Großbritannien: Europafeind Farage treibt Cameron vor sich her

Großbritannien: Europafeind Farage treibt Cameron vor sich her

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Nigel Farage

von Yvonne Esterházy

Nigel Farage, Chef der UKIP-Partei, macht dem britischen Premier David Cameron das Leben schwer. Der Politclown wird zur Gefahr für das politische Establishment in Großbritannien.

Eine Einladung des Medientycoons Rupert Murdoch hat zwar nicht mehr ganz so viel Prestige wie früher. Aber dennoch dürfte Nigel Farage, Chef der europafeindlichen Splitterpartei UK Independence Party (UKIP), das Abendessen in dessen Londoner Privatwohnung als politischen Ritterschlag gewertet haben. „War ein paar Tage in Italien und in England... Wirtschaft stagniert. Neue politische Führer tauchen am Horizont auf“, twitterte der einflussreiche Verleger nach seinem Treffen mit dem umtriebigen Politiker. Wenige Tage zuvor hatte dessen UKIP bei einer Nachwahl im britischen Küstenstädtchen Eastleigh mit 28 Prozent der Stimmen überraschend den zweiten Platz errungen und die Konservative Partei von Premierminister David Cameron auf einen beschämenden dritten Rang verwiesen.

Bis zu den Europawahlen im Mai 2014 will der Chef der UKIP die Konservativen überholen. Bisher ist es seiner Partei zwar noch nicht gelungen, einen einzigen Abgeordneten ins britische Unterhaus zu schicken, denn die Hürde dafür ist angesichts des britischen Mehrheitswahlrechts besonders hoch. Doch im Europäischen Parlament ist die Partei seit der Wahl von 2009 mit 13 Abgeordneten vertreten. Seitdem legt sie in den Meinungsumfragen kräftig zu und hat ihren Anteil auf zwölf Prozent gesteigert. Vor allem in den Reihen der Konservativen wächst ihre Popularität. Bei den nächsten Wahlen 2015 in Großbritannien könnten den Tories in hart umkämpften Wahlkreisen entscheidende Stimmen fehlen.

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Premier Cameron gerät derweil wegen wachsender Zweifel an seiner Wirtschaftspolitik ohnehin unter Druck. Großbritannien droht der Rückfall in die Rezession, es hat sein Triple-A-Rating verloren, trotz Sparpolitik wächst die Neuverschuldung, und 2015 wird das Haushaltsdefizit wohl 6,5 statt der angepeilten 2,0 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) betragen. Die Bevölkerung ächzt unter den Einschnitten bei den Sozialausgaben, die Inflation frisst die Kaufkraft auf, die Industrie fordert Wachstumsimpulse. Schon machen Gerüchte über einen innerparteilichen Putsch gegen Cameron die Runde.

Wählerverhalten Rote Karte

Parteien haben in ganz Europa an Vertrauen verloren.

Beppe Grillo Quelle: AP/dpa

Nigel Farage bereitet das alles geradezu diebische Freude. Er gilt als Schreck der etablierten Parteien, die bei den Themen Europa und Einwanderung nicht an ihm vorbeikommen. „Wir werden die Erschütterungen von Eastleigh in ein nationales Erdbeben verwandeln“, versprach der 49-Jährige. Einst hatte Cameron die konkurrierende UKIP als Partei der „Spinner und heimlichen Rassisten“ abgetan, doch heute tanzt er zum Teil nach ihrer Pfeife. Nachdem Cameron im Januar für 2017 ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU in Aussicht stellte, gab Farage insgesamt 16 Stunden lang Interviews. Erstmals war ein EU-Austritt Großbritannien zu einer realen Option geworden – und das fordert Farage schon lange.

In einer teuren Privatschule erzogen, ging der Engländer gleich nach dem Abitur in die Londoner City und wurde Rohstoffhändler. Seine Anzüge mit den breiten Nadelstreifen zeugen noch heute davon. Farage raucht und trinkt – all das gehört zu seinem Anti-Establishment-Image. Erschüttern kann ihn wenig: Er hat einen schweren Autounfall, Hodenkrebs und einen Flugzeugabsturz überlebt.

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Der Rebell war ursprünglich selbst ein Tory, der Vertrag von Maastricht aber widerte ihn 1992 so sehr an, dass er die United Kingdom Independence Party gründete. Seit 1999 sitzt er im Europaparlament, wo er provoziert und Obstruktionspolitik betreibt. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy habe das „Charisma eines Putzlappens“, lautet einer seiner Lieblingssprüche. UKIP ist aber nicht nur gegen Europa, sondern auch gegen Windräder und gegen die Homo-Ehe; Farage setzt sich außerdem für niedrigere Steuern und höhere Ausgaben für Militär, Polizei und Gefängnisse ein. Und natürlich will er europäische Einwanderer aus Großbritannien fernhalten.

In seinem Privatleben gelten andere Maßstäbe. Er ist seit mehr als zehn Jahren in zweiter Ehe mit der Deutschen Kirsten Mehr verheiratet, einer ehemaligen Anleihehändlerin. 2006 traf er dann bei einem feuchtfröhlichen Abend im Pub eine „verführerische Schönheit“ aus Lettland, wie er in seinen Memoiren schreibt. Die berichtete Murdochs Revolverblatt „News of the World“ später haarklein von ihren Eskapaden mit Farage und mokierte sich, er habe geschnarcht „wie ein Pferd“. Im prüden Großbritannien gilt solcherlei normalerweise als Karrierekiller für einen Politiker – doch Farage hat auch das überlebt.

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