Hoffnung auf bessere Zeiten: Spanien ruft zur Aufholjagd

Hoffnung auf bessere Zeiten: Spanien ruft zur Aufholjagd

von Julia Gurol

Das krisengeplagte Euro-Land startet hoffnungsfroh ins neue Jahr. Raus aus der Bankenaufsicht, steht die viertgrößte Volkswirtschaft der EU wieder auf eigenen Beinen – wenn auch auf wackeligen.

Wer in den ersten Januarwochen über die Einkaufsstraßen von Madrid bummelt, merkt schnell: Hochstimmung herrscht noch keine - aber Erleichterung. Erleichterung über ein gutes Jahr 2014, in dem die spanische Volkswirtschaft die Rezession endgültig hinter sich gelassen hat. Ein Jahr, in dem viel passiert ist. Spaniens Regierung hat die Ausgaben gekürzt, zahlreiche Staatsbedienstete entlassen und trotz Widerstands der Gewerkschaften den Arbeitsmarkt reformiert.

Doch statt Pessimismus und Unsicherheit macht sich langsam wieder Optimismus breit. Zurecht: 2014 hat Spanien das höchste Wachstumstempo aller Länder im Westen des europäischen Kontinents hingelegt. Bereits im Januar durfte das Mittelmeerland den Rettungsschirm verlassen.

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Der Wirtschaftswissenschaftler Juan Tugores warnt allerdings vor verfrühtem Optimismus: „Von einem Wirtschaftsaufschwung zu sprechen, ist noch zu früh. Wir befinden uns noch im Anfangsstadium einer wirtschaftlichen Erholung und bevor nicht klar ist, ob es weiterhin bergauf geht, sollten wir eher vorsichtig optimistisch sein.“

Denn die Staatsverschuldung liege mit 100,2 Prozent vom BIP immer noch 40 Prozent über der erlaubten Maastricht-Grenze. Es gehe aufwärts, aber langsam; schleichend und mit Rückschritten.

Auch der Spanien-Experte Thomas Stehling der Konrad-Adenauer-Stiftung in Madrid betont: „Wenn wir uns mal nur die reinen Wirtschaftsfakten anschauen, sehen wir, dass es beim BIP von 2011 bis 2014 Verbesserungen gab, aber nicht so signifikant, dass wir von einem Aufschwung sprechen könnten.“

Wo sich die Schuldensünder der Euro-Zone verbessert haben

  • Staatshaushalt konsolidiert

    Haushaltsdefizit (Anteil am Bruttoinlandsprodukt ohne Bankenhilfe)

    Griechenland

    2009: -15,7 % 2013: -2,1 %

    Portugal

    2009: -10,2 % 2013: -4,5 %

    Spanien

    2009: -11,1% 2013: -6,6 %

    Irland

    2009: -12,4 % 2013: -6,7 %

    Eurozone

    2009: -6,4 % 2013: -3,0 %

  • Leistungsbilanzdefizit nahezu verschwunden

    Leistungsbilanzdefizit*

    Die Exporte von Portugal (+37 %) und Spanien (+35%) haben zwischen 2009 und 2013 schneller zugelegt als in Deutschland (+33%)

    Griechenland

    2009: -14,4 % 2013: -2,3 %

    Portugal

    2009: -10,8 % 2013: +0,4 %

    Spanien

    2009: -4,8 % 2013: +1,1 %

    Irland

    2009: -2,3 % 2013: +7,0 %

    Eurozone

    2009: +0,2 % 2013: +2,7 %

    (*im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt)

  • Wirtschaftswachstum kehrt langsam zurück

    Die Schuldenkrise bescherte Griechenland, Spanien, Portugal und Irland eine tiefe Rezession. In Spanien sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,5 Prozent, in Portugal um 8,5 Prozent und in Griechenland sogar um 20 Prozent. Für 2014 erwarten Analysten nach fünf Jahren endlich überall wieder Wachstum - wenn auch nur in vergleichsweise kleinem Umfang. Allerdings ist dabei auch der Abstand zwischen Peripherie und den Kernländern.

