Griechenland wird Troika los: Molli in Athen

KommentarGriechenland wird Troika los: Molli in Athen

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Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras bei einer Pressekonferenz in Nikosia.

von Ferdinand Knauß

Die neue griechische Regierung hat begriffen, wie die EU funktioniert. Weil man den Rauswurf nicht fürchten muss, lohnt sich lautes Schreien und die Brüskierung der Geber.

Eltern können viel falsch machen mit Kindern. Das Motiv dahinter ist oft Angst. Im besten Falle Angst, dass die Kinder unglücklich sind, aber bei vielen auch eine ganz egoistische Angst davor, dass die Kinder sich womöglich von den Eltern irgendwann abwenden. Darum geben manche Eltern ihrem Kind immer nach. Sie verwöhnen es umso mehr, je schlechter es sich benimmt.  Und die Kinder lernen schnell: Dass sich die Plärrerei lohnt. Im linksrheinischen Deutschland sagen Außenstehende dann: „Er macht mit euch den Molli“.

Einen Molly kann man derzeit auch in der EU-Familie erkennen. Es gibt da ein Familienmitglied, das gelernt hat, dass es sich so ruppig benehmen kann, wie es will, und dennoch oder gerade deswegen von den anderen bekommt, was es will. Griechenlands frisch gewählter Ministerpräsident Alexis Tsipras reist zwar nach Rom und Paris, aber nicht nach Berlin, da schickt er nur seinen Finanzminister hin.

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Tsipras' antideutscher Affront ist Teil einer gewitzten Taktik. Er testete die Position der Helfer, indem er sie brüskierte. Und er hat daraufhin gehört, was er hören wollte: Dass der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion nicht zur Debatte stehe. Die Vorgänger-Regierung hatte das zwar auch zu hören bekommen. Aber sie hatte sich dafür noch auf die Demütigung einer internationalen Finanzkontrolle – die verhasste Troika – eingelassen.

Nun hat Tsipras durch den Verzicht auf jegliche Rücksichtnahme geschafft, was für seine Wähler und die griechische Volksseele ein Sehnsuchtsziel ist: Die EU-Kommission will die Troika, das Symbol der Fremdbestimmung, auflösen. Aus Berlin kommt Widerspruch. Doch in der Troika ist nicht die Bundesregierung, sondern die Kommission vertreten. Und deren Chef ist nicht Angela Merkel, sondern Juncker.

Für den neuen Ministerpräsidenten ist das ein ungeheurer Erfolg. Er kann sich nun vor seinen Wählern als der Freiheitsheld gegen die ewige Fremdbestimmung inszenieren.

In Griechenland ist der Kampf gegen Fremdbestimmung eine historische Konstante. Die offene osmanische Fremdherrschaft wurde im 19. Jahrhundert abgelöst durch eine verdeckte, finanzielle Fremdherrschaft. Denn der Staat war seit seiner Unabhängigkeit fast durchgängig pleite, hing am Tropf europäischer Großmächte und wurde von deren Zinseintreibern mehr oder weniger offen kontrolliert - meist im Verein mit den wenigen mächtigen Familien, die sich die Machtpositionen des schwachen Staates zur Beute machten. Im 19. und 20. Jahrhundert war Griechenland nie, man muss das so deutlich sagen, ein nach europäischen Maßstäben funktionierender Staat.

Die anhaltende Erfahrung der Fremdbestimmung und de facto Abhängigkeit von den europäischen  Großmächten ist der wunde Punkt der Griechen in der Neuzeit. In der Tradition des Kampfes dagegen, den im Bürgerkrieg 1944-49 die griechischen Kommunisten (mehr oder weniger fremdgesteuert aus Moskau) führten, steht auch Syriza. Die rebellische, aufmüpfige Pose von Tsipras und seinen Mitstreitern kommt auch heute noch bei den Griechen besser an als das, was Mitteleuropa seit Generationen von seinen griechischen Schützlingen vergeblich erwartet: brave Aufbauarbeit eines funktionierenden modernen Staatswesens.

Tsipras hat vermutlich keine Ahnung, wie man die traditionelle Krankheit seines Landes -  der Soziologe Nikos Mouzelis spricht von einer „unwirksamen öffentlichen Verwaltung“ – überwinden  und Griechenland zu einem nicht nur formal und geografisch, sondern auch politisch-kulturell zu Europa gehörenden Land wandeln kann. Die ersten Tage seiner rebellischen Regierung mit der Rücknahme von Sparmaßnahmen, der Wiedereinstellung ineffektiver Beamter und markigen Sprüchen bestätigen die Befürchtung, dass das für ihn auch gar keine große Priorität hat. Priorität genießt der martialisch inszenierte Kampf gegen die angeblichen Fremdbestimmer.

Das ist das Drama der EU: Was von den mitteleuropäischen (vor allem deutschen) Sozial- und Christdemokraten der 70er und 80er Jahre als Wohltat väterlicher Unterstützung geplant war, die Aufnahme in EG und Währungsunion, wird vom Empfänger als vormundschaftliche Gängelung empfunden, sofern damit Bedingungen verbunden sind.

Tsipras hat klarer als seine Vorgänger begriffen, wie die EU funktioniert. Oder genauer gesagt: wie deren Eliten ticken. Für Jean-Claude Juncker, Martin Schulz und die Regierungen der wichtigsten Mitgliedsstaaten, nicht zuletzt Deutschland, steht eine politische Priorität unangreifbar über aller ökonomischen Vernunft und geschichtlichen Einsicht: Die Währungsunion darf kein Mitgliedsland unter keinen Umständen verlieren.

Und damit sind wir wieder bei Molli und den Eltern. Nach 16 Jahren Währungsunion und 35 Jahren EU-Mitgliedschaft wäre es eigentlich an der Zeit, das ungezogene Ziehkind einfach mal vor die Türe zu setzen.

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Doch die bestimmenden Köpfe der EU sind von Angst bestimmt. Von der Angst vor dem Eingeständnis, dass das europäische Erziehungsprojekt an Griechenland gescheitert ist. Da lässt man lieber zu, dass Tsipras den Molli macht. Man gibt dem Schreikind, was es will, und verlegt sich auf das Prinzip Hoffnung.

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