Mieten freigegeben: Spaniens verordnetes Ladensterben

Mieten freigegeben: Spaniens verordnetes Ladensterben

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Der spanische Einzelhandel ist von Mietsteigerungen bedroht. Viele Ladenbetreiber mussten schon aufgeben.

von Karin Finkenzeller

30 Jahre lang schützte ein Gesetz Spaniens Einzelhandelsunternehmen vor Mietsteigerungen. Nach dem Ende des Moratoriums müssen viele aufgeben. Zu Besuch auf Madrids Einkaufsmeilen.

Pepa Eznarriaga hat die letzten Kartons aus dem Laden geschleppt und die Glastür hinter sich verschlossen. „Da drin haben wir ein Leben zurückgelassen und viele Erinnerungen“, sagt die 45-Jährige mit belegter Stimme. In vierter Generation führte sie bis vor wenigen Tagen das Spielwarengeschäft Así in Madrids Einkaufsmeile Gran Vía. Bis zum endgültigen Ladenschluss nach 72 Jahren haben sich hier Kunden gedrängt.

Ende 2014 lief in Spanien ein Gesetz aus, das alteingesessene Händler vor Erhöhungen ihrer Ladenmieten schützte. Was die Eigentümer der betreffenden Immobilien freut, bedeutet für Kritiker das Ende einer Kultur und die Verödung der Geschäftsstraßen mit zahlungskräftigen, aber langweiligen internationalen Ketten.

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Wissenswertes über Spanien

  • Nicht weit zum Strand

    Ob in Barcelona, Santander oder Málaga: Spaniens Bürger haben oftmals den Strand vor der Tür. Kein Wunder: Immerhin 4.064 Kilometer lang ist die spanische Küste. Die Fläche der Strände beträgt gar über 8000 Kilometer. Ausgerechnet die Hauptstädter müssen allerdings auf das Baden im Meer im Alltag verzichten. Sie sind gut 350 Kilometer vom Meer entfernt.

  • Stierkampf ist Kulturgut

    Die spanischen Stierkampf-Fans jubeln, Tierschützer sind empört: In der vergangenen Woche erklärte das Parlament das blutige Spektakel zum Kulturgut. Damit wird der Stierkampf, der in der heutigen Form in Spanien seit vier Jahrhunderten besteht, zum ersten Mal in der Geschichte gesetzlich anerkannt und einem besonderen Schutz unterstellt.

  • Spanien ist Exportweltmeister

    … allerdings nur beim Verkauf von Olivenöl. Fast die Hälfte (44 Prozent) aller verkauften Flaschen des Pflanzenöls kommen aus Spanien. Auch Autos und Kfz-Teile werden global verkauft, dazu Maschinen, Chemieprodukte und Nahrungsmittel. Deutschland ist zweitgrößter Handelspartner Spaniens nach Frankreich in Bezug auf die Exporte, bei den Importen Spaniens liegt Deutschland auf Platz eins (vor Frankreich).

  • Kein Abend ohne Tapas

    Tapas – das spanische Pendant zu Antipasti – gehören in Spanien zu einem guten Abend dazu. Die Appetithäppchen, die zu Wein oder Sangria gereicht werden, verzehrt man üblicherweise im Stehen. Meist werden sie kostenlos als Beilage zum Getränk serviert. Einer Legende zufolge soll König Alfons X. von Kastilien während einer Krankheit gezwungen gewesen sein, kleine Zwischenmahlzeiten zu sich zu nehmen. Nach seiner Genesung soll er veranlasst haben, Wein immer mit einem Appetithappen zu servieren. Dieser Brauch hält sich bis heute.

  • Spitzenreiter im Weinanbau

    Spanien hat mit 1,2 Millionen Hektar die größte Weinanbaufläche der Welt. Auf ihren Bodegas – so nennen sich die spanischen Weingüter – zaubern spanische Winzer aus mehr als 250 Rebarten die verschiedensten Sorten Wein. Damit werden die Spanier zum Spitzenreiter im Weinanbau.

Statt wie bisher 10.000 Euro im Monat verlangte der Besitzer nach Ende des Moratoriums 50.000 Euro von Eznarriaga. „Diese Summe ist utopisch, aber verhandeln kam für ihn gar nicht infrage.“ Kein Einzelfall. In Madrids Gran Vía oder auch der Calle Mayor, die wegen ihrer zentralen Lage und der Nähe zu Sehenswürdigkeiten von Einheimischen ebenso wie von Touristen frequentiert werden, reihen sich nun leere Schaufenster aneinander. Sie sind mit Packpapier verklebt, in manchen hängt ein Schild mit der Aufschrift „Se Alquila“ (zu vermieten) oder „Disponible“ (zur Verfügung), mit der dazugehörigen Telefonnummer eines Immobilienmaklers. In anderen warnen Eigentümer handschriftlich, dass jedes unerlaubte Anbringen von Werbung zur Anzeige gebracht wird.

Hoffnung auf bessere Zeiten Spanien ruft zur Aufholjagd

Das krisengeplagte Euro-Land startet hoffnungsfroh ins neue Jahr. Raus aus der Bankenaufsicht, steht die viertgrößte Volkswirtschaft der EU wieder auf eigenen Beinen – wenn auch auf wackeligen.

Quelle: dpa Picture-Alliance

Auch auf Barcelonas berühmten Ramblas oder in den Barrios mit ihren verwinkelten Gassen hinterlässt das Ladensterben hässliche Spuren. Es verschwinden kleine Buchläden, Musikantiquariate wie das vor 114 Jahren gegründete Emporium in Barcelona und die berühmten Ferreterías, in denen man von einzelnen Schrauben bis zur Saftpresse alles bekommt, was ein funktionierender Haushalt braucht. Schuhmacher, Geschäfte für handgefertigte Tischwäsche und Maßhemden schließen. Oder eben auch das Así mit seinen in Spanien produzierten Puppen, für die Eznarriagas Mutter bis zuletzt eigenhändig Kleider entwarf.

„Die Eigentümer haben jedes Recht, endlich Marktpreise zu verlangen“, sagt Angeles Perez, die bei der auf Immobilien spezialisierten Investmentfirma Jones Lang LaSalle in Madrid für die Bestlagen zuständig ist. In den vergangenen 30 Jahren war das unmöglich. Ein unter dem sozialdemokratischen Regierungschef Felipe González verabschiedetes Gesetz verfügte für zunächst zehn Jahre, dass bei Verträgen, die vor dem 9. Mai 1985 geschlossen wurden, die Ladenmieten jedes Jahr nur um die allgemeine Inflationsrate steigen durften. 1994 verlängerte er das Moratorium um weitere 20 Jahre – bis zum 31. Dezember 2014.

Spanien plant eine Steuerreform

  • Spitzensteuersatz

    Ein gutes Jahr vor den Parlamentswahlen plant Spaniens Regierung eine Steuerreform, die die Steuerzahler des Landes um insgesamt neun Milliarden Euro entlasten soll. Statt derzeit sieben soll es künftig nur noch fünf Steuerklassen geben, der Eingangs- und Spitzensteuersatz (derzeit 25 bis 52 Prozent) auf 19 bis 45 Prozent sinken; Familien mit Kindern und Pflegebedürftigen dürfen auf weitere Erleichterungen hoffen. Dafür soll der Spitzensteuersatz künftig schon ab einem jährlichen Bruttoeinkommen von 60.000 Euro gelten.

  • Körperschaftssteuer

    Auch den Unternehmen will die Regierung entgegenkommen. Der Körperschaftsteuersatz von derzeit 30 Prozent soll auf 28 Prozent im nächsten Jahr und auf 25 Prozent ab 2016 fallen. Gleichzeitig sollen die Unternehmen künftig weniger Möglichkeiten haben, ihre zu versteuernden Einnahmen durch Abschreibungen oder Minderung der Vermögenswerte zu senken.

  • Brüssel

    Zwar betonte Wirtschaftsminister Luis de Guindos, die Reform befände sich „in Einklang mit den Empfehlungen aus Brüssel“. Dort drängt sich allerdings der Eindruck auf, das Land tanze aus der Reihe: „Die Maßnahmen erschweren die Einhaltung des Defizitabbaus, zu dem Spanien sich verpflichtet hat“, bemängelte die EU-Kommission. Die Beamten in Brüssel haben dabei nicht unbedingt etwas gegen Erleichterungen bei den direkten Steuern, drängen aber darauf, den Ausfall durch höhere Einnahmen bei indirekten Steuern zu kompensieren.

  • Strukturelles Defizit senken

    Um wie geplant das Defizit bis 2016 unter die Maastricht-Schwelle von drei Prozent zu drücken, müsste die spanische Regierung nach Schätzung der EU-Kommission ihr strukturelles Defizit im nächsten Jahr um 0,8 Prozent und 2016 um 1,2 Prozent senken. Das aber ist mit den jetzt verkündeten Steuergeschenken noch schwieriger geworden.

Das Gesetz schützte die Altmieter sowohl während des Immobilienbooms, als die Preise explodierten, als auch seit Beginn der Krise 2007, als Konsum und Umsätze einbrachen. In der Bestlage der Gran Vía ab der Metrostation Callao Richtung Plaza de los Cibeles können heute ohne Probleme 150 bis 300 Euro pro Quadratmeter verlangt werden, sagt Perez. Das ist bis zu 15-mal mehr, als zuletzt häufig bezahlt wurde.

Der Spielwarenhändlerin Eznarriaga und ihren acht Angestellten wurde das zum Verhängnis. Ihre 500 Quadratmeter lagen in der Nachbarschaft großer Theater und Boutiquen internationaler Modemarken. Eznarriaga hat noch drei weitere Geschäfte in Madrid. „Aber keines liegt in so exponierter Lage. Auf der Gran Vía haben wir 60 Prozent des Umsatzes gemacht. Um Weihnachten herum, wenn das Schaufenster besonders schön dekoriert war, kam der Verkehr auf der Straße zum Erliegen.“

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