  • Wirtschaftsvertrauen

    Wirtschaftsvertrauen der EU-Kommission.

    Den Tiefpunkt erreichte die Stimmung 2009. Bei der Erhebung im April 2015 war der Wert nur noch in Griechenland leicht unterdurchschnittlich.

    Griechenland

    2009: 74,8* April 2014: 95,4

    Portugal

    2009: 75,4 April 2014: 100,6

    Spanien

    2009: 73,8 April 2014: 101,5

    Eurozone

    2009: 70,1 April 2014: 102,0

    (100 Punkte = langfristiger Durchschnitt; keine Werte für Irland)

  • Lohnstückkost nivelliert

    In den ersten Jahren nach der Euro-Einführung haben die Peripherieländer ihre Lohnstückkosten deutlich gesteigert. Seit 2010 gab es einen deutlichen Richtungswechsel. Nach den Berechnungen des Anleihenmanagers Bantleon ist der zuvor aufgebaute Wettbewerbsnachteil durch hohe Lohnstückkosten inzwischen verschwunden

    Entwicklung der Lohnstückkosten seit Anfang 2009:

    Griechenland -15,0 %

    Portugal -6,6 %

    Spanien -7,6 %

    Irland -13,0 %

    Eurozone +3,0 %

  • Strukturreformen zeigen Wirkung

    Auch wenn es in der Öffentlichkeit oft so ankommt, als würden würden die Krisenländer in der Euro-Peripherie sich mit der Umsteuerung schwertun, so wurden doch weitreichende Reformen am Arbeitsmarkt, in den Renten- und Steuersystemen sowie Verwaltungen vorgenommen. Das etwa der Arbeitsmarkt flexibler geworden ist, belegt der Employment Protection Index der OECD. Je niedriger sein Wert, um geringer die Regulierung am Arbeitsmarkt durch Kündigungsschutz, Abfindungszahlungen, Probezeiten, etc.) Bis auf Irland habe sich alle Krisenländer verbessert.

    Griechenland

    2008: 2,9 2013: 2,4

    Portugal

    2008: 3,5 2013: 2,7

    Spanien

    2008: 2,7 2013: 2,3

    Irland

    2008: 2,0 2013: 2,1

    Eurozone

    2008: 2,4 2013: 2,3

2014 wuchs die spanische Wirtschaft um 1,1 Prozent, für 2015 sagen Experten von Germany Trade & Invest und der Außenhandelskammer den Iberern ein Wirtschaftswachstum zwischen 1,7 und 2,0 Prozent voraus. Und auch Anleger haben neues Vertrauen gefunden.

Ende November fielen die Zinsen für spanische Staatsanleihen auf 1,96 Prozent und damit auf einen historischen Tiefstand. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Juli 2012 waren für Zehn-Jahres-Anleihen noch Zinsen in Höhe von 7,75 Prozent gezahlt worden. Derzeit liegt Spaniens Risikoprämie auf den internationalen Kapitalmärkten bei rund 1,4 Prozent.

Spanien als Wachstumslokomotive?

Für einige geben diese Zahlen Anlass zu kühnen Träumen. „Spanien könnte das nächste Deutschland werden“, titelte die „Welt“ im vergangenen August und zitierte damit Joachim Fels, Chefvolkswirt bei Morgan Stanley. Alvaro Tamargo, Student der Politikwissenschaften, unterstreicht: „Spanien war lange genug der kranke Mann der Eurozone.“

Thomas Stehling dagegen hält nichts davon, Spanien als neue Wachstumslokomotive in Europa zu bezeichnen. „Wir neigen leider immer zu Extrembetrachtungen“, erklärt er. „Sowohl in guten wie in schlechten Zeiten. Die Folge sind dann überzeichnete Prognosen.“

Stand heute gilt: Die Sparmaßnahmen und Reformen – die um einiges umfassender waren als ähnliche Reformen beispielsweise in Italien – zeigen Wirkung. Positive, aber auch negative.

Um die Staatsschulden zu begleichen, kürzte die spanische Regierung in den vergangenen Jahren die Löhne, am stärksten von allen Krisenländern. Dadurch liegen die spanischen Löhne 15 bis 20 Prozent niedriger als früher.

