Kapitalmarktrückkehr: Kollektiver Irrsinn in Sachen Griechenland

KommentarKapitalmarktrückkehr: Kollektiver Irrsinn in Sachen Griechenland

von Frank Doll

Die Rückkehr Griechenlands an den Kapitalmarkt ist surreal. Tatsächlich hat sich mit diesem Schritt die Wahrscheinlichkeit für einen Zahlungsausfall des Landes erhöht.

2001 konnte sich Griechenland den Beitritt zur Europäischen Währungsunion nur erschleichen, weil große Wall-Street-Adressen der damaligen Athener Regierung im Vorfeld geholfen hatten, den wahren Schuldenstand des Landes zu verschleiern. Inzwischen hat die Rettung Griechenlands 240 Milliarden Euro verschlungen, knapp 134 Milliarden Euro allein aus dem Euro-Rettungsfonds ESM. Nur die US-Banken, die vermutlich auch anderen Regierungen das Handwerkszeug zur optischen Haushaltssanierung geliefert hatten, kamen ungeschoren davon.

Die griechische Bilanzkosmetik unter Federführung von Goldman Sachs war der Sündenfall, der die Euro-Krise ins Rollen brachte. So wirkt es wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass nun ausgerechnet Goldman Sachs – zusammen mit Deutsche Bank, JP Morgan Chase und drei weiteren Investmentbanken – die Rückkehr Griechenlands an den Kapitalmarkt einfädelte und saftige Provisionen kassiert. Der drei Milliarden schwere Griechen-Bond hat eine Laufzeit von fünf Jahren und bietet 4,95 Prozent Rendite. Das Bankenkonsortium hat sich zur Abnahme eines bestimmten Volumens verpflichtet, wohl wissend, dass im Ernstfall die Europäische Zentralbank Gewehr bei Fuß steht.

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Die europäische Politik hat offenbar kein Problem damit. Selbst im bankenfreundlichen Washington ticken die Uhren anders. Wegen dubioser Machenschaften mit Immobilienkrediten vor und nach der Finanzkrise verdonnerte die US-Regierung JP Morgan Chase im Rahmen eines außergerichtlichen Vergleichs zu einer Rekordstrafe von 13 Milliarden Dollar.

Die Tricksereien, mit denen US-Banken Griechenland in die Eurozone geschleust haben, sind weitgehend bekannt. Die Beweise aber hält die Europäischen Zentralbank (EZB) unter Verschluss. Deren Präsident Mario Draghi war von 2002 bis 2005 Vice Chairman und Managing Director bei Goldman Sachs International. Draghi bestreitet bis heute, irgendetwas von dem Deal gewusst zu haben. Im Juni 2012 klagte der Nachrichtendienst Bloomberg vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg gegen die EZB auf die Herausgabe der Dokumente über die gefälschten griechischen Defizit-Zahlen – vergeblich. Ermittlungen wurden nicht einmal aufgenommen.

So schlug sich Griechenland 2013

  • Politische Stabilität

    Zuletzt konnte die Regierung von Präsident Samaras einen weiteren Sparhaushalt verabschieden. Eine eigene Mehrheit hat die Regierung im Parlament aber nicht mehr. Da die Opposition in sich völlig gespalten ist, droht dennoch keine unmittelbare Entmachtung.  Öffentliche Proteste sind seltener geworden.

    Note: 4

  • Umsetzung von Reformen

    Wichtige Punkte sind weiter ungelöst: Die Öffnung der geschlossenen Berufe kommt nicht voran, die Privatisierung stockt. Hier und da gibt es aber kleine Erfolge, etwa beim Verkauf des Athener Flughafens

    Note: 4

  • Sparwille

    Erstmals wird ein Primärüberschuss erzielt. Der geht aber größtenteils auf das Konto der Staatsanleihekäufe durch die EZB. Dennoch ist das mehr, als die meisten Beobachter noch vor wenigen Monaten erwartet hätten.

    Note: 3

  • Gesamtnote

    Griechenland bleibt ein Euro-Sorgenkind. Doch es werden Fortschritte sichtbar, auch wenn das Land weiter voll und ganz von der Gnade der anderen Euro-Länder abhängt.

    Note: 4+

Dafür ist Angela Merkel jetzt nach Griechenland gereist und wird, wie üblich, die Griechen für ihre nicht vorhandenen Fortschritte bei der Krisenbewältigung loben – eine erstklassige Wahlkampfveranstaltung. Schließlich muss Merkel den nur mit zwei Stimmen Mehrheit regierenden konservativen griechischen Ministerpräsidenten Antonis Samaras über die anstehenden Kommunal- und Europawahlen retten.

Der neue Griechen-Bond war achtfach überzeichnet. Das hatte selbst Facebook bei seinem Börsengang nicht fertig gebracht. Die Irrationalität der Anleger lässt sich aber in beiden Fällen vergleichen.

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