Inflationszahlen: Kein Grund zur Panik

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KommentarInflationszahlen: Kein Grund zur Panik

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EZB-Chef Mario Draghi könnte die Inflation als Vorwand nutzen weiteres Geld in den Markt zu pumpen

von Tim Rahmann

Die neuen Zahlen zur Entwicklung der Verbraucherpreise sind wenig überraschend und kein Grund zur Panik – es sei denn, sie werden bewusst falsch interpretiert.

Zahlen lügen nicht. Mit dieser einfachen Botschaft verbieten sich Mathematiklehrer jede Diskussion. Entweder eine Rechnung geht auf – oder nicht. Das Ergebnis jedenfalls sei eindeutig, Zahlen seien nicht manipulierbar. Soweit, so richtig.

Das Problem ist bloß: Selbst einwandfreie Zahlen können falsch interpretiert werden. Zu beobachten ist dies einmal mehr bei der Diskussion um Inflation und Deflation in der Euro-Zone.

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Wie Eurostat am Montag bekanntgab, verteuerten sich die Preise im Vergleich zum Vormonat um 0,5 Prozent. Schon im Mai und im März hatte die Rate ebenfalls 0,5 Prozent betragen, im April waren es 0,7 Prozent. Die Preise der einzelnen Warengruppen haben sich dem EU-Statistikamt zufolge im Juni sehr unterschiedlich entwickelt.

Die stärkste Preissteigerung verzeichneten demnach Dienstleistungen mit plus 1,3 Prozent. Bei der Energie waren es 0,1 Prozent und bei den sonstigen Industriegütern konnte kein Preisauftrieb festgestellt werden. Nahrung, Alkoholika und Tabak wurden demnach im Schnitt 0,2 Prozent billiger, verglichen mit Juni 2013.

Niedrige Inflation in Europa: Wie reagiert die EZB?

  • Was spricht für ein Eingreifen der EZB?

    Die Inflation im Euro-Raum lag im Mai bei 0,5 Prozent – und damit weit entfernt von der Zielmarke der EZB von nahe zwei Prozent. Die Entwicklung erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen niedrig zu halten oder noch unter das Rekordtief von 0,25 Prozent zu senken. EZB-Präsident Mario Draghi hatte betont, die Notenbank werde sich notfalls entschieden gegen einen Preisverfall stemmen.

  • Warum sind sinkende Preise schlecht?

    Für Verbraucher sind sinkende Preise zunächst erfreulich, schließlich bekommt man mehr für sein Geld. Die Gefahr ist, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt, wenn die Preise auf breiter Front fallen. Ökonomen nennen das Deflation. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen hinauszögern - in der Erwartung, dass es in den nächsten Monaten noch günstiger für sie wird. Das könnte die ohnehin noch fragile Erholung der Konjunktur in Europa abwürgen.

  • Wie real ist die Deflations-Gefahr?

    „Eine handfeste Deflation ist in der Eurozone eine sehr weit entfernte Gefahr“, meint Berenberg-Volkswirt Christian Schulz. Das betont auch regelmäßig das EZB-Spitzenpersonal. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte Mitte März erklärt, er halte die Risiken von Preis- und Lohnrückgängen auf breiter Front im Euroraum für sehr begrenzt.

  • Was kann die EZB tun?

    Bei den Zinsen hat die EZB den Boden fast erreicht. Mit einem Leitzins von 0,25 Prozent ist Zentralbankgeld für die Banken im Euroraum bereits extrem günstig. Ob eine weitere Zinssenkung die Geldinstitute dazu bewegen würde, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln, ist umstritten. Denkbar wäre, dass die EZB den Zins für Geld, das Geschäftsbanken bei der Notenbank parken, unter Null senkt. Theoretisch möglich wäre auch, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen aufkauft.

  • Bringen noch niedrigere Zinsen überhaupt etwas?

    Theoretisch animiert das billige Geld Unternehmen zum Investieren und Verbraucher zum Konsumieren - beides kurbelt die Konjunktur an und erhöht so den Preisauftrieb. Doch gerade in den kriselnden Eurostaaten in Südeuropa blieb die Kreditvergabe zuletzt schwach. Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) kann die EZB mit noch billigerem Geld dagegen so gut wie nichts ausrichten.

Doch diese Daten führen zu höchst unterschiedlichen Interpretationen. Während die Nachrichtenagentur AFP von einer „Stabilisierung der Inflation“ auf „extrem niedrigen“ Niveau spricht, schreibt die englisch-sprachige Agentur Bloomberg davon, dass die Zahlen „die Herausforderungen“ von EZB-Präsident Mario Draghi „unterstreichen würden“. Zitiert werden im weiteren Verlauf Ökonomen, die von erhöhtem Druck sprechen, die Geldpolitik weiter zu lockern.

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Dieser Argumentation werden sich in den kommenden Stunden und Tagen auch sicher einige Spitzenpolitiker aus den südeuropäischen Krisenländern anschließen. Sie fordern seit Langem, mehr Geld in den Markt zu pumpen - damit die Wirtschaft anspringt und die Konsumenten einkaufen, so jedenfalls die öffentliche Argumentation.

Merkwürdig nur, dass alle Krisenstaaten in diesem und im kommenden Jahr von spürbarem Wachstum ausgehen. Frankreich wird laut EU-Kommission um 1,0 (2014) und 1,5 Prozent (2015) wachsen, Griechenland um 0,6 und 2,9 Prozent, Italien um 0,6 und 1,2 Prozent. Ähnliche Werte verzeichnen auch Portugal, Spanien und Slowenien. Niederlande und Deutschland sowieso.

Noch mehr billiges Geld ist derzeit aber nicht nötig – es sei denn, man setzt auf die Weginflationierung der Schulden. Der Schlendrian, der sich über die Jahre in Europa eingenistet hat, führte dazu, dass die Verbindlichkeiten oft die Marke von 100 Prozent des BIPs (Italien, Griechenland, Portugal, Zypern, Belgien) überschritten.

Ein Abbau per Geldentwertung käme da vielen Politikern recht. Sie missbrauchen die Inflationszahlen für ihre Pläne. Die Kosten tragen die Sparer, die die Verlierer der Inflationspolitik sind. Sie werden kalt enteignet.

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