Lucio Baccaro und der instabile Kapitalismus

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kolumneKnauß kontert: Die wankende Wachstumswirtschaft

Kolumne von Ferdinand Knauß

Politische Ökonomen wie Lucio Baccaro beschreiben die gegenwärtigen Volkswirtschaften als höchst instabil. Keynes und Erhard hatten einst ganz anderes erwartet. 

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Als Löhne für Wachstum sorgten: Arbeiter der Borgward-Automobilwerke in Bremen erhalten 1961 ihre Lohntüten.

Abseits der jamaikanischen Sondierungen und anderer Schreckensmeldungen aus aller Welt ereignet sich doch noch die eine oder andere gute Nachricht. Zumindest in der Wissenschaft: Das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIfG) in Köln hat einen Nachfolger für den vor drei Jahren emeritierten Wolfgang Streeck gefunden.

Lucio Baccaro stammt aus einem Land, das, wie er selbst in seinem ersten Vortrag am Institut sagte, nur noch durch ein „Gleichgewicht der Furcht“ zusammengehalten wird: Italien. Ein Land nämlich, das bei der Suche nach einem neuen Wachstumsmodell für seine Volkswirtschaft besonders erfolglos war. Ein Land, das den Euro wollte, aber dessen Wirtschaft keine schlüssige Antwort auf die Bedingungen findet, die die Gemeinschaftswährung stellt.

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Baccaro sieht, ähnlich wie sein Vorgänger, den Kapitalismus als ein zutiefst krisenhaftes System an, heute mehr denn je und längst nicht nur in Italien. „Unhinged capitalism“ - der aus den Angeln geratene Kapitalismus - war das Thema seines ersten Vortrages in Köln. Es wird sein Forschungsprogramm der kommenden Jahre am MPIfG bestimmen.

Baccaros Ausgangspunkt  ist diese Diagnose: Das nach dem Zweiten Weltkrieg überall im Westen erfolgreiche lohngetriebene, „fordistische“ Wachstumsmodell funktioniert nicht mehr. Seine Zentralachse war ein institutionalisierter Kompromiss zwischen Arbeit und Kapital, bei dem die Lohnaushandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmensverbänden der Treiber waren – für den Anstieg der Konsumentennachfrage ebenso wie für den Innovationszwang der Unternehmen. Voraussetzung dafür waren starke Institutionen, die den Kapitalismus vor sich selbst schützten durch staatliche Kapitalkontrollen, begrenzten internationalen Handel.

Die Kräfte, die diesen alten Kapitalismus aus den Angeln heben? Liberalisierung, sagt Baccaro. Betrieben nicht nur von den Unternehmen, sondern von den Staaten vorneweg. Dazu gehören nicht zuletzt die Ausweitung des internationalen Handels, die der Forderung nach Lohnzurückhaltung ein Totschlagargument liefert, und die ebenso gestiegene Mobilität des Kapitals, die die Empfindlichkeit für die Erträge von Investitionen deutlich steigerte. Und dies werde gestützt durch einen ökonomischen Diskurs, in dem das Interesse einer Klasse – nämlich der investierenden – als das nationale erscheine.

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Was aber bleibt, war der offenbar unverzichtbare Wachstumszwang der Volkswirtschaften. Er führt sie zu unterschiedlichen neuen Modellen: Großbritannien setzt auf Konsum als Treiber, Deutschland auf den Export, Schweden auf eine Mischung aus beidem, und Italien? Weder noch! „There is nothing“, sagte Baccaro. Höchst unstabil seien aber auch die scheinbar erfolgreichen Modelle wie Deutschland. 

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