Italiens neue Hoffnung: "Enrico Letta ist eine clevere Wahl"

InterviewItaliens neue Hoffnung: "Enrico Letta ist eine clevere Wahl"

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Der Vizesekretär der Demokratischen Partei Italiens, Enrico Letta, ist der neue starke Mann in Italien. Kann er eine handlungsfähige Regierung bilden?

von Tim Rahmann

Der stellvertretende Vorsitzende der Demokratischen Partei (PD) soll die neue italienische Regierung bilden. Das wird klappen, glaubt die italienische Wirtschafts-Professorin Elena Carletti. Kann Europa aufatmen?

Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano hat den linken Politiker Enrico Letta (46) zum neuen Regierungschef ernannt. Er habe diese Einsetzung unter Vorbehalt angenommen, sagte Letta nach einem Gespräch mit Napolitano und versucht nun eine Regierung auf die Beine zu stellen. Im Interview mit WirtschaftsWoche Online erklärt Elena Carletti, Wirtschafts-Professorin am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, warum Letta gute Chancen, eine neue Regierung zu bilden und was die Wahl für Europa bedeutet.

Elena Carletti, Wirtschafts-Professorin am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, begrüßt die Entscheidung des italienischen Präsidenten, Enrico Letta den Regierungsauftrag zu erteilen. Quelle: Presse

Elena Carletti, Wirtschafts-Professorin am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, begrüßt die Entscheidung des italienischen Präsidenten, Enrico Letta den Regierungsauftrag zu erteilen.

Bild: Presse

Frau Carletti, wer ist Enrico Letta?

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Elena Carletti: Letta ist die Nummer zwei der italienischen Demokratischen Partei. Er ist mit 46 Jahren für einen Politiker recht jung, hat aber – im Gegensatz etwa zu Matteo Renzi, dem Bürgermeister von Rom, der sich selbst für das Regierungsamt ins Gespräch brachte – viel politische Erfahrung. Er war italienischer Europaminister, Industrieminister und wirtschaftspolitischer Sprecher. Letta kennt sich sowohl in Wirtschafts- als auch in Europafragen aus.

Das heißt, er ist eine gute Wahl?

Ich halte seine Ernennung für eine sehr gute Wahl. Er ist ein frisches Gesicht, viele Italiener wollen einen neuen Politikstil. Er könnte diesen Wandel darstellen. Und: Er ist kein Ideologe. Letta ist ein Mann der Balance und der Kompromisse. Ich finde, Staatspräsident Giorgio Napolitano hat den richtigen Mann ausgesucht.

Wissenswertes über Italien

  • Italiener leben lang – und ungesund

    Das Klima und die mediterrane Küche sind wohl ausschlaggebend für die hohe Lebenserwartung der Italiener. In Europa führen sie die Liste aller OECD-Staaten an, weltweit belegen sie den zweiten Platz. Die Lebenserwartung beträgt bei Frauen circa 83 Jahre, bei Männern 78 Jahre. Ungefähr 19 Prozent der Italiener sind älter als 65 Jahre.

    Dennoch ist auch im Stiefelstaat der Trend zum Übergewicht festzustellen. Italien hat der adipösen Gesellschaft den Kampf angesagt und so gibt es in Italien einige Krankenhäuser, die sich ausschließlich um fettleibige Patienten kümmern.

  • Das sind die reichsten Italiener

    Der Süßwarenfabrikant Michele Ferrero ist der reichste Mann Italiens. Sein Vermögen wird auf 17 Milliarden Dollar geschätzt. Leonardo Del Vecchio, Gründer von Luxottica, folgt auf Rang zwei.

  • Verkaufsschlager Wein und Öl

    Die italienische Landwirtschaft spielt insgesamt keine große Rolle. In zwei Bereichen sind die Italiener dennoch Weltspitze: So produzierte das Land 2010 rund 44,8 Millionen Hektoliter Wein. Nur Frankreich stellt mehr Wein her. Außerdem ist Italien, nach Spanien, der zweitgrößte Erzeuger von Olivenöl.

  • Italiens beste Kunden

    Italiens Handelspartner befinden sich in direkter Nähe zu dem Land. Deutschland ist der wichtigste Partner, gefolgt von Frankreich. Italiens Produkte erfreuen sich besonders in Großbritannien, Spanien und den USA großer Beliebtheit. Importiert wird aus den Niederlanden, China, Libyen und Russland.

  • Was kann Italien besser als Deutschland?

    Eindeutig Brillen herstellen! Denn Luxottica, mit Sitz in Agordo (Provinz Belluno) ist der weltgrößte Brillenhersteller. Seit 1995 kauft das italienische Unternehmen US-Marken wie Ray-Ban und Oakley auf.

  • Italiens "Blaue Banane"

    Mailand, Turin und Genua sind die größten Wirtschaftszentren Italiens. Sie sind Teil des europäischen Wirtschaftsraumes, der durch neun Länder führt und "Blaue Banane" heißt. Zentrale Einrichtungen der Europäischen Union und 20 Weltstädte befinden sich in der Zone. Hier sind die Bevölkerung, die Wirtschaft, das Kapital und die Infrastruktur sehr gut verwoben und bilden somit eine wirtschaftliche Achse Europas. Vergleichbar ist dieser Wirtschaftsraum mit BosWash in den USA.

  • Die kuriosesten Gesetze

    Kuriose Gesetze sind in Italien keine Seltenheit. So müssen Hunde dreimal täglich Gassi gehen. Die Polizei darf sich bei den Nachbarn auch erkundigen, ob dies eingehalten wird. Hohe Geldstrafen sind ausgesetzt, wer sich nicht an die Gesetze halten will. Wer sich in der Lombardei abends auf einer Bank ausruhen will, muss sich vergewissern, dass nicht mehr als drei Personen Platz nehmen. Denn in einem öffentlichen Park ist dies streng reglementiert.

  • Reich an Kultur

    Italien ist das Land mit den meisten Welterbestätten. Italien ist in Besitz von 100.000 Denkmälern. Darunter befinden sich nicht nur Kirchen, Galerien und Schlösser. Auch archäologische Funde, Brunnen und Villen fallen unter den Denkmalschutz.

Wie stehen seine Chancen, eine Regierung zu bilden?

Ich denke, dass der Berlusconi-Block mit ihm gut leben kann. Letta gehört zum wirtschaftsfreundlichen, gemäßigten Flügel der Demokratischen Partei. Er ist kein Sozialist. Zudem gibt es eine persönliche Beziehung zu Silvio Berlusconi. Lettas Onkel Gianni gehört dem Mitte-Rechtslager des ehemaligen Ministerpräsidenten an. Mit oder ohne dem Monti-Block sollte Letta also eine stabile Regierung bilden können.

Welche Position nimmt Enrico Letta in der Euro-Krise ein?

Letta weiß, dass er das Vertrauen der Märkte und der Euro-Partner braucht. Er wird – wie er es innenpolitisch auch immer getan hat – das Gespräch mit allen Beteiligten suchen und Italien natürlich im Euro-Raum halten. An eine Rückkehr zur Lira denkt Letta nicht, da bin ich mir sicher. Zudem: Enrico Letta war Mitte der 2000er-Jahre bereits Mitglied des Europäischen Parlaments und vertritt die gemeinsamen Werte unseres Kontinents.
Die Wirtschaftskrise des Landes ist die größte Herausforderung, das ist Letta klar. Er wird die Strukturreformen der Monti-Regierung fortführen und versuchen, den Arbeitsmarkt zu beleben.

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