Historiker über Jeremy Corbyn: "Der radikalste Labour-Chef seit Menschengedenken"

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InterviewHistoriker über Jeremy Corbyn: "Der radikalste Labour-Chef seit Menschengedenken"

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Der britische Oppositionsführer Jeremy Corbyn mit jungen Unterstützern in Kingston upon Hall.

von Ferdinand Knauß

Jeremy Corbyn hat kräftig aufgeholt. Historiker Geppert erklärt, warum der Linke vor allem bei jungen Briten so beliebt ist und wieso eine Wende in der Wirtschaftspolitik bevorsteht.

WirtschaftsWoche Online: Die britischen Unterhauswahlen dürften den letzten Umfragen zufolge knapp ausgehen – nicht mit einer eindeutigen Niederlage der Labour-Partei, wie zunächst erwartet worden war. Ist das das Verdienst von Labour-Chef Jeremy Corbyn?
Dominik Geppert: Die Wahrscheinlichkeit, dass Corbyn Premierminister wird, ist weiterhin eher gering. Doch es ist nicht mehr so unmöglich, wie es noch vor einigen Wochen schien. Zunächst aber ist die Tatsache, dass Jeremy Corbyn Chef der Labour-Party ist, überhaupt der Grund dafür, dass diese Wahlen stattfinden. Premierministerin Theresa May hat die Neuwahlen angesetzt, weil sie glaubte, eine satte Mehrheit einfahren zu können. Dieses Kalkül war ruchlos und opportunistisch, aber rational. Das Kalkül der Konservativen war: Corbyn ist unwählbar und außerdem wird es um die Brexit-Verhandlungen gehen. Hierzu wollte sich May als starke Führerin bestätigen lassen. Nicht nur die regierenden Tories, auch ein großer Teil der eigenen Leute glauben, dass Corbyn die Labour-Partei unwählbar gemacht habe. Man darf nicht vergessen, dass Corbyn zwar von seiner Parteibasis zum Vorsitzenden gewählt wurde, aber die große Mehrheit seiner eigenen Fraktionskollegen im Unterhaus ihn für das Amt des Premierministers für ungeeignet halten.

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In einer Vertrauensabstimmung am 28. Juni vergangenen Jahres stimmten 172 der Labour-Unterhausabgeordneten gegen Corbyn und nur 40 für ihn. Was genau haben die Parteifreunde auszusetzen?
Seine Abgeordnetenkollegen werfen ihm vor, dass seine halbherzige Haltung vor dem Brexit-Referendum fatal war und er unprofessionell ist, weil er die gemäßigte Mitte, wo Wahlen gewonnen werden, zugunsten einer radikalen linken Politik verlassen hat. Getragen wird Corbyn von der Basis der in jüngster Zeit enorm gewachsenen Partei, von rebellischen jungen Leuten. Die sind per Mausklick mit geringstem finanziellem Aufwand der Partei beigetreten. Diese neue junge Basis hält ihn im Amt.

Was sind das für Leute?
Mit der Arbeiterjugend früherer Zeiten haben sie jedenfalls nicht viel zu tun.

Zur Person

  • Dominik Geppert

    Dominik Geppert ist Professor für Geschichte an der Universität Bonn und derzeit als Gerda-Henkel-Gastprofessor an der London School of Economics.

Also eher eine akademische Linke?
Ja, das ist eine studentische Linke. Junge Leute, die man in Deutschland mancherorts aus dem AStA kennt. Die haben nun nach den wenig durchdachten Änderungen des innerparteilichen Wahlrechts das letzte Wort über den Parteichef. Wie wichtig die Arbeiterklasse noch ist und inwiefern man überhaupt noch für sie Politik machen kann und soll, ist umstritten. Die Arbeiter sind zum Teil zu UKIP abgewandert. Theresa May versucht nun, sie auch für die Konservativen zu gewinnen.

Warum ist Corbyn bei diesen jungen Menschen so beliebt? 
Er lebt als Politiker davon, dass er das sagt und tut, was er glaubt. Er hat einen Authentizitätsbonus. Wenn er an eine Sache nicht glaubt, dann hält er eben den Mund. Das war der Grund für seine Haltung vor dem Brexit-Referendum. Ich vermute, dass Corbyn im tiefsten Herzen die EU eigentlich ablehnt, weil er sie für einen kapitalistischen Plot hält.

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