
WirtschaftsWoche: Herr Baverez, was bedeutet der Verlust des Triple-A-Ratings für Frankreich?
Nicolas Baverez: Die Herabstufung ist Folge der Unfähigkeit zu Reformen, Barometer und Symbol des französischen Niedergangs. Frankreich ist dabei, die Kontrolle über sein Schicksal zu verlieren. Auf Dauer droht dem Land wegen der Explosion seiner Schulden und der wirtschaftlichen Stagnation die Zahlungsunfähigkeit. Frankreich wird weit hinter Deutschland zurückgeworfen, das allein die Führungsrolle in Kontinentaleuropa übernimmt.
Schon seit 2009 schlittert Frankreich immer tiefer in die Krise.
Ja, weil Sarkozy viel zu früh der Auffassung war, die Krise sei vorbei, und er könne weitermachen wie vorher. Frankreichs Wirtschaft lebt von einem Konsum, der weitgehend durch Sozialtransfers finanziert wird. Diese machen mittlerweile 33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. All das wird finanziert durch öffentliche Verschuldung. Die Vorstellung, neue Schulden seien das beste Mittel gegen die übermäßige Verschuldung, ist falsch und wird den Niedergang Frankreichs beschleunigen.
Quelle: dapdWie die Ratingagenturen die Staaten bewerten
Die Ratingagentur S&P hat Frankreich die Topnote entzogen, das sogenannte „Triple A“. Bereits im November hatte die Agentur die zweitgrößte europäische Volkswirtschaft herabgestuft - allerdings nur versehentlich aufgrund eines „technischen Fehlers“.Ratings (S&P/Moody's/Fitch): AA+/Aaa/AAA
Quelle: ReutersÖsterreich hat sein Spitzenrating verloren, jedenfalls wenn es nach S&P geht. Experten bemängeln, die Regierung von Kanzler Werner Faymann spare nicht ausreichend. Zudem ist die österreichische Wirtschaft stark mit der italienischen verwoben. Wenn die Krise im Nachbarland weitergeht, könnte andere Agenturen bald folgen. Moody`s reagierte moderater und senkte nur den Ausblick, ließ aber das Rating erstmal konstant.
Ratings (S&P/Moody's/Fitch): AA+/Aaa/AAA
Quelle: dpaWie die Ratingagenturen europäische Staaten bewerten
Ungarn: Der Hilferuf kam zu spät. In der vergangenen Woche hatte die ungarische Regierung den Kontakt zur EU-Kommission und zum Internationalen Währungsfonds gesucht. Eine Finanzspritze sollte verhindern, dass die Ratingagenturen das Land abwerten. Genau dies ist nun passiert. Moody's senkte die Bonität Ungarns auf Ramschniveu herab. Der Grund sei die hohe Staatsverschuldung, die bei 73 Prozent des BIPs liegt. Der Ausblick bleibe laut Moody's weiterhin negativ. Für Ungarn wird damit die Aufnahme neuer Kredite wesentlich teurer.
Quelle: dpaPortugal war das zweite europäische Land, das die Ratingegenturen Anfang Juli auf Ramschniveau herabstuften. Zuletzt war es etwas ruhiger um Portugal geworden. Jetzt hat die Ratingagentur Fitch die Bewertung des Landes von "BBB-" auf "BBB+" gesenkt. Der Ausblick sei negativ, Portugal habe keinen Status als Investment-Land mehr. Die Ratingagentur rechnet damit, dass die portugiesische Wirtschaft nächstes Jahr um drei Prozent schrumpft.
Quelle: dpaDie Ära Silvio Berlusconi ist zu Ende, Mario Monti übernimmt. Doch die Probleme Italiens wachsen weiter. Der italienische Schuldenberg ist der zweitgrößte in Europa. Nur Griechenland hat noch mehr Schulden. Alle drei großen Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit des Landes herabgestuft, weitere Negativurteile drohen. An den Anleihemärkten sind die Renditen inzwischen auf Niveaus gestiegen, zu denen sich Italien kaum noch refinanzieren kann.
Rating (S&P/Moody's/Fitch): A/A2/A-
Quelle: ReutersIn Griechenland ging es nicht nur beim Rating bergab. Auch die Regierung brach wegen der Schuldenkrise ein: Der ehemalige EZB-Stellvertreter Lucas Papademos (Foto) beerbte Giorgos Papandreou als Regierungschef in Griechenland. Die Ratingagenturen haben den Daumen über Griechenland längst gesenkt. Bereits im Juni 2011 stuften sie das Land als erstes aus Europa auf Ramschniveau herab. Mitte März verbesserte Fitch das Rating wieder von C auf B-.
Rating (S&P/Moody's/Fitch): SD/C/B-
Quelle: dapdPremierminister José Luis Rodriguez Zapatero wird die Sorgenfalten nicht los. Spanien bewertet die Ratingagentur Fitch seit Ende Januar mit A statt AA-minus.
Die Ratingagentur Moody’s hatte die Bonitätsnote von Spanien bereits im Herbst um zwei Stufen gesenkt, auf "A1". Die Ratingagentur setzte zudem den Ausblick für die Note auf "negativ", in Zukunft sind also weitere Abstufungen möglich. Spanien bleibe in der Krise weiterhin für Marktturbulenzen anfällig, erläuterten die Bonitätswächter. Das Land habe einen großen Finanzierungsbedarf und außerdem hoch verschuldete Banken und Konzerne. Zudem werde ein schwaches Wirtschaftswachstum das Erreichen der ehrgeizigen Sparziele erschweren. S&P hat seine Drohungen wahr gemacht und das Land als eines von neun Euro-Staaten herabgestuft.
Quelle: dpaNach Griechenland und Portugal hatte Moody's im vergangenen Jahr auch Irland auf Ramsch-Niveau herabgestuft. Diesmal ging es nicht weiter runter. Das Land wird schon seit Juli nur noch mit "Ba1" bewertet und der Ausblick bleibt negativ. Moody's begründete die Herabstufung mit der wachsenden Wahrscheinlichkeit, dass Irland weitere Finanzhilfen von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds benötige, bevor es an die Finanzmärkte zurückkehren könne. Andere Ratingagenturen sahen das allerdings noch anders: Chris Pryce, Kredit-Analyst bei Fitch Ratings, bezeichnete einen Zahlungsausfall Irlands als "sicherlich" unwahrscheinlich. Irland werde "für ein gutes Jahr" keine zusätzlichen Gelder brauchen.
Ratings (S&P/Moody's/Fitch): BBB+/Ba1/BBB+
Quelle: dpaSchwere Zeiten für Zyperns Präsident Dimitris Christofias: Bei S&P liegt das Land mittlerweile auf Ramsch-Niveau. Bei Fitch liegt die Bonitätsnote mit BBB- noch eine Stufe über dem Junk-Bereich, bei Moody's seit der jüngsten Herabstufung Anfang November nur noch eine.
Ratings (S&P/Moody's/Fitch): BB+/BBB-
Quelle: ReutersAuch für das Rating von Belgien ging es zuletzt runter. S&P begründete die Entscheidung mit dem gestiegenen Druck der Finanzmärkte auf Belgien. Dieser würde auch das Finanzsystem belasten. Finanzinstitute könnten mehr Unterstützung durch den belgischen Staat benötigen. Dies könnte den bereits hohen Schuldenstand von Belgien von rund 97 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2011 über die Marke von 100 Prozent treiben, fürchtet zuletzt S&P.
Ratings (S&P/Moody's/Fitch): AA/Aa3/AA
Wie die Ratingagenturen die Staaten bewerten
Die Ratingagentur S&P hat Frankreich die Topnote entzogen, das sogenannte „Triple A“. Bereits im November hatte die Agentur die zweitgrößte europäische Volkswirtschaft herabgestuft - allerdings nur versehentlich aufgrund eines „technischen Fehlers“.
Ratings (S&P/Moody's/Fitch): AA+/Aaa/AAA
Sie sehen also keine Rettung?
Die Wachstumsrate liegt um die null, die Arbeitslosenquote beträgt mehr als zehn Prozent, das Außenhandelsdefizit liegt bei der Rekordsumme von 75 Milliarden Euro, Defizit und Schuldenstand ufern unkontrolliert aus. Die Privatwirtschaft befindet sich im freien Fall. Der öffentliche Sektor beschäftigt 5,4 Millionen Beamte, 500 000 mehr als in Deutschland, das 20 Millionen Einwohner mehr zählt.
Was wäre denn zu tun?
Das, was andere Länder auch gemacht haben. Kanada hat seinen Staat reformiert und die öffentlichen Ausgaben in den Griff bekommen, Schweden hat seine Banken restrukturiert und sein Sozialsystem auf eine neue Grundlage gestellte, Deutschland hat unter Bundeskanzler Gerhard Schröder wieder einen leistungsfähigen Produktionsapparat aufgebaut.
Wo müsste man in Frankreich ansetzen?
Zuallererst muss man die öffentlichen Finanzen in den Griff bekommen, indem man bis 2016 etwa 120 Milliarden Euro einspart. Das muss zu 80 Prozent durch Ausgabensenkungen geschehen, die speziell Sozialtransfers betreffen, und zu 20 Prozent durch gezielte Steuererhöhungen sowie durch Privatisierungen.













