Martin Schulz: Der laute Europäer

Martin Schulz: Der laute Europäer

von Max Haerder

Einst wollte er sich im Vollrausch fast das Leben nehmen, jetzt möchte Martin Schulz Chef der EU-Kommission werden - als zweiter Deutscher überhaupt. Ein Porträt.

Sigmar Gabriel möchte jetzt weg, einfach weg, aber da hat er die Rechnung ohne den Herrn neben sich gemacht. Der SPD-Chef hat gerade aufgehört zu sprechen und schon zu einer demonstrativen scharfen Drehung angesetzt, als Martin Schulz noch schnell mit der Hand winkt. Gabriel muss sich widerwillig zurück in Ausgangsposition zurückschwingen. Er, Schulz, wolle ebenfalls noch etwas sagen zur Lage in der Ukraine. Was er dann, halb Staatsmann, halb Wahlkämpfer, auch tut. Gabriel muss schweigend warten.

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Selbstbewusstsein ist in den oberen Etagen des politischen Betriebes alles andere als selten. Aber dass ein Sozialdemokrat dem großen Vorsitzenden und Vizekanzler vor laufenden Kameras dirigiert, so wie an diesem Montagmorgen im Berliner Willy-Brandt-Haus, sieht man doch nicht alle Tage. Wahrscheinlich dürfte dies in diesen Tagen auch niemand außer Martin Schulz. Denn es ist Europawahlkampf, der erste Stimmungstest nach der Bundestagswahl. Und Schulz ist das Gesicht dieser Kampagne.

Für die Sozialdemokraten geht es am 25. Mai um mehr als eine Bestandsaufnahme, ob die deutschen Wähler den SPD-Kurs der großen Koalition goutieren. Der Stolz, den Deutschen Schulz als europäischen Spitzenkandidaten zu stellen, ist unübersehbar. Aber die Aussicht, dass Schulz zum Kommissionspräsidenten gewählt werden könnte – als erster Deutscher nach Walter Hallstein –, elektrisiert die Genossen erst recht.

Genüsslich zeigt die SPD wieder und wieder auf die Union, die weder ihren konservativen EU-Kandidaten Jean-Claude Juncker in Deutschland plakatiert noch so richtig den deutschen Frontmann David McAllister. Stattdessen: Merkel, wohin man blickt.

Schulz hingegen präsentierte am Montag mit Gabriel die zwei Plakate für die Schlussphase des Wahlkampfes: Einmal ist sein Gesicht in einer Größe zu sehen, die sich wahrscheinlich selbst Peer Steinbrück gewünscht hätte. Auf dem anderen steht nur ein Text, es ist eine lustvolle Attacke auf den Koalitionspartner: „Liebe CDU, wir zeigen unseren Spitzenkandidaten. Wo ist eigentlich eurer?“

Schulz‘ politischer Werdegang ist für die SPD ein Glücksfall. Kein abgehalfterter Altpolitiker, den in der Heimat keiner mehr will, kein Abgeschobener oder Gefallener, wie es sie in der Europapolitik so viele gab. Schulz hat, darauf weist er in seinen Reden gerne hin, seine Karriere in der Lokalpolitik begonnen, in den Achtzigerjahren wurde er mit Anfang 30 Bürgermeister in seiner Heimat Würselen. Nach Bonn oder später Berlin strebte er nie. Seit 1994 sitzt er schon im Europaparlament, dort stieg er auf, Karrieretreppchen für Treppchen. 2004 wurde er Fraktionsvorsitzender der Sozialisten, seit 2012 ist er Parlamentspräsident.

Schulz wurde, wie auch das Parlament selbst, immer mächtiger. Nun greift er nach der Kommissionspitze.

Letzte Woche war er in Spanien und Portugal, die nächsten Tage geht es nach Italien, Frankreich, Schweden. Schulz versucht tatsächlich einen europäischen Wahlkampf zu führen, der den Namen verdient. Er spricht fünf Sprachen, das bringt ihm viele Sympathien. Die Kritik der CSU, Schulz stamme aus Deutschland, seine "Stimme und die Inhalte aus den Schuldenländern", prallen an ihm ab. Der Sozialdemokrat sieht sich als Verkörperung des guten Brüssels, des kosmopolitischen, bunten, friedvollen und integrativen.

Das alleine die Herkunft aber auch Stoff für politische Attacken sein kann, musste er bereits 2003 erfahren: Da beleidigte Silvio Berlusconi ihn in einer hitzigen Debatte mit der Bemerkung, er werde ihn in einer Kinoproduktion als KZ-Aufseher vorschlagen – dafür sei er perfekt. Das Ergebnis: Feindschaft, bis heute.

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