Gustav Horn: "Griechenland hat Fehler gemacht, Berlin aber auch"

InterviewGustav Horn: "Griechenland hat Fehler gemacht, Berlin aber auch"

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Der Direktor des Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Gustav Horn, hält nichts von Schuldzuweisungen in der Euro-Krise.

von Tim Rahmann

Ökonom Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung hält nichts von Schuldzuweisungen in der Euro-Krise. Schließlich habe auch Deutschland gravierende Fehler begangen.

WirtschaftsWoche: Herr Horn, wer hat mehr Schuld am Ausbruch der Euro-Krise: Deutschland oder Griechenland?

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Gustav Horn: Ich finde die Schuldfrage unangebracht. Wir müssen nicht gegeneinander, sondern miteinander agieren, um die Währungsunion zu einem Erfolg zu machen. Wir sind voneinander abhängig. Regierungschefs, die zu Gipfeltreffen nach Brüssel reisen, um möglichst viel für ihr Land rauszuholen, schaden dem Projekt. Davon abgesehen hat sich gezeigt: Mit dem Finger auf Griechenland zu zeigen, wie es deutsche Medien und Politiker oft getan haben, trifft bestenfalls die halbe Wahrheit.

Zur Person

  • Gustav Horn

    Prof. Dr. Gustav A. Horn, 59, studierte Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Makroökonomie, Ökonometrie und Wirtschaftspolitik, in Bonn. Seit 2005 ist er wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.

Griechenland hat die Maastricht-Kriterien dramatisch verfehlt und versprochene Reformen immer wieder hinausgezögert.

Die Ursache der Euro-Krise sind die unterschiedlichen Inflationsraten der Mitgliedsstaaten der Währungsunion. Jedes Land muss das Inflationsziel von knapp zwei Prozent einhalten. Sonst gibt es Probleme im Handel der Länder und die Außenhandelsbilanzen werden zu heterogen. Genau das ist passiert. Wir hatten unterschiedliche Inflationsraten über einen langen Zeitraum in den einzelnen Ländern. Also nicht über ein oder zwei Jahre, sondern zum Teil seit Beginn der Euro-Einführung. Griechenland hat das Inflationsziel über Jahre missachtet und Defizite aufgebaut. So ist der Schuldenberg immer weiter gewachsen. Allerdings hat auch Deutschland die Vorgaben nicht eingehalten und das Inflationsziel nach unten hin gerissen. So wurden die Probleme in Europa verschärft.

So verschuldet sind die Euro-Länder

  • Platz 1

    Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 160,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) lag die Schuldenquote des Mittelmeerlandes im ersten Quartal 2013, wie die Statistikbehörde Destatis mitteilt. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, hat sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf neun Prozent des BIP verringert.

  • Platz 2

    Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 130,3 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Destatis in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen.

  • Platz 3

    Genau wie Griechenland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 127,2 Prozent der BIP.

  • Platz 4

    Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 125,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,2 Prozent senken. Grund dafür ist unter anderem eine andere Buchung von UMTS-Mobilfunklizenzverkäufen. Irland will Ende des Jahres aus seinem Hilfsprogramm aussteigen.

  • Platz 5

    Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 104,5 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr einhalten.

  • Platz 6

    Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 91,9 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor.

  • Platz 7

    Das vorletzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 88,2 Prozent liegt sie unter der von Deutschland.

  • Platz 8

    Auch Zypern ist unter den Rettungsschirm geschlüpft - als bislang letztes Euro-Land. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 86,9 Prozent des BIP.

  • Platz 9

    Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht.

  • Platz 10

    Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 75,4 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn.

  • Platz 11

    Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

  • Platz 12

    Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 72 Prozent vom BIP.

  • Platz 13

    Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 54,9 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

  • Platz 14

    Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 54,8 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

  • Platz 15

    Sloweniens Verschuldungsquote liegt im ersten Quartal 2013 bei 54,5 Prozent des BIP erfüllt damit die Maastricht-Kriterien. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

  • Platz 16

    Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 22,4 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

  • Platz 17

    Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Was hätte Deutschland Ihrer Meinung nach tun sollen?

Die Lohnentwicklung in Deutschland war zu schwach. Die Beschäftigten hätten mehr Geld bekommen sollen. Dadurch wären ihre Einkommen gestiegen und infolgedessen auch die Nachfrage und die Preise in Deutschland. Eine Lohnsteigerung von drei bis 3,5 Prozent wäre sinnvoll gewesen. Wir waren ungefähr bei der Hälfte.

Höhere Löhne hätten doch den zarten Aufschwung in Deutschland abgewürgt und für höhere Arbeitslosigkeit gesorgt. Damit wäre keinem geholfen gewesen.

Ich muss Ihnen widersprechen. Wir haben Simulationen angestellt. Das Ergebnis: Wir hätten beim Export Einbußen gehabt, ja. Aber gleichzeitig wäre die Binnennachfrage angekurbelt worden. Die Auswirkungen hier hätten überwogen, so dass unter dem Strich sogar neue Jobs entstanden wären.

Ein Gegenbeispiel ist Griechenland. Das Land hat sich nach der Euro-Einführung einen kräftigen Schluck aus der Lohnpulle genehmigt und damit an Wettbewerbsfähigkeit verloren?

Das stimmt. Lohnerhöhungen müssen mit Bedacht erfolgen. Griechenland war da zu optimistisch. Doch noch einmal: Es gibt keinen Alleinschuldigen. Die Südeuropäer haben Fehler gemacht. Gleiches gilt aber auch für die Geberländer wie Deutschland, die Troika und die EZB. Sie haben den Krisenländern Sparmaßnahmen aufgedrückt, die die Länder in die Knie gezwungen haben. Griechenlands Wirtschaftsleistung ist um ein Viertel niedriger als vor der Krise. So entsteht Arbeitslosigkeit.

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