Nach VW-Skandal: EU-Parlament stimmt für Kompromiss bei Pkw-Abgastests

Nach VW-Skandal: EU-Parlament stimmt für Kompromiss bei Pkw-Abgastests

, aktualisiert 03. Februar 2016, 14:16 Uhr

Das EU-Parlament hat den geplanten neuen Rahmen für realistischere Abgastests für Autos mit Dieselmotor akzeptiert. Umweltverbände hatten strengere Grenzwerte gefordert, Politiker sprechen von einem „Sieg der Vernunft“.

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Künftig sollen Autoabgase in der EU nicht nur auf dem Prüfstand, sondern auch auf der Straße gemessen werden.

Das EU-Parlament hat der Einführung neuer Abgastests für Neuwagen ab 2017 grünes Licht gegeben. Mit knapper Mehrheit lehnten es die Abgeordneten am Mittwoch in Straßburg ab, den Kompromiss zwischen EU-Staaten und EU-Kommission zurückzuweisen. Umweltverbände und die Bürgermeister mehrerer europäischer Großstädte wie Paris, Madrid und Mailand hatten die Parlamentarier dazu aufgerufen, ein Veto einzulegen und für strengere Vorgaben zu kämpfen. Mit der Einführung der neuen RDE-Abgastests auf der Straße sollen in der EU realistischere Ergebnisse erzielt und Manipulationsversuche verhindert werden. Das Thema hatte durch den Abgasskandal bei Volkswagen auf EU-Ebene weitere Brisanz erhalten.

Die europäischen Autobauer begrüßten die Entscheidung im Straßburger Plenum. Der EU-Abgeordnete Herbert Reul (CDU) nannte das Votum einen „Sieg der Vernunft“. Die neuen Werte könnten auch Städte und Gemeinden bei der Luftreinheit helfen. In Deutschland war zuletzt vor allem Stuttgart von hohen Schadstoff-Belastungen in der Luft betroffen.

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Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

  • Die Vorgaben in Deutschland

    Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

  • Wer testet?

    Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

  • Kritik an Prüfung

    Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

  • Weitere Prüfungen

    Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

  • Geplante neue Prüfmethode

    Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Der im Oktober gefundene Kompromiss zwischen EU-Kommission und Mitgliedsländern sieht vor, dass ab 2017 neue Fahrzeugmodelle einen 110 Prozent höheren Wert (Faktor 2,1) bei Stickstoffoxiden aufweisen dürfen, bevor die Grenze ab 2020 auf 50 Prozent (Faktor 1,5) sinkt. Bei der Zulassung von Neuwagen sollen die Regeln ab 2019 beziehungsweise 2021 gelten. Die EU-Kommission hatte ursprünglich vorgeschlagen, dass die Straßenmesswerte die vorgeschriebene Grenze von 80 Milligramm pro Kilometer um 60 Prozent gegenüber den Laborergebnissen überschreiten dürfen. Dies wurde von der Mehrheit der EU-Staaten aber abgelehnt.

„Das heutige Votum der EU-Parlamentarier ist eine gute Nachricht, für den Verbraucher und den Umweltschutz“, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA) laut einer Mitteilung. „Die Abgasmessungen im Straßenverkehr bringen den Kunden mehr Klarheit und Zuverlässigkeit.“ Die Anforderungen seien sehr ehrgeizig. „Im Vergleich zum heutigen Bestand bedeutet das eine Schadstoffsenkung von 78 Prozent. Bis 2020 werden dann weitere 29 Prozent reduziert.“

Umweltverbände kritisieren jedoch die schnelle Einführung der RDE-Tests, da sie mit dem Konformitätsfaktor in ihren Augen die heutigen Grenzwerte aufweichen. „Zwar wurden damit die Hürden für die Einführung der Schadstoffmessung im Verkehr ab 2017 beseitigt, aber das zu fatalen Bedingungen“, sagt Gerd Lottsiepen, Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). „Das unter Druck gesetzte Parlament kommt allein der Autoindustrie entgegen, auf Kosten der Gesundheit der Menschen. Denn laut dem heutigen Abstimmungsergebnis, darf der Ausstoß von Stickoxiden bei Dieselfahrzeugen ab 2017 doppelt so hoch sein wie der heutige Grenzwert.“ 

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