Großbritannien: Klammheimlich aus der Klemme

Großbritannien: Klammheimlich aus der Klemme

Bild vergrößern

Ihm sitzt das Geld locker: Mervyn Allister King, Präsident der "Bank of England".

von Yvonne Esterházy

Das Königreich exerziert vor, wie hohe Inflation die Schulden dezimiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Großbritannien es bereits einmal geschafft: Mithilfe negativer Realzinsen hat das Land die Staatsschulden, die 1946 bei 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) lagen, in den folgenden zehn Jahren drastisch gesenkt. Auch jetzt sind die Realzinsen wieder negativ: Die Rendite zehnjähriger Gilts, wie britische Staatsanleihen heißen, liegt bei rund zwei Prozent und damit weit unterhalb der Inflationsrate, die im November 4,8 Prozent betrug. Was heißt: Wer sein Geld dem Staat leiht, macht Verlust. Der Staat gewinnt.

Früher wurden die britischen Zinsen vom Finanzminister festgelegt, und Kapitalkontrollen konnten den Abfluss des Geldes ins Ausland stoppen. So einfach hat es der derzeitige britische Finanzminister George Osborne nicht. Dennoch sind britische Banken, Versicherungen und Pensions- und Investmentfonds gezwungen, die Staatspapiere trotz niedriger Zinsen zu kaufen: Pensionskassen müssen aufgrund ihrer Statuten einen Teil ihrer Anlagen in Gilts halten, hinzu kommen regulatorische Vorschriften wie Basel II und III. Und noch gilt Großbritannien als sicherer Hafen außerhalb der Euro-Zone.

Anzeige

Schuldenbekämpfung an erster Stelle

Oberstes Ziel der Regierung ist der Abbau von Haushaltsdefizit und Schuldenstand. Letzterer liegt laut Statistischem Bundesamt ONS als Folge der Finanzkrise, der Misswirtschaft früherer Regierungen und der Maßnahmen zur Bankenrettung bei 149,4 Prozent des BIPs. Osborne hat deshalb einen harten Sparkurs eingeschlagen, aber dieser lässt Wachstum und Steueraufkommen schrumpfen. Durch Sparen oder Wachstum lässt sich der Staat also nicht wirksam entschulden.

Klammheimlich ist deswegen unter Federführung des Chefs der Bank of England (BoE), Mervyn King bereits ein weiteres Programm zum Schuldenabbau angelaufen. Denn King flankiert die restriktive Fiskalpolitik mit einer extrem expansiven Geldpolitik und hält die Zinsen niedrig – der Leitzins liegt seit Anfang März 2009 auf einem historischen Tief von 0,5 Prozent. Dabei verlangt die britische Inflationsrate eine deutlich restriktivere Geldpolitik; die Teuerung liegt schon seit mehr als zwei Jahren deutlich über der von der BoE erlaubten Höchstmarke von zwei Prozent. King führt dies zwar auf Sondereffekte wie die Mehrwertsteuererhöhung und hohe Energiepreise zurück. Doch Tatsache ist, dass die Inflationsbekämpfung für die BoE keinen hohen Stellenwert einnimmt. Im Grunde geht es ihr mehr darum, die schwächelnde britische Konjunktur zu stützen.

Das erklärt, weshalb die BoE von März 2009 bis zum Frühjahr 2010 zunächst 200 Milliarden Pfund an zusätzlicher Liquidität über den Ankauf von Anleihen in die Wirtschaft pumpte und im Herbst 2011 eine zweite Welle der „quantitativen Lockerung“ im Umfang von weiteren 75 Milliarden Pfund aufgelegt hat. Das Programm dürfte nach Ansicht von Experten im ersten Halbjahr 2012 noch um 100 Milliarden Pfund aufgestockt werden. Auch die massiven Aufkäufe der BoE haben den Effekt, die Zinsen im Königreich auf ihrem niedrigen Niveau unterhalb der Inflationsrate zu halten – dem Finanzminister ist das nur recht.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%