Krisensitzung im Élysée: Frankreich sucht nach Terror-Unterstützern

Krisensitzung im Élysée: Frankreich sucht nach Terror-Unterstützern

, aktualisiert 10. Januar 2015, 12:13 Uhr

Paris fahndet nach Unterstützern des Terrors. Nach dem Ende der blutigen Anschläge und Geiselnahmen seit Mittwoch formiert sich eine Welle der Solidarität für Frankreich.

Nach drei blutigen Tagen des Terrors in Paris befindet sich Frankreich in Furcht vor weiteren Anschlägen. Die französische Polizei beendete am Freitag zwei Geiselnahmen und tötete dabei die beiden mutmaßlichen Angreifer auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ sowie einen weiteren Dschihadisten. Insgesamt starben mindestens 20 Menschen - neben den zwölf Todesopfern des Anschlags auf das Magazin, den drei Terroristen und einer Polizistin im Süden von Paris auch mindestens vier Geiseln. Nun die Ermittler in Frankreich auf die Suche nach Unterstützern der islamistischen Gewalttäter. In Paris rief Präsident François Hollande am Samstagmorgen erneut Minister und Sicherheitsdienste zu einer Krisensitzung zusammen. Die Polizei jagt die weiterhin flüchtige Freundin des getöteten Geiselnehmers Amedy Coulibaly (32). Die 26-Jährige wird im Zusammenhang mit der Schießerei vom Donnerstag im Süden von Paris gesucht, bei der eine Polizistin starb. Dafür wird Coulibaly verantwortlich gemacht, der später Geiseln in einem jüdischen Geschäft im Osten der Hauptstadt nahm.

Attentäter getötet Doppelschlag gegen Terror in Frankreich

Nach über 50 Stunden hat der Albtraum ein Ende: Die islamistischen Terroristen in Frankreich sterben bei Zugriffen der Polizei. Aber auch mehrere Geiseln kommen ums Leben. Die Ereignisse im Überblick.

Trauer in Frankreich nach den Geiseldramen in Dammartin und Paris. Quelle: dpa Picture-Alliance

Neben einer Bilanz der Polizeieinsätze gegen die islamistischen Terroristen steht für die Regierung der große Solidaritätsmarsch am Sonntag in Paris im Vordergrund. An der Kundgebung für die Opfer des Anschlags auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ vom Mittwoch wollen zahlreiche europäische Regierungschefs teilnehmen, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Sigmar Gabriel, Großbritanniens Premier David Cameron, Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy und sein italienischer Kollege Matteo Renzi. „Es ist ein wichtiges Zeichen deutsch-französischer Freundschaft, dass wir in diesen Stunden zusammenstehen“, sagte Merkel in Hamburg. Frankreichs Premier Manuel Valls kündigte an, der „republikanische Marsch“ nach Anschlägen und Geiselnahmen mit 17 unschuldigen Opfern werde durch ein massives Sicherheitsaufgebot geschützt.

Hinter dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ soll der jemenitische Al-Kaida-Ableger AQAP stecken, der jedoch nicht direkt die Verantwortung für die Attacke übernahm. Stattdessen verbreitete Scheich Harith al-Nadhari, ein hochrangiger Geistlicher von AQAP, per Twitter eine Aufnahme, in der er von einem „gesegneten Angriff auf Paris“ sprach. Al-Nadhari verunglimpfte die Franzosen als „dreckig“ und warf ihnen die Beleidigung von Mohammed vor. Er lobte die „heldenhaften Mudschaheddin“, die Frankreich „eine Lektion und die Grenzen der Redefreiheit gelehrt“ habe.

Anzeige

Ermittler versuchen nun, herauszufinden, in welcher Beziehung der Geiselnehmer Amedy Coulibaly zu den beiden mutmaßlichen Angreifern - die beiden Brüder Said und Chérif Kouachi - gestanden hat. Die Behörden gingen immer stärker von einer Verbindung zwischen den Dschihadisten aus, sagte der Pariser Staatsanwalt François Molins. Hayat Boumeddiene, die Ehefrau und mutmaßliche Komplizin von Coulibaly, habe rund 500 Mal mit einer Lebensgefährtin von einem der Kouachis telefoniert. Gegen mehrere Personen aus dem Umfeld der drei Schützen seien vorläufigen Anschuldigungen erhoben worden, sagte Molins. Boumeddienes Aufenthaltsort war in der Nacht zum Samstag unklar. Sie soll bewaffnet sein.

Die wichtigsten Fakten zu "Charlie Hebdo"

  • Die Satire-Zeitung

    Die französische Satire-Zeitung im Zentrum des Terroranschlags von Paris arbeitet mit Provokationen: „Charlie Hebdo“ macht sich über Päpste und Präsidenten lustig - und auch über den Propheten Mohammed. Die Wochenzeitung, die am Mittwoch einem Angriff mit mindestens zwölf Toten zum Opfer fiel, rief mit Karikaturen des hoch verehrten Propheten in der islamischen Welt immer wieder Empörung hervor.

  • Der erste Anschlag

    Im November 2011 waren die Büros der Zeitung Ziel eines Brandbombenangriffs, nachdem sie eine Ausgabe publiziert hatte, in der Mohammed „eingeladen“ wurde, ihr Gastredakteur zu werden. Auf der Titelseite: eine Karikatur des Propheten.

  • Weitere Karikaturen

    Ein Jahr später veröffentlichte die Zeitung inmitten der Aufregung über einen islamfeindlichen Film weitere Mohammed-Zeichnungen. Die Karikaturen stellten Mohammed nackt und in erniedrigenden oder pornografischen Posen dar. Während die Emotionen hochkochten, nahm die französische Regierung die Redefreiheit in Schutz. Gleichzeitig warf sie „Charlie Hebdo“ vor, Spannungen zu schüren.

  • Die politische Orientierung

    Die Zeitung mit niedriger Auflage tendiert politisch betrachtet zum linken Spektrum. Sie ist stolz, mit Karikaturen und parodierenden Berichten Kommentare zum Weltgeschehen abzugeben. „Wir gehen mit den Nachrichten wie Journalisten um“, sagte ein Karikaturist mit Namen Luz 2012 der Nachrichtenagentur AP. „Einige nutzen Kameras, einige nutzen Computer. Für uns ist es ein Papier und Bleistift“, sagte er. „Ein Bleistift ist keine Waffe. Er ist einfach ein Äußerungsmittel“, meinte er.

  • Der Chefredakteur über Karikaturen

    Chefredakteur Stéphane Charbonnier, der bei dem Anschlag am Mittwoch getötet wurde, hatte die Mohammed-Karikaturen ebenfalls verteidigt. „Mohammed ist mir nicht heilig“, sagte er 2012. „Ich mache Muslimen keine Vorwürfe dafür, dass sie nicht über unsere Zeichnungen lachen. Ich lebe unter französischem Gesetz“, ergänzte er. „Ich lebe nicht unter Koran-Gesetz.“

  • Charbonniers letzte Karikatur

    Eine von Charbonniers letzten Karikaturen, die in der dieswöchigen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ veröffentlicht wurde, scheint in Anbetracht der Ereignisse wie eine unheimliche Vorahnung. „Noch immer keine Anschläge in Frankreich“, sagte ein Extremisten-Kämpfer darin. „Warte - wir haben bis Ende Januar, um unsere Neujahrswünsche vorzubringen.“

Coulibaly hatte sich in einem koscheren jüdischen Lebensmittelladen im Osten von Paris verschanzt und mit der Tötung der Geiseln gedroht, sollte den Kouachi-Brüdern etwas zustoßen. Laut Angaben von Molins hatte er gleich beim Betreten des Geschäftes vier Menschen getötet.

Die Ereignisse hatten Frankreich und den Rest der Welt seit Mittwoch in Atem gehalten. Zehntausende Polizisten waren im Einsatz, Schulen geschlossen und Bewohner aufgerufen, zu Hause zu bleiben. Die Kouachi-Brüder wurden schließlich am Freitag in einer Druckerei in der Stadt Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris eingekesselt, in die sie mit einer Geisel geflüchtet waren. Die Polizei verhandelte telefonisch mit den Geiselnehmern, ehe die Brüder bei einem Schusswechsel getötet wurden. Dies zwang die Spezialeinsatzkräfte dazu, unmittelbar darauf auch bei der zweiten Geiselnahme zuzugreifen. In dem Laden wurden 15 Geiseln befreit.

In Paris wuchs die Sorge vor weiteren Taten. Alle Geschäfte entlang einer Einkaufsstraße in dem beliebten Viertel Marais unweit der Redaktion von „Charlie Hebdo“ wurden ebenso geschlossen wie zwei Landebahnen für ankommende Maschinen auf dem Flughafen Charles de Gaulle nahe Dammartin-en-Goële. Präsident François Hollande forderte seine Nation auf, aufmerksam zu bleiben. „Die Bedrohungen, die Frankreich begegnen, sind nicht zu Ende.“ Er traf sich mehrere Male mit seinem Sicherheitsteam zu Krisensitzungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Großbritanniens Premierminister David Cameron und andere europäische Regierungschefs kündigten an, am Sonntag gemeinsam mit Hollande an einer Kundgebung in Paris teilnehmen zu wollen.

weitere Artikel

Premierminister Manuel Valls sprach von Versäumnissen vor der Tat. „Es gab gewiss ein Versagen“, sagte Valls dem Fernsehsender BFM. „Deshalb müssen wir analysieren, was passiert ist.“ Polizei und Geheimdienst waren dafür kritisiert worden, nicht früher eingegriffen zu haben. Chérif Kouachi war 2008 wegen Terrorvorwürfen bereits verurteilt worden, sein Bruder Said hatte nach US-Informationen Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und war vor Jahren zu einem Terrortrainingsprogramm in den Jemen gereist. Beide standen auf der US-Flugverbotsliste.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%