Jagd nach "Charlie Hebdo"-Attentätern: Belagerung dauert an - Polizei sucht Dialog

Jagd nach "Charlie Hebdo"-Attentätern: Belagerung dauert an - Polizei sucht Dialog

, aktualisiert 09. Januar 2015, 13:39 Uhr
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Einsatzkräfte eilen nach Dammartin-en-Goele. Die mutmaßlichen Attentäter verschanzen sich laut Polizeiangaben mit Geiseln in einer Fabrik.

In Paris überschlagen sich die Ereignisse: Die mutmaßlichen „Charlie Hebdo“-Attentäter verschanzen sich in einer Fabrik in der Nähe des Flughafens Charles de Gaulle. Sie sollen eine Geisel genommen haben. Zwei Landebahnen wurden gesperrt. Die Terrormiliz IS übernahm die Verantwortung für den Anschlag und drohte mit weiteren Taten.

Mit einem Großeinsatz hat die französische Polizei am Freitag die beiden Terrorverdächtigen im Fall „Charlie Hebdo“ gestellt, aber noch nicht gefasst. Die Brüder mit islamistischem Hintergrund nahmen nordöstlich von Paris offenbar eine Geisel und verschanzten sich in einer Druckerei, wie die Polizei mitteilte. Der nahe Flughafen Charles de Gaulles sperrte wegen des Polizeieinsatzes zwei Landebahnen.

Wie die französische Zeitung "Le Figaro" berichtet, soll es unterdessen auch im Osten von Paris zu einer Schießerei und einer weiteren Geiselnahme gekommen sein. Laut Polizei fand die Schießerei in einem jüdischen Supermarkt statt, eine Person wurde verletzt. Weitere Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt.

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Gesucht werden die Brüder Said und Cherif Kouachi, beide Franzosen Anfang 30. Sie sollen Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida im Jemen haben. Am Mittwoch sollen sie aus islamistischen Motiven in der Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris zwölf Menschen ermordet haben.

Nach der Flucht der Täter entwickelte sich über zwei Tage in Frankreich eine Verfolgungsjagd, für die 88.000 Sicherheitskräfte eingesetzt wurden. Die beiden Verdächtigen sollen mehrere Fluchtfahrzeuge aufgegeben und zeitweise zu Fuß unterwegs gewesen sein. In der Nacht zum Freitag erbeuteten sie dann nach Angaben von Ermittlern ein neues Auto. Dabei sollen Schüsse gefallen sein.

Die wichtigsten Fakten zu "Charlie Hebdo"

  • Die Satire-Zeitung

    Die französische Satire-Zeitung im Zentrum des Terroranschlags von Paris arbeitet mit Provokationen: „Charlie Hebdo“ macht sich über Päpste und Präsidenten lustig - und auch über den Propheten Mohammed. Die Wochenzeitung, die am Mittwoch einem Angriff mit mindestens zwölf Toten zum Opfer fiel, rief mit Karikaturen des hoch verehrten Propheten in der islamischen Welt immer wieder Empörung hervor.

  • Der erste Anschlag

    Im November 2011 waren die Büros der Zeitung Ziel eines Brandbombenangriffs, nachdem sie eine Ausgabe publiziert hatte, in der Mohammed „eingeladen“ wurde, ihr Gastredakteur zu werden. Auf der Titelseite: eine Karikatur des Propheten.

  • Weitere Karikaturen

    Ein Jahr später veröffentlichte die Zeitung inmitten der Aufregung über einen islamfeindlichen Film weitere Mohammed-Zeichnungen. Die Karikaturen stellten Mohammed nackt und in erniedrigenden oder pornografischen Posen dar. Während die Emotionen hochkochten, nahm die französische Regierung die Redefreiheit in Schutz. Gleichzeitig warf sie „Charlie Hebdo“ vor, Spannungen zu schüren.

  • Die politische Orientierung

    Die Zeitung mit niedriger Auflage tendiert politisch betrachtet zum linken Spektrum. Sie ist stolz, mit Karikaturen und parodierenden Berichten Kommentare zum Weltgeschehen abzugeben. „Wir gehen mit den Nachrichten wie Journalisten um“, sagte ein Karikaturist mit Namen Luz 2012 der Nachrichtenagentur AP. „Einige nutzen Kameras, einige nutzen Computer. Für uns ist es ein Papier und Bleistift“, sagte er. „Ein Bleistift ist keine Waffe. Er ist einfach ein Äußerungsmittel“, meinte er.

