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Interview Alberto Alesina: "Europa braucht weniger Staat"

von Malte Fischer

Der Harvard-Ökonom Alberto Alesina fordert von den Euro- Krisenländern, die Staatsausgaben und Steuern zu senken – und warnt vor einer Spaltung Europas.

Alberto Alesina warnt vor einer Spaltung Europas. Quelle: Laif
Alberto Alesina warnt vor einer Spaltung Europas. Quelle: Laif

WirtschaftsWoche: Professor Alesina, in den vergangenen Tagen haben sich führende Finanzwissenschaftler aus aller Welt in Dresden getroffen, um über Wege aus der Staatsschuldenkrise zu debattieren. Gibt es eine gemeinsame Strategie, die Sie den Regierungen empfehlen?

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Alesina: Ökonomen sind selten einer Meinung. Das betrifft auch die Konsolidierung der Staatshaushalte. Eine Gruppe von Ökonomen plädiert dafür, die Defizite drastisch zu senken, dabei ist ihnen jedes Mittel recht, auch Steuererhöhungen. Eine andere Gruppe fordert, aufs Sparen vorerst zu verzichten, weil dies die Wirtschaft abwürge, die Steuerquellen versiegen und die Defizite steigen statt sinken lasse.

Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Ich gehöre keiner der beiden Gruppen an, denn beide liegen falsch. Die Erfahrung zeigt, dass man die Staatshaushalte konsolidieren kann, ohne die Steuern zu erhöhen und ohne die Konjunktur abzuwürgen. Dazu müssen die Regierungen den Rotstift bei den staatlichen Ausgaben ansetzen. Glaubwürdige Ausgabenkürzungen, begleitet von wachstumsfördernden Strukturreformen wie der Liberalisierung von Arbeits- und Gütermärkten, minimieren die Bremswirkungen für die Konjunktur.

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Die meisten Krisenländer in der Euro-Zone setzen aber auf höhere Steuern...

...was ein großer Fehler ist, zumal die Steuern in Europa ohnehin schon hoch sind. Höhere Steuern würgen die Konjunktur ab, und das Verhältnis der Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt. Die Regierungen haben genügend Spielräume, die Staatsausgaben zu senken. In den meisten Ländern liegen diese bei rund 50 Prozent vom BIP. Doch die Politiker trauen sich nicht an die Ausgaben ran, weil sie sich dazu mit wohlorganisierten Interessengruppen anlegen müssten. Zudem dauert es, Leistungsgesetze zu ändern. Für die Politiker ist es viel einfacher, den Bürgern durch höhere Steuern in die Tasche zu greifen. Das verspricht schnell zusätzliche Einnahmen.

Wo sollten die Regierungen den Rotstift ansetzen?

In erster Linie sollten Subventionen sowie die Gehälter und Pensionen im Staatsdienst gekürzt werden. In den meisten Krisenländern ist der öffentliche Dienst aufgebläht und höchst ineffizient. Dagegen ist es nicht ratsam, die staatlichen Investitionen zu kürzen.

Griechenland: Die Lohnstückkosten sinken

Stillstand in Griechenland? Nicht ganz. Bei der Sanierung der Staatsfinanzen hat Athen durchaus Erfolge vorzuweisen: Um sechs Prozentpunkte vom Bruttoinlandsprodukt wurde das Haushaltssaldo in nur zwei Jahren verbessert. Eine solche Konsolidierungsleistung hat kein anderes Euro-Land geschafft. Und im ersten Halbjahr liegt Griechenland beim Defizitabbau sogar vor dem Plan. Auch dem Ziel, seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, kommt das Land näher: Die Lohnstückkosten sind seit 2009 rückläufig. Aber bei den Strukturreformen, die für eine international konkurrenzfähige Wirtschaft zumindest ebenso bedeutend sind, bleibt noch viel zu tun.

Sollten die Regierungen ganz auf Steuererhöhungen verzichten?

Meine Untersuchungen zeigen, dass Konsolidierungen erfolgreich sind, wenn die Politik Ausgabenkürzungen mit Steuersenkungen verbindet, ohne das Defizit auszuweiten. Niedrigere Steuern kurbeln das Wachstum an. Die vergleichsweise hohen Steuern in Europa sind ein Grund, warum der Kontinent in den vergangenen Jahrzehnten beim Wachstum hinter die USA zurückgefallen ist. Die Krisenländer sollten deshalb mehr Gewicht auf Steuersenkungen legen. Mir ist ein Defizitabbau von fünf auf drei Prozent, der allein durch Ausgabenkürzungen zustande kommt, lieber als eine Reduktion des Defizits auf ein Prozent, die auf höheren Steuern basiert.

Reichen harte Sparprogramme aus, die Staatsschuld zu senken, oder braucht man dazu auch Inflation?

Inflation senkt zwar die Schuldenquote, indem sie das nominale BIP erhöht. Doch die Zentralbanken werden nicht den Fehler begehen und zweistellige Teuerungsraten wie in den Siebzigerjahren zulassen. Daher gibt es keine Alternative zu harten Sparmaßnahmen. Um zu gesunden, benötigt Europa weniger Staat und mehr Wachstum. Höhere Inflation ist keine Lösung.

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Die EZB hat angekündigt, mehr Anleihen der Krisenländer zu kaufen. Zerstört sie damit den Reformdruck auf die Länder?

Die EZB hat den Ankauf von Anleihen davon abhängig gemacht, dass die Länder sich zu Reformen und Sparmaßnahmen verpflichten. Das ändert allerdings nichts am Kardinalproblem der Währungsunion, dass die Fiskalpolitik in den Händen der nationalen Regierungen liegt. Dadurch entstehen Anreize, auf Kosten anderer zu leben.

Wird der Verteilungskonflikt die Währungsunion zerreißen?

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Die Währungsunion ist ein politisches Projekt. Ihr Scheitern käme einer Bankrotterklärung der Regierungen gleich. Diese werden alles tun, um den Euro zu retten. Doch die Verteilungskonflikte werden zunehmen – und sie drohen den Kontinent zu entzweien.

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4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.08.2012, 08:55 UhrSWILHEL

    Die lieben Amerikaner und ihre Ratschläge. Im eigene Land herrscht Mord und Totschlag, Armut und Überschudung. Californien und Florida stehen kurz vor der Pleite. Noch nie haben so viele Menschen in der Geschichte der USA wie jetzt Essensmarken in Anspruch nehmen müssen. Ca. 30 Millionen. Viele müssen drei Jobs machen um zu überleben. Studenten sind aufgrund ihres angeblich soooo wichtigen Studiums überschuldet!

  • 26.08.2012, 22:35 UhrChlodwig

    Der Mann hat nicht Unrecht.

  • 26.08.2012, 19:46 UhrVoiceOfReason

    @Anonymer Benutzer:
    Sie haben schon Recht damit, daß die Amerikaner zuerst vor der eigenen Haustüre kehren sollten - aber verkennen den wahren Grund.
    Fakt ist, daß der Staat in Amerika genauso krebsgeschwulstmäßig ausgewuchert ist wie der hier in Europa.
    Was wir brauchen ist ein ausbrennen und herausschneiden des Krebsgeschwürs Bürokratenstaat!
    Die wird dann auch beinhalten, daß keine Großbank mehr um Milliarden von Steuergeldern betteln kann - sollen sie Pleite gehen wenn sie sich verzockt haben - der Staat rettet nur noch die Einlagen von Kleinsparern. Genauso gibt es keine sozialkassenfinanziertes Rückzüchtungsprojekte mehr, die hier in Deutschland inzwischen ganze Dynastien von Gruppen hervorgebracht haben die sich nur noch von staatlicher Stütze und herumv***** ernähren.
    Nur... damit das greift, müssen wir erst einmal die zur Rechenschaft ziehen die wirklich dafür verantwortlich waren - und das sind nicht die Banken, sondern die führenden Politer *ALLER* Parteien, die die letzten 30 Jahren damit verbracht haben immer mehr und mehr Geld, daß sie nicht hatten aus dem Fenster zu schmeißen.
    Und der Weg, in den sich diese Gesellschaft verändern muß, ist auch schon lange bekannt: ich empfehle Ihnen die Lektüre von Ayn Rands: "Atlas setzt den Globus ab"!

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