Krise in Italien: Regierungschef Letta tritt zurück

Krise in Italien: Regierungschef Letta tritt zurück

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Matteo Renzi

von Nora Jakob und Tim Rahmann

Der italienische Ministerpräsident Enrico Letta tritt ab, Matteo Renzi wird ihm folgen. Doch hält die Regierung? Derzeit steht nur eins fest: Die Krise in Italien ist zurück.

Der italienische Regierungschef Enrico Letta tritt nach nur zehn Monaten im Amt ab. Er macht damit den Weg frei für seinen parteiinternen Rivalen Matteo Renzi. Letta kündigte am Donnerstag an, er werde seinen Rücktritt am Freitag bei Staatspräsident Giorgio Napolitano einreichen. Er zieht damit die Konsequenzen aus einem parteiinternen „Misstrauensvotum“ gegen seine Regierung, das Renzi zuvor im Vorstand der sozialdemokratischen Regierungspartei PD vorbereitet und propagiert hatte.

Der Vorstand stimmte mit der großen Mehrheit von 136 Ja-Stimmen bei nur 16 Nein-Voten für Renzis Vorschlag. Dieser will mit rascheren Reformen eine Wende für das Krisenland Italien. Dass die dringend nötig sind, zeigen diese Zahlen: Die Arbeitslosenquote liegt bei über zwölf Prozent, bei den Jugendlichen noch dramatisch höher (etwa 40 Prozent). Der Schuldenberg ist inzwischen auf fast 130 Prozent des BIP gewachsen. Und: Die Lohnstückkosten sind in keinem Land der Euro-Zone seit der Jahrtausendwende kräftiger gestiegen als in Italien. Kein Wunder, dass das Land von der allgemeinen Konjunkturaufhellung in Europa, die für 2014 erwartet wird, kaum profitieren wird. Die Prognose sieht gerade mal ein Wachstum von 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Die Ausgangslage für die Unternehmen um erfolgreich zu sein, ist nicht günstig‘“, sagt Norbert Pudzich, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Italienischen Handelskammer mit Sitz in Mailand.

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Wissenswertes über Italien

  • Italiener leben lang – und ungesund

    Das Klima und die mediterrane Küche sind wohl ausschlaggebend für die hohe Lebenserwartung der Italiener. In Europa führen sie die Liste aller OECD-Staaten an, weltweit belegen sie den zweiten Platz. Die Lebenserwartung beträgt bei Frauen circa 83 Jahre, bei Männern 78 Jahre. Ungefähr 19 Prozent der Italiener sind älter als 65 Jahre.

    Dennoch ist auch im Stiefelstaat der Trend zum Übergewicht festzustellen. Italien hat der adipösen Gesellschaft den Kampf angesagt und so gibt es in Italien einige Krankenhäuser, die sich ausschließlich um fettleibige Patienten kümmern.

  • Das sind die reichsten Italiener

    Der Süßwarenfabrikant Michele Ferrero ist der reichste Mann Italiens. Sein Vermögen wird auf 17 Milliarden Dollar geschätzt. Leonardo Del Vecchio, Gründer von Luxottica, folgt auf Rang zwei.

  • Verkaufsschlager Wein und Öl

    Die italienische Landwirtschaft spielt insgesamt keine große Rolle. In zwei Bereichen sind die Italiener dennoch Weltspitze: So produzierte das Land 2010 rund 44,8 Millionen Hektoliter Wein. Nur Frankreich stellt mehr Wein her. Außerdem ist Italien, nach Spanien, der zweitgrößte Erzeuger von Olivenöl.

  • Italiens beste Kunden

    Italiens Handelspartner befinden sich in direkter Nähe zu dem Land. Deutschland ist der wichtigste Partner, gefolgt von Frankreich. Italiens Produkte erfreuen sich besonders in Großbritannien, Spanien und den USA großer Beliebtheit. Importiert wird aus den Niederlanden, China, Libyen und Russland.

  • Was kann Italien besser als Deutschland?

    Eindeutig Brillen herstellen! Denn Luxottica, mit Sitz in Agordo (Provinz Belluno) ist der weltgrößte Brillenhersteller. Seit 1995 kauft das italienische Unternehmen US-Marken wie Ray-Ban und Oakley auf.

  • Italiens "Blaue Banane"

    Mailand, Turin und Genua sind die größten Wirtschaftszentren Italiens. Sie sind Teil des europäischen Wirtschaftsraumes, der durch neun Länder führt und "Blaue Banane" heißt. Zentrale Einrichtungen der Europäischen Union und 20 Weltstädte befinden sich in der Zone. Hier sind die Bevölkerung, die Wirtschaft, das Kapital und die Infrastruktur sehr gut verwoben und bilden somit eine wirtschaftliche Achse Europas. Vergleichbar ist dieser Wirtschaftsraum mit BosWash in den USA.

  • Die kuriosesten Gesetze

    Kuriose Gesetze sind in Italien keine Seltenheit. So müssen Hunde dreimal täglich Gassi gehen. Die Polizei darf sich bei den Nachbarn auch erkundigen, ob dies eingehalten wird. Hohe Geldstrafen sind ausgesetzt, wer sich nicht an die Gesetze halten will. Wer sich in der Lombardei abends auf einer Bank ausruhen will, muss sich vergewissern, dass nicht mehr als drei Personen Platz nehmen. Denn in einem öffentlichen Park ist dies streng reglementiert.

  • Reich an Kultur

    Italien ist das Land mit den meisten Welterbestätten. Italien ist in Besitz von 100.000 Denkmälern. Darunter befinden sich nicht nur Kirchen, Galerien und Schlösser. Auch archäologische Funde, Brunnen und Villen fallen unter den Denkmalschutz.

Nun soll Matteo Renzi die Lage retten. Doch kann er das? Fakt ist: Er polarisiert - einige sehen in ihm einen Hoffnungsträger, andere einen Populisten. Ihm zugute halten muss man, dass er steil aufgestiegen ist: Mit 34 Jahren wurde er Bürgermeister von Florenz, mit 38 Jahren kürte man ihn zum Chef der sozialdemokratischen Regierungspartei PD. Damals erhielt er einen großen Zuspruch: Zwei Drittel stimmten im Dezember bei einer Urwahl für ihn als Chef der derzeit größten Partei Italiens. Ein Jahr zuvor hatte er schon einmal nach diesem Machtinstrument gegriffen, jedoch gegen Pier Luigi Bersani verloren. Nun - gerade 39 Jahre alt- wird er wohl der neue italienische Regierungschef.

Unglaublich, aber wahr: Er wäre der neunte Regierungschef seit 1992 – nur zwei von ihnen haben sich in Wahlen behauptet (Silvio Berlusconi und Romano Prodi). Ob es tatsächlich dazu kommt und wie lange er im Amt bleiben wird, liegt auch an der mitregierenden Mitte-Rechts-Partei. Deren Chef Angelino Alfano, ließ offen, ob er weiterhin zu dem Bündnis stehen werde, sollte Renzi das Ruder übernehmen.

Länderanalyse Armes Italien

Korrupte Behörden und unfähige Politiker drängen Italien an den Abgrund. Angela Merkel versuchte beim Staatsbesuch in Rom auf Mario Monti einzuwirken. Doch der italienische Premier macht gute Miene zum bösen Spiel.

huGO-BildID: 26736264 Italy's Prime Minister Mario Monti (L) looks on before a meeting with Switzerland's President Eveline Widmer-Schlumpf (not pictured) at the Chigi palace in Rome June 12, 2012. REUTERS/Max Rossi (ITALY - Tags: POLITICS) Quelle: REUTERS

Renzi gilt als Macher und riskierte mit seinem Frontalangriff auf Letta eine Spaltung seiner Partei und auch den Vorwurf, sich illoyal dem Parteifreund gegenüber verhalten zu haben. Der Florentiner Bürgermeister hatte sich selbst offensiv ins Spiel gebracht. Doch inzwischen halten viele den 39-Jährigen für die letzte Hoffnung Italiens.

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„Er hat Charisma und spricht vor allem junge Menschen an“, sagt Elena Carletti in einem Interview mit Wirtschaftswoche Online. Er könne zweifellos der Grillo-Bewegung mit ihrer überwiegend jungen Protest-Wählerschicht Stimmen abjagen, glaubt die Politik-Wissenschaftlerin. Renzis Nachteil: Er hat kaum politische und internationale Erfahrung. Er ist seit 2009 Bürgermeister von Florenz, hat aber auf nationaler Bühne noch keine Spuren hinterlassen. Das muss er nun dringend ändern.

(Mit Material von dpa und Reuters)

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