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Jürgen Stark: "Bankenaufsicht ja – aber nicht bei der EZB!"

von Anne Kunz und Konrad Handschuch

Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark hält eine einheitliche Bankenaufsicht für überfällig. Diese dürfte aber nicht bei der Europäischen Zentralbank angesiedelt sein.

Jürgen Stark, ehemaliger Chefvolkswirt der EZB, im Interview mit der WirtschaftsWoche Quelle: Angelika Zinzow für WirtschaftsWoche
Jürgen Stark, ehemaliger Chefvolkswirt der EZB, im Interview mit der WirtschaftsWoche Quelle: Angelika Zinzow für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Stark, 170 deutsche Ökonomen haben vor der Errichtung einer europäischen Bankenunion gewarnt. Haben sie recht?

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Jürgen Stark: In den Ländern der Peripherie, einschließlich Spanien, Italien und Frankreich, geht die Erwartung dahin, man könne immer mehr Haftung auf die europäische Ebene übertragen. Das Risiko daraus konzentriert sich aber bei den potentesten Volkswirtschaften – und diese werden immer weniger. Mit diesem Hinweis haben die Ökonomen absolut recht.

Widerspruch kommt von den fünf Weisen, die der Bundesregierung vorschlagen, mehr gemeinsame Haftung zuzulassen.

Das betrifft den Umgang mit den Staatsschulden. Den Ökonomen geht es um die Bankenunion. Und hier warnen auch die Wirtschaftsweisen vor übereilten Schritten, neue Strukturen zu installieren.

Müssen wir das überhaupt?

Das Versäumnis im Krisenmanagement der vergangenen drei Jahre lag darin, dass im Euro-Raum keine Bank pleitegehen durfte. Das war ein absolutes Tabu. Deswegen hat es keine Marktbereinigung und keine Neuordnung der Bankenlandschaft gegeben.

Man hätte also Banken pleitegehen lassen sollen?

Natürlich.

Auch in Deutschland?

Was haben wir denn getan? Der Soffin gab Kapitalhilfen mit minimalen Auflagen. So hat man eine einmalige Chance vergeben, auch in Deutschland das Bankensystem umfassend zu restrukturieren.

Was also ist jetzt zu tun?

"Das Versäumnis der vergangenen Jahre war, dass keine Bank pleitegehen durfte"

Dort, wo nötig, bedarf es der Rekapitalisierung der Banken, aber das muss mit Auflagen verbunden sein. Die Geldspritzen aus europäischen Fonds dürfen nicht zu Wettbewerbsverzerrungen im Bankensektor führen, und sie müssen eingebunden sein in ein allumfassendes makroökonomisches Reformprogramm. Dass Spanien beispielsweise auch Probleme hat, die über das Bankenwesen hinausgehen, zeigt die Arbeitslosenquote in Höhe von 25 Prozent. Eine dritte Bedingung muss hinzukommen: Es darf keine Haftung ohne Kontrolle geben.

Zur Bankenunion gehört also auch eine gemeinsame europäische Bankenaufsicht?

Eine einheitliche Bankenaufsicht ist überfällig, zumindest für die Institute, die grenzüberschreitend tätig sind. Allerdings bleibt auch eine europäische Aufsicht angewiesen auf die Arbeit der nationalen Behörden und hätte die aktuellen Probleme wohl nicht verhindern können.

Wie muss also eine EU-Aufsicht ausgestattet sein, um effektiv arbeiten zu können?

Sie braucht Informationen aus erster Hand, ohne dass diese politisch manipuliert werden können. Und sie muss wirkliche Durchgriffsrechte auf einzelne Institute erhalten, bis hin zur Stilllegung bestimmter Geschäftsfelder, zu personellen Entscheidungen und zur Abwicklung von Banken, die kein Erfolg versprechendes Geschäftsmodell vorweisen können.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 17.07.2012, 12:22 UhrEinBuerger

    Man will natürlich die EZB mit dieser Afgabe betrauen, weil dort die Pleiteländer die Stimmenmehrheit haben und daher immer die für sie günstigsten Maßnahmen durchsetzen können.

    Und übrigens:
    Das was jetzt in Europa stattfindet ist lediglich eine neue Variante der Kriegführung:

    Krieg hat traditionell den Zweck Resourcen und Arbeitskraft des Gegners für sich arbeiten zu lassen.

    Genau dasselbe ist jetzt im Gange - nicht mehr militärisch sondern wirtschaftlich. Und das was früher "Gegner" hieß heißt jetzt "Freund der Solidarität fordert". Das Ziel ist aber unverändert - den anderen, in diesem Falle Deutschland für sich arbeiten zu lassen, zu eigenen Gunsten auszubeuten.

    Und außerdem treten die Banken jetzt auch als eigenständiger Kriegsteilnehmer auf, der ganz einfach die "kleinen Bürger" für ihre Boni bluten lassen will.

    Und Kollaborateure hat es auch schon immer gegeben.
    Und wahnsinnige Visionäre die nur ihren Dogmen folgen ebenfalls.

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