Griechische Banken: Am Rand des Abgrunds

Griechische Banken: Am Rand des Abgrunds

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Die Nationalbank von Griechenland wurde zusammen mit drei anderen Banken auf die Stufe B- herabgestuft.

von Klaus Methfessel

Der Abzug von Kundengeldern und ein wachsender Berg fauler Kredite bringen die vier großen griechischen Banken in Existenznot.

Die führenden internationalen Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch haben die Bonität der vier großen griechischen Banken, die zusammen rund 95 Prozent des griechischen Marktes kontrollieren, auf B– herabgestuft. Die griechischen Geldhäuser rangieren jetzt nur noch eine Stufe über „Default“, was gemeinhin heißt, sie sind praktisch pleite. Ein Default-Ranking hätte für die Banken dramatische Folgen: Sie würden gänzlich vom Interbankenmarkt abgeschnitten, kein anderes Geldhaus würde ihnen mehr Kredit gewähren. Ein Banken-Run würde einsetzen, ihre Liquidität austrocknen, sie müssten ihre Pforten schließen. Wie zur Warnung verringern die ausländischen Banken jetzt schon ihr Engagement bei den Griechen.

Dass sie die griechischen Banken bisher noch etwas besser als „insolvent“ bewertet, begründet Standard & Poor’s mit deren „Potenzial an außergewöhnlichem Kapital- und Liquiditätsbeistand durch die EU“. Für Fitch ist klar: „Die Note B– besagt, dass ein substanzielles Ausfallrisiko besteht und nur eine begrenzte Sicherheit gegeben ist, solange diese Banken Zugang zur Zentralbank-Finanzierung haben.“

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Was droht Griechenland und seinen Banken?

  • Warum akzeptiert die EZB keine Hellas-Anleihen mehr?

    Die EZB verleiht Geld nur an Geschäftsbanken, die als Sicherheiten Wertpapiere hinterlegen, denen Ratingagenturen gute Noten geben. Das ist bei Griechenland-Anleihen nicht der Fall. Bislang machten die Währungshüter eine Ausnahme, weil Athen ein EU-Sanierungsprogramm mit harten Reformauflagen durchlief. Diese Grundlage ist nun weggefallen: Die Regierung des linksgerichteten Ministerpräsidenten Alexis Tsipras lehnt das EU-Rettungsprogramm ab. Die EZB begründete ihre Entscheidung damit, dass man im Moment nicht davon ausgehen könne, dass Hellas sein Reformprogramm erfolgreich abschließen wird.

  • Um wie viel Geld geht es?

    Ende Dezember 2014 hatten sich die griechischen Banken rund 56 Milliarden Euro bei der EZB beschafft. Davon entfielen nach Angaben der Commerzbank 47 Milliarden Euro auf kurzfristige Geschäfte, die inzwischen ausgelaufen sein dürften - und die nur wiederholt werden können, wenn die Institute andere Sicherheiten haben als griechische Staatsanleihen. Die übrigen neun Milliarden Euro steckten in Langfristgeschäften. „Das Geld muss zurückbezahlt werden, wenn es in diesem Umfang keine anderen Sicherheiten gibt“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

  • Geht griechischen Banken nun sofort das Geld aus?

    Nein. Die Institute können vorerst bei der griechischen Zentralbank ELA-Notkredite nachfragen. Der EZB-Rat hat dafür ein Volumen von bis zu rund 60 Milliarden Euro bewilligt. Damit könnte das Refinanzierungsvolumen griechischer Banken bei der EZB vollständig in eine ELA-Finanzierung überführt werden, schreiben Ökonomen der BayernLB: „Es wäre aber nur wenig Raum vorhanden, um einen weiteren Abfluss von Einlagen zu kompensieren.“ Ein weiterer Haken für die Banken: EZB-Kredite kosten aktuell 0,05 Prozent, ELA-Notkredite 1,55 Prozent. Der Vorteil für die EZB und Europas Steuerzahler: Sie müssen nicht geradestehen, wenn die Kredite ausfallen. Das Risiko liegt bei der Zentralbank in Athen und damit beim Steuerzahler Griechenlands.