Durch die Arbeitsmarktreform sanken die Gehälter um durchschnittlich 0,2 Prozent. Vor der Krise stiegen sie alljährlich noch um ein Prozent. Gewerkschaften beklagen außerdem die vielen Teilzeitjobs ohne feste Verträge. Das Ergebnis: Die Kaufkraft der Bürger ist gering, der Binnenkonsum liegt am Boden.

Auch die Arbeitslosigkeit ist mit 25,45 Prozent unvermindert hoch, die Jugendarbeitslosigkeit liegt laut Statista sogar bei 53,8 Prozent.

„Problematisch ist im Moment, dass der Aufschwung nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung ankommnt. Der Großteil spürt von der wirtschaftlichen Verbesserung noch nichts“, sagt Stehling.

Spanien plant eine Steuerreform

  • Spitzensteuersatz

    Ein gutes Jahr vor den Parlamentswahlen plant Spaniens Regierung eine Steuerreform, die die Steuerzahler des Landes um insgesamt neun Milliarden Euro entlasten soll. Statt derzeit sieben soll es künftig nur noch fünf Steuerklassen geben, der Eingangs- und Spitzensteuersatz (derzeit 25 bis 52 Prozent) auf 19 bis 45 Prozent sinken; Familien mit Kindern und Pflegebedürftigen dürfen auf weitere Erleichterungen hoffen. Dafür soll der Spitzensteuersatz künftig schon ab einem jährlichen Bruttoeinkommen von 60.000 Euro gelten.

  • Körperschaftssteuer

    Auch den Unternehmen will die Regierung entgegenkommen. Der Körperschaftsteuersatz von derzeit 30 Prozent soll auf 28 Prozent im nächsten Jahr und auf 25 Prozent ab 2016 fallen. Gleichzeitig sollen die Unternehmen künftig weniger Möglichkeiten haben, ihre zu versteuernden Einnahmen durch Abschreibungen oder Minderung der Vermögenswerte zu senken.

  • Brüssel

    Zwar betonte Wirtschaftsminister Luis de Guindos, die Reform befände sich „in Einklang mit den Empfehlungen aus Brüssel“. Dort drängt sich allerdings der Eindruck auf, das Land tanze aus der Reihe: „Die Maßnahmen erschweren die Einhaltung des Defizitabbaus, zu dem Spanien sich verpflichtet hat“, bemängelte die EU-Kommission. Die Beamten in Brüssel haben dabei nicht unbedingt etwas gegen Erleichterungen bei den direkten Steuern, drängen aber darauf, den Ausfall durch höhere Einnahmen bei indirekten Steuern zu kompensieren.

  • Strukturelles Defizit senken

    Um wie geplant das Defizit bis 2016 unter die Maastricht-Schwelle von drei Prozent zu drücken, müsste die spanische Regierung nach Schätzung der EU-Kommission ihr strukturelles Defizit im nächsten Jahr um 0,8 Prozent und 2016 um 1,2 Prozent senken. Das aber ist mit den jetzt verkündeten Steuergeschenken noch schwieriger geworden.

Auch für Pedro Antonio Sanchez ist die Krise noch da. Täglich fährt der zweifache Familienvater stundenlang mit Metro und Bahn quer durch Madrid und hält seinen Monolog. Die Kurzform: „Liebe Fahrgäste. Seit der Finanzkrise habe ich keine Arbeit mehr und muss zwei Kinder ernähren. Ich bitte daher um eine kleine Spende.“ Hin und wieder hat ein Fahrgast Mitleid und lässt ein bisschen Kleingeld in Pedros Hand fallen.

„Klar sagen die Zahlen, dass es wieder bergauf geht. Aber das ist nur eine Seite der Münze“, erzählt Pedro. „Wen die Krise damals so richtig getroffen hat, für den ist sie noch da. Wir sind doch die eigentlichen Opfer. Aufschwung hin oder her – bei einem Großteil der Spanier kommt davon noch nichts an.“

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