipras - die Straßen rund um sein Wahllokal sind seit dem Morgen abgesperrt.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

  • Problem Euro

    Seit Wochen betonen die Euro-Partner, dass die Ansteckungsgefahr nach einem Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone eher gering wäre. Zum einen wird darauf verwiesen, dass sich heute fast alle griechischen Schulden bis auf 40 bis 50 Milliarden Euro in der öffentlichen Hand befinden - eine Kettenreaktion kollabierender Banken also nicht zu befürchten sei. Zum anderen hätten sich Gläubiger seit langem auf mögliche Probleme eingestellt und ihre griechischen Geschäfte reduziert.

    Alles falsch, meint Schulz und verweist darauf, dass die Risikoaufschläge etwa für spanische Staatsanleihen in den vergangenen Wochen erheblich gestiegen seien. Kommt ein Staatsbankrott, würde der möglicherweise einen Schuldenschnitt nach sich ziehen - mit erheblichen Belastungen für die klammen Haushalte etwa der südlichen EU-Staaten, aber auch Frankreichs.

    Außerdem könnte das Vertrauen in den Euro als Währung weltweit Schaden nehmen, wenn eines der 19 Mitglieder ausbreche, heißt es in der Bundesregierung. Dabei spiele keine große Rolle, dass Griechenland weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Währungszone beisteuere. Denn die angebliche Unumkehrbarkeit der Euro-Einführung wäre widerlegt.

  • Problem Großbritannien

    In Berlin fürchtet man aber auch, dass ein Kollaps Griechenlands den Befürwortern eines britischen Austritts aus der EU Auftrieb geben könnte. Europa droht also an seinen Rändern zu zerfasern. Der Grund ist einfach: Die EU wäre nach einem Ausstieg Athens wahrscheinlich in einem so desolaten Zustand und müsste so viel kurzatmige Rettungsaktionen für Griechenland starten, dass die Gemeinschaft auf britische Wähler kaum noch attraktiv wirken dürfte. Möglicherweise würden zudem mehr Griechen das eigene Land auch Richtung Großbritannien verlassen wollen. Die Briten schimpfen aber bereits jetzt über zu viele Migranten aus anderen EU-Ländern - dies ist einer der Kritikpunkte der EU-Gegner auf der Insel.

  • Problem Russland

    Griechenland ist nicht nur ein angeschlagener Euro-Staat, sondern auch ein schwieriger EU-Partner. Mit seiner Linksaußen- Rechtsaußen-Regierung betonte Ministerpräsident Alexis Tsipras politische Nähe zum Kreml und hat sich mehrfach mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen. In der EU gibt man sich zwar gelassen, dass Russland nicht als alternativer Geldgeber gegen die EU ausgespielt werden kann - dafür sind die nötigen Hilfssummen viel zu groß. Auch die Träume des Links-Politikers, dass Griechenland Verteilland für russisches Gas in der EU werden könnte, dürften sich angesichts des Vorgehens der EU-Kommission gegen den russischen Gasriesen Gazprom zerschlagen. Aber Putin hat nach Ansicht von EU-Diplomaten durchaus schon bewiesen, dass er Differenzen zwischen EU-Staaten ausnutzen kann. Bei der Verlängerung von EU-Sanktionen gegen Russland braucht es etwa auch die Zustimmung Griechenlands.

  • Problem Balkan

    In Berlin sorgt man sich zunehmend, dass die gesamte Balkan-Region ohnehin sehr instabil werden kann. Immer noch gärt der Namensstreit zwischen Griechenland mit dem EU-Beitrittsaspiranten Mazedonien - in dem ein heftiger innenpolitischer Machtkampf tobt. Und Geheimdienste warnen, dass die radikalislamische Miliz Islamischer Staat (IS) in den vergangenen Monaten massiv versucht hat, in den moslemischen Bevölkerungen Bosnien-Herzegowinas, Albaniens oder Mazedoniens Fuß zu fassen. Ein zusammenbrechender Nachbarstaat Griechenland würde die Unruhe in der Region noch verstärken.

  • Problem Flüchtlinge

    Kaum diskutiert worden ist die Rolle Griechenlands bei der Abwehr eines unkontrollierten Zuzugs von Flüchtlingen in die EU. In den vergangenen Jahren hat der bessere Schutz der griechisch-türkischen Grenze Flüchtlingen aus dem Nahen Osten die Einwanderung in die EU zumindest zum Teil erschwert. Die linke Syriza-Partei könnte im Falle eines Staatsbankrotts die Schleusen für afrikanische oder syrische Flüchtlinge aufmachen. Entsprechende Drohungen waren aus Athen bereits zu hören. Denn seit Jahresbeginn seien bereits 46.000 Flüchtlinge nach Griechenland gekommen, teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit. 2014 waren es im selben Zeitraum nur 34.000 Personen. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer Flüchtlingskatastrophe in Griechenland.

    EU-Kommissar Günther Oettinger forderte die Brüsseler Behörde auch deshalb auf, einen "Plan B" zu erarbeiten. Dabei soll Hilfe für das Land für den Fall eines Bankrotts vorbereitet werden. Neben humanitärer Hilfe gehe es um die Frage, wie man eigentlich die Sicherheit in dem EU-Land noch gewährleisten will, wenn die Regierung den Polizisten keine Löhne mehr zahlen kann.

 Olympia Faraklou, 46, hat soeben ihre Stimme abgegeben. Die Ingenieurin ist vor wenigen Jahren aus Kypseli weggezogen. Sie ist in ihrem Viertel noch registriert, wohnt aber längst in einem Vorort von Athen - und auch das nicht mehr lange. Faraklou hat Lohneinbußen hinnehmen müssen, dann ihre Arbeit verloren. Aber sie hat das Glück, mit einem Griechen-Amerikaner verheiratet zu sein und wird ihrer Heimat im September den Rücken kehren. New York statt Athen. Bewegung statt Stillstand. Lebensfreude statt Depression. Für Olympia Faraklou ist Griechenland "das schönste Land der Welt", versteht sich, aber auch ein Land, "dem noch ein langer Leidensweg bevorsteht."

 Faraklou hat mit "Ja" gestimmt, aus zwei Gründen: Sie befürwortet die Idee Europa und den Euro und glaubt auch nicht, dass Berlin und Brüssel die größten Fehler in den vergangenen  Verhandlungsmonaten gemacht haben. Vor allem aber traut sie dem griechischen Premier Alexis Tsipras nicht über den Weg, mehr noch: "Ich schäme mich, wie er unser Land repräsentiert." Faraklou bezichtigt Tsipras, den Menschen Falsche Hoffnungen gemacht zu haben: "Er hat allen  alles versprochen - und führt die Menschen an der Nase herum." Es sei nicht mal seine Politik, die sie nicht unterstütze, aber in Teilen durchaus nachvollziehen könne, sondern seine diabolische Art, mit Feindbildern zu spielen, die Menschen mit Halbwahrheiten zu verführen: "Tsipras hat seine Seele dem Teufel verkauft." 

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