  • Können sich die Banken auf die Notkredite verlassen?

    Nein. Der EZB-Rat kann diesen Geldhahn mit Zwei-Drittel-Mehrheit zudrehen. ELA darf nur an Institute vergeben werden, die zwar vorübergehende Liquiditätsengpässe haben, aber solvent sind. Das wird ohne ein Hilfsprogramm oder zumindest die begründete Erwartung, dass ein neues Programm schnell in Kraft tritt, unwahrscheinlicher. Die Experten der BayernLB sind daher überzeugt: „Sollte sich Griechenland mit seinen Gläubigern bis Ende Februar nicht zumindest auf eine Brückenfinanzierung einigen, ist damit zu rechnen, dass die EZB griechische Banken von der ELA-Finanzierung ausschließt.“

  • Was droht, wenn die EZB auch Notkredite verbietet?

    Dann dürfte den Banken sehr schnell das Geld ausgehen. „Wenn die EZB ELA abklemmt, haben die Institute keinen Zugriff mehr aus EZB-Liquidität. Das wäre der Rausschmiss, Griechenland würde die Währungsunion faktisch verlassen“, sagt Commerzbank-Experte Krämer. Daher sei die Entscheidung auch eine politische. Experten der UBS sehen das ähnlich: „In dem Moment, in dem die EZB das ELA-Fenster schließt, müssen die Verhandlungspartner entweder sofort Kompromisse finden, oder Griechenlands Banken kommen nicht mehr an Geld.“ Um einen Bankenkollaps zu verhindern, müsse Athen dann umgehend eine eigene Währung einführen: „Das wäre das Ende Griechenlands im Euroraum und könnte eine gefährliche Kettenreaktion in Gang setzen.“

  • Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

    Denkbar wäre, die Laufzeit der Hilfskredite zu verlängern oder den Schuldendienst vorrübergehend auszusetzen. Krämer erwartet, dass am Ende auch die Bundesregierung einem „faulen Kompromiss“ zustimmen würde: „Denn bei einem Austritt Griechenlands schlitterte das Land ins Chaos und die Bundesregierung müsste ihren Wählern erklären, dass die direkt und indirekt auf Deutschland entfallenen Hilfskredite an Griechenland in Höhe von 61 Milliarden Euro verloren wären.“

Dass sie überhaupt noch existieren, verdanken die griechischen Banken der Rettung durch die Euro-Partner. Seit 2012 wurden sie mit 25 Milliarden Euro aus dem Europäischen Finanzhilfeprogramm EFSF sowie 11,4 Milliarden Euro privaten Geldern rekapitalisiert und auf vier systemisch wichtige Banken konzentriert: die Nationalbank von Griechenland (NBG), die Piräus-, die Alpha- sowie die Eurobank. An allen vier hält der griechische Bankenrettungsfonds HFSF beachtliche Anteile – zwischen 35,4 Prozent bei der Eurobank und 66,9 Prozent bei der Alphabank.

Aktuell hilft ihnen das nicht viel. Die durch den Wahlsieg von Syriza verunsicherten Griechen räumen ihre Konten, um ihre Euro zu Hause oder im Ausland in Sicherheit zu bringen. Moody’s schätzt, dass die Banken in den zwei Monaten bis Anfang Februar bereits 15 Milliarden Euro Einlagen eingebüßt haben. Andere Beobachter taxieren den Verlust auf 20 Milliarden Euro. Das wären mehr als zehn Prozent ihrer gesamten Einlagen, mehr als auf dem Höhepunkt der vorangegangenen Finanzkrise 2012.

Kennzahlen der vier griechischen Großbanken

  • NBG

    Anteil notleidender Kredite:

    29,7 Prozent des gesamten Kreditvolumens, Ende 2013

    Rückstellungen:

    39,2 (in Relation zu den notleidenden Krediten, Ende 2013)

    Nicht durch Rückstellungen gedeckte notleidende Kredite:

    13,8 Milliarden Euro

    Eigenkapital:

    9,5 Milliarden Euro (hartes Eigenkapital CET1, Ende März 2014)

    Bereinigtes Eigenkapital:

    4,7 (um Steuerforderungen, Ende März 2014)

    Quelle: Fitch

  • Piräusbank

    Anteil notleidender Kredite:

    41,4 Prozent des gesamten Kreditvolumens, Ende 2013

    Rückstellungen:

    43,7 (in Relation zu den notleidenden Krediten, Ende 2013)

    Nicht durch Rückstellungen gedeckte notleidende Kredite:

    17,7 Milliarden Euro

    Eigenkapital:

    8,9 Milliarden Euro (hartes Eigenkapital CET1, Ende März 2014)

    Bereinigtes Eigenkapital:

    5,8 (um Steuerforderungen, Ende März 2014)

    Quelle: Fitch

  • Alphabank

    Anteil notleidender Kredite:

    45,6 Prozent des gesamten Kreditvolumens, Ende 2013

    Rückstellungen:

    38,8 (in Relation zu den notleidenden Krediten, Ende 2013)

    Nicht durch Rückstellungen gedeckte notleidende Kredite:

    17,5 Milliarden Euro

    Eigenkapital:

    8,8 Milliarden Euro (hartes Eigenkapital CET1, Ende März 2014)

    Bereinigtes Eigenkapital:

    5,4 (um Steuerforderungen, Ende März 2014)

    Quelle: Fitch

  • Eurobank

    Anteil notleidender Kredite:

    31,77 Prozent des gesamten Kreditvolumens, Ende 2013

    Rückstellungen:

    46,5 (in Relation zu den notleidenden Krediten, Ende 2013)

    Nicht durch Rückstellungen gedeckte notleidende Kredite:

    9,1 Milliarden Euro

    Eigenkapital:

    6,5 Milliarden Euro (hartes Eigenkapital CET1, Ende März 2014)

    Bereinigtes Eigenkapital:

    2,6 (um Steuerforderungen, Ende März 2014)

    Quelle: Fitch

Die vier großen Banken stehen aber nicht erst unter Druck, seit verängstigte Bürger ihre Konten plündern. Gravierender ist der Berg fauler Kredite, der mit der lang anhaltenden Rezession beständig wuchs. Ende 2013 summierten sich die problematischen Kredite, bei denen die Schuldner mit Zins und Tilgung im Verzug sind, auf rund 100 Milliarden Euro, mehr als ein Drittel ihres gesamten Kreditvolumens. Spitzenreiter war hier Ende 2013 die Alphabank. Fitch zufolge waren 45,6 Prozent ihrer Kredite faul. Und bislang wird es nicht besser, wie die Quartalsberichte einzelner Banken zeigen. So stieg der Anteil fauler Kredite im Portfolio der NBG in den neun Monaten bis September 2014 um knapp drei Prozentpunkte. Hätte sie nicht eine profitable Tochter mit erheblich geringerem Ausfallrisiko in der Türkei, stünde sie noch schlechter da.

Die notleidenden Kredite drohen die Banken in den Abgrund zu reißen. Denn gegen den Ausfall von Krediten haben sie zu wenig Vorsorge getroffen. Bei der Alphabank liegt der Anteil der durch Rückstellungen gedeckten notleidenden Kredite bei weniger als 40 Prozent. Am besten schneidet noch die Eurobank mit 46,5 Prozent ab. Doch auch das ist laut Fitch noch zu wenig, da die Immobilienpreise weiter auf Talfahrt sind und wegen der schwachen Wirtschaftslage noch viele Kredite notleidend zu werden drohen. Natürlich ist ein hundertprozentiger Ausfall unwahrscheinlich. Aber solvente Banken sichern ihre problembehafteten Kredite zu etwa 70 bis 80 Prozent durch Rückstellungen ab.

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