Lagarde-Liste: Schuldspruch für Griechenlands Ex-Finanzminister

Lagarde-Liste: Schuldspruch für Griechenlands Ex-Finanzminister

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Giorgos Papakonstantinou (2011)

von Mark Fehr

Urteil im griechischen Skandaldrama gegen Ex-Finanzminister Giorgos Papakonstantinou: Die WiWo stellt die illustren Hauptrollen im Bühnenstück um Schützenhilfe für griechische Steuerhinterzieher vor.

Handlung:

2009 sickern aus der Schweizer Niederlassung der internationalen Großbank HSBC Dokumente durch, die Hinweise auf mögliche Steuerverstecke reicher Kunden geben. Regierungen unterschiedlichster Länder starten daraufhin Ermittlungen, doch die Anstrengungen sind mäßig, ebenso der Erfolg. Eine besonders groteske Wendung nimmt der Fall in Griechenland. Dort wurde heute der ehemalige Finanzminister Georgis Papakonstantinou wegen Urkundenfälschung verurteilt.

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Besetzung:

Der Spieler, verkörpert von Hervé Falciani, einem französisch-italienischen IT-Spezialisten und ehemaligen Angestellten der Schweizer HSBC-Niederlassung. Falciani, möglicherweise frustriert von seinem biederen Job, stiehlt 2007 wichtige Geschäftsunterlagen seines Arbeitgebers und übergibt die Datenbeute 2009 den Steuerbehörden in Frankreich. Der 42-jährige Monegasse, Pokerspieler und berufliche Whistleblower besetzt außerdem eine Charakterrolle in dem Anfang 2015 uraufgeführten Steuerdrama „Swiss Leaks“. Beim Urteil über seine schauspielerische Leistung ist das Publikum gespalten: Manche Zuschauer loben ihn als den Edward Snowden der Finanzwelt, andere sehen ihn schlicht als digitalen Bankräuber.

Die Königin, verkörpert von Christine Lagarde, einer französischen Spitzenpolitikerin von internationalem Ruf. Lagarde spielt im Drama um die Schweizer Steuersünden nur eine Nebenrolle mit wenig Redetext, hauptberuflich leitet sie seit 2011 den Internationalen Währungsfonds in Washington D.C. Als damalige französische Finanzministerin gab die heute 59-Jährige die von ihren Steuerbehörden abgegriffenen HSBC-Unterlagen 2010 an internationale Amtskollegen weiter, unter anderem an ihren griechischen Counterpart Papakonstantinou. Eine solide Leistung, nicht nur schauspielerisch. Einzelne Theaterkritiker vermuten allerdings, dass ihre Rolle mehr Tiefgang haben könnte, als auf der Bühne zu sehen war.

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Der Schurke, verkörpert von Giorgos Papakonstantinou, einem griechischen Wirtschaftswissenschaftler und Finanzpolitiker. Seinen Durchbruch auf der internationalen Bühne feierte der 53-Jährige 2009 in Luxemburg, ebenfalls mit einem Skandalstück. Damals eröffnete er den versammelten Finanzministern der Europäischen Union, dass die Athener Regierung ihre Haushaltsstatistik gefälscht hatte und tatsächlich kurz vor der Pleite stand. Bei dieser Uraufführung bestach der zuvor international kaum bekannte Darsteller das staunende Publikum durch seine unnachahmlich regungslose Mine, die er ohne rot zu werden ins Scheinwerferlicht hielt. Als er 2010 die HSBC-Daten mit rund 2000 mutmaßlichen Steuersündern seines Landes von der französischen Amtskollegin Lagarde erhält, passiert erst mal nichts. Dann der Verdacht: Auf der schließlich an die griechischen Steuerermittler weitergegebenen Fahndungsliste fehlen ausgerechnet die Namen von Papakonstantinous Verwandten.

Das Opfer, verkörpert von Kostas Vaxevanis. Dem griechischen Enthüllungsjournalisten fällt im Steuerdrama die undankbare Rolle zu, an der der anonym gebliebene Autor die Entschlossenheit der griechischen Behörden demonstrieren will. Diese Entschlossenheit, so erfährt der Zuschauer kopfschüttelnd, bezieht sich weniger auf die Durchsetzung geltenden (Steuer)Rechts und mehr auf das Durchgreifen gegen unliebsame Kritiker. Vaxevanis scheint in den Besitz der Lagarde-Liste gelangt zu sein, zumindest in deren griechischen Teil. Nach der Veröffentlichung in den Medien stand flugs die hellenische Polizei vor der Tür. Bei der Verhaftungsszene hat sich der Dramatiker etwas Ungewöhnliches einfallen lassen: Diese wurde bei der Premiere im Stile eines Live-Auftritts mit einem begleitenden Radiointerview und Twitter-Meldungen des Verhafteten aufgeführt.

Interpretation:

Mit der gesamtkünstlerischen Wertung hat sich heute ein Sondergericht in Griechenland beschäftigt. Das Urteil: Papakonstantinou wurde wegen Urkundenfälschung schuldig gesprochen, nicht aber wegen Amtsmissbrauchs. Die Strafe dürfte mild ausfallen, den Urkundenfälschung sieht man in Athen manchmal als, nun ja, künstlerische Freiheit.

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