  • Der Chefredakteur über Karikaturen

    Chefredakteur Stéphane Charbonnier, der bei dem Anschlag am Mittwoch getötet wurde, hatte die Mohammed-Karikaturen ebenfalls verteidigt. „Mohammed ist mir nicht heilig“, sagte er 2012. „Ich mache Muslimen keine Vorwürfe dafür, dass sie nicht über unsere Zeichnungen lachen. Ich lebe unter französischem Gesetz“, ergänzte er. „Ich lebe nicht unter Koran-Gesetz.“

  • Charbonniers letzte Karikatur

    Eine von Charbonniers letzten Karikaturen, die in der dieswöchigen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ veröffentlicht wurde, scheint in Anbetracht der Ereignisse wie eine unheimliche Vorahnung. „Noch immer keine Anschläge in Frankreich“, sagte ein Extremisten-Kämpfer darin. „Warte - wir haben bis Ende Januar, um unsere Neujahrswünsche vorzubringen.“

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve bestätigte den Polizeieinsatz gegen die beiden Verdächtigen in Dammartin-en-Goële rund 40 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt. Zahlreiche Polizeifahrzeuge, Rettungswagen und mindestens drei Flugzeuge eilten zum Ort des Geschehens. Die französischen Behörden wollen drei Schulen in der Nähe der Druckerei evakuieren. Die Schüler würden in eine weiter entfernte Turnhalle gebracht, wo sie von ihren Eltern abgeholt würden, teilte die Stadtverwaltung am Freitag auf ihrer Internetseite mit.

Männer wollen als Märtyrer sterben

Die Terrorverdächtigen sollen den französischen Behörden angekündigt haben, den Märtyrertod sterben zu wollen. Dies sagte der französische Abgeordnete Yves Albarello am Freitag dem Fernsehsender i-Tele. Die Polizei stehe mit den Verdächtigen in Telefonkontakt, bestätigte eine Sprecherin der Stadt Dammartin-en-Goële.

Die Ermittler hatten nach dem blutigen Anschlag vom Mittwoch Erkenntnisse über die beiden mutmaßlichen Islamisten zusammengetragen. So soll der 34-jährige Kouachi vor einigen Jahren zum Training in den Jemen gereist sein, wo ein Ableger der Al-Kaida aktiv ist. Zudem waren er und sein Bruder 32-jähriger Bruder Chérif auf der US-Flugverbotsliste. Dieser war 2008 wegen Terrorismusvorwürfen verurteilt worden.

Die von US-Geheimdiensten übermittelten Informationen würden noch geprüft, sagte ein französischer Sicherheitsbeamter. Sie decken sich immerhin zum Teil mit Zeugen der Bluttat vom Mittwoch, wonach einer der Angreifer sich zu Al-Kaida im Jemen bekannt haben soll.

Offenbar doch Zusammenhang zwischen Taten

Nach dem Attentat wurden nach Worten von Cazeneuve neun Menschen aus der Umgebung der Brüder für Befragungen festgenommen. Insgesamt wurden 90 Menschen vernommen, die meisten Augenzeugen des grauenhaften Überfalls.

Weitere Artikel

Das wöchentlich erscheinende Magazin hatte wegen seiner Karikaturen des Propheten Mohammed und anderer umstrittener Zeichnungen wiederholt Drohungen erhalten. Der Terroranschlag hatte weltweit Entsetzen und Solidaritätsbekundungen ausgelöst. Tausende demonstrierten für die Meinungsfreiheit oder äußerten sich in Sozialen Netzwerken.

Unterdessen sind nach den tödlichen Schüssen auf eine Polizistin im Süden von Paris zwei Verdächtige festgenommen worden. Sie seien am Freitagmorgen in der Region Essonne südlich von Paris geschnappt worden, berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Polizeiquellen. Nach Informationen französischer Medien sollen sich die Festgenommenen und die beiden mutmaßlichen Angreifer auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ kennen. Innenminister Bernard Cazeneuve hatte am Donnerstag noch gesagt, es gebe bisher keine Hinweise auf eine Verbindung zwischen den beiden Taten.

IS übernimmt Verantwortung

Bei dem Schusswechsel war am Donnerstagmorgen eine Beamtin tödlich verletzt worden. Sie starb wenige Stunden nach dem Vorfall. Ein zweiter Polizist war verletzt worden.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ als Start einer größeren Terrorkampagne mit weiteren Angriffen in Europa und den USA bezeichnet. „Wir haben mit der Operation in Frankreich begonnen, für die wir die Verantwortung übernehmen“, sagte der IS-Prediger Abu Saad al-Ansari nach Angaben von Anwesenden beim Freitagsgebet in einer Moschee der nordirakischen Stadt Mossul.

„Morgen werden es Großbritannien, die USA und andere sein.“ Die Drohung gelte für alle Länder des Bündnisses, das Luftangriffe auf den Islamischen Staat fliege.

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