Notenbanken: Gefährliches Geld aus dem Nichts

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Notenbanken: Gefährliches Geld aus dem Nichts

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Banken können quasi auf Knopfdruck Geld bei den Notenbanken schöpfen - Risiken und Nebenwirkungen inklusive

von Malte Fischer

Durch das Öffnen der Geldschleusen haben die Notenbanker die Weltwirtschaft gerettet. Doch ist die Geldflut mit schädlichen Nebenwirkungen verbunden, ihr Erfolg erweist sich als Pyrrhussieg.

Die globalen Schockwellen, die das jüngste Börsenbeben in China ausgelöst hat, erreichen die Sitzungssäle der westlichen Notenbanken. Sowohl in den USA als auch in Europa denken die Währungshüter darüber nach, wie sie am besten auf die Volten an den Finanzmärkten und die Sorge vor einem China-Crash reagieren sollen. In den USA erwägt die Notenbank Fed, ihre für Mitte September anvisierte Zinserhöhung  zu verschieben. In Europa lassen Äußerungen führender Vertreter der EZB über eine mögliche Verlängerung ihres Anleihekaufprogramms aufhorchen. Das maue Wachstum und die niedrige Inflation von zuletzt 0,2 Prozent sind den Eurohütern ein Dorn im Auge. Analysten und Börsianer sind daher gespannt, ob EZB-Chef Mario Draghi nach dem geldpolitischen Treffen an diesem Donnerstag Hinweise auf eine mögliche Verlängerung des Kaufprogramms gibt.

Die Notenbanker des Westens stehen unter Druck. Denn sie haben einen Ruf zu verlieren. Es ist noch nicht lange her, da lobte Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Notenbanker als  „Helden der Krise“.  Mit dem Öffnen der Geldschleusen, so erklärte Lagarde, hätten die Währungshüter die Wirtschaft nach der Lehman-Pleite vor dem Absturz bewahrt.  Mit diesem Urteil steht die IWF-Chefin nicht allein. Viele Ökonomen betrachten das beherzte Eingreifen der Notenbanker in den USA, Großbritannien, Japan und der Euro-Zone als den entscheidenden Rettungsring, der die Weltwirtschaft nach der Lehman-Pleite vor dem Absaufen bewahrte.

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Notenbanken rund um den Globus lockern ihre Geldpolitik

  • Immer mehr Notenbanken senken weltweit die Zinsen

    Im Kampf gegen einen gefährlichen Abwärtssog aus fallenden Preisen und schrumpfenden Investitionen senken immer mehr Notenbanken weltweit die Zinsen. Ein Überblick über die einzelnen Schritte seit dem 1. Januar.
    Quelle: Reuters; Stand März 2015

  • 1. Januar - Usbekistan

    Die Zentralbank von Usbekistan setzt ihren Refinanzierungssatz auf neun Prozent von bislang zehn Prozent nach unten.

  • 15. Januar - Schweiz

    Die Schweizer Notenbank (SNB) vollzieht eine radikale Kehrtwende und schafft den Mindestkurs des Franken zum Euro ab. Die Währungshüter begründen ihre überraschende Entscheidung mit dem immer stärker werdenden Dollar und dem anhaltend fallenden Euro. Gleichzeitig wird der Strafzins auf Einlagen von Banken bei der Notenbank auf 0,75 Prozent von 0,25 Prozent angehoben.

  • 15. Januar - Ägypten

    Die Notenbank von Ägypten senkt überraschend die Leitzinsen um 0,5 Punkte. Die Sätze für Übernachteinlagen und Kredite werden auf 8,75 beziehungsweise 9,75 Prozent gekürzt.

  • 16. Januar - Peru

    Perus Zentralbank senkt überraschend den Leitzins auf 3,25 von bislang 3,5 Prozent. Konjunkturdaten für das Land, die kurz vorher veröffentlicht wurden, waren sehr schwach ausgefallen.

  • 21. Januar - Kanada

    Die Bank von Kanada senkt die Zinsen auf 0,75 Prozent. Damit beendete sie den längsten Zeitraum mit unveränderten Zinsen seit 1950 - seit September 2010 hatte der Schlüsselzins bei einem Prozent gelegen.

  • 22. Januar - EZB

    Die Europäische Zentralbank (EZB) kündigt eines der bislang größten Anleihe-Kaufprogramme aller Zeiten an. Insgesamt wollen die Währungshüter Staatsbonds sowie andere Wertpapiere im Volumen von 1,14 Billionen Euro erwerben. Mit den Käufen soll im März begonnen werden.

  • 24. Januar - Pakistan

    Pakistans Zentralbank senkt den Leitzins auf 8,5 von bislang 9,5 Prozent. Sie begründete dies mit einem schwächeren Inflationsdruck im Zuge der weltweit sinkenden Ölpreise.

  • 28. Januar - Singapur

    Die Zentralbank von Singapur (MAS) lockert ihre Geldpolitik, um die niedrige Inflation anzuheizen. Sie kündigt an, den Kursanstieg des Singapur-Dollar gegen einen Korb ausländischer Währungsmittel einzudämmen. Die Inflationserwartungen hätten sich seit Oktober 2014 erheblich verändert, begründeten die Notenbanker des Stadtstaats den Schritt.

  • 28. Januar - Albanien

    Die albanische Notenbank setzt den Schlüsselzins herab auf das Rekordtief von zwei Prozent. Im vergangenen Jahr hatte sie die Zinsen bereits drei Mal gesenkt, zuletzt im November.

  • 30. Januar - Russland

    Russlands Notenbank kappt den Schlüsselzins für die Versorgung der Banken mit Geld auf 15 von 17 Prozent. Das ist eine scharfe Kehrtwende, da die Notenbank 2014 die Zinszügel erst kräftig angezogen hatte. Die westlichen Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts und der Ölpreisverfall haben eine Kapitalflucht aus Russland ausgelöst und den Rubel auf Talfahrt geschickt.

  • 3. Februar - Australien

    Die australische Zentralbank RBA senkt den Leitzins auf ein Rekordtief. Der Schlüsselzins liegt damit nun bei 2,25 Prozent. Mit dem Schritt wollen die Währungshüter unter anderem die Konjunktur ankurbeln.

  • 4. Februar/ 7. Januar - Rumänien

    Rumäniens Zentralbank senkt in zwei Schritten den Leitzins um insgesamt 0,5 Punkte auf ein Rekordtief von 2,25 Prozent.

  • 5. Februar/ 29. Januar/ 22. Januar/ 19. Januar - Dänemark

    Die dänische Zentralbank setzt vier Mal innerhalb weniger als drei Wochen ihre Leitzinsen herab. Sie interveniert zudem regelmäßig am Devisenmarkt, um die Koppelung der Krone an den Euro zu verteidigen.

  • 12. Februar - Schweden

    Schwedens Zentralbank senkt ihren Leitzins für Wertpapier-Rückkaufgeschäfte mit den Geschäftsbanken - den sogenannten Repo-Satz - auf minus 0,1 Prozent von zuvor null Prozent. Zugleich kündigt sie an, für zehn Milliarden Kronen