Krise in Griechenland: Der ganz alltägliche Bank-Run

Krise in Griechenland: Der ganz alltägliche Bank-Run

von Florian Willershausen

Die Griechen schlittern in die Pleite, seit Montag haben die Banken geschlossen. Die Athener aber bleiben stoisch gelassen - das überrascht und beeindruckt.

Fünf Jahre beschäftigt uns Wirtschaftsjournalisten nun schon die Schuldenkrise Griechenlands. Dort wie in anderen Südländern der Eurozone stand es immer mal wieder Spitz auf Knopf, es drohte eine Staatspleite. Die steht den Griechen nun, da ihre linksradikale Regierung das EU-Rettungspaket auslaufen lässt und die Raten an den Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht mehr überweisen will, kurz bevor. Bereits am Mittwoch tritt die technische Zahlungsunfähigkeit ein.

Und? Wie fühlt sich das an? Diese Frage hat man sich immer wieder gestellt in den Jahren zuvor, als es in Griechenland oder anderswo brenzlig wurde. Als Panik pur stellt man sich so etwas vor – mit Hamsterkäufen, Straßenkämpfen, Prügeleien an Geldautomaten.

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Es ist wohl kein Zufall, dass mich Freunde und Verwandte aus der Ferne fragen, ob ich denn noch genügend Bargeld bei mir habe und ob ich nicht lieber Wasserflaschen auf Vorrat kaufen sollte.

In Wahrheit fehlen nur die Klamotten, weil ich statt drei Tagen nun schon mehr als eine Woche in Athen lebe. Aber Klamotten kann man kaufen. Auch in Athen.

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

  • Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

    "Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. (...) Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin."

  • Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

    „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft in Takt (...) Der Rückschlag wird nicht von Dauer sein."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm - das sogenannte OMT-Programm - auch noch gibt."

  • Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

    "Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichte machen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt - ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen."

  • Johannes Mayr, BayernLB

    "Weder der Grexit noch die Staatspleite sind zwingend. Es hängt sehr davon ab, wie das Referendum ausgeht. Wenn es zu einer Ablehnung kommt, wäre Griechenland auf schiefer Ebene unterwegs in Richtung Euro-Abschied. Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen.

    Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein - Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen."

Doch was passiert wirklich? Die Antwort ist schlicht: Nichts! Der Bank-Run läuft in Griechenland auf solch geordnete Weise ab, wie man es einer südeuropäisch-emotionalen Nation wie den Griechen gar nicht zutraut. Fast könnte man meinen, es seien deutsche Touristen, die in geordneten Reihen vor den Geldautomaten von Athen stehen – und zwar stoisch ruhig, ohne Panik.

Sofern die Konten gefüllt sind, spuckt der Automat pro Kunde 60 Euro am Tag aus. Also reihen sich die Athener zehn, zwölf Tage nacheinander an, und schon ist die Rente runter vom Bankkonto und unterm Kopfkissen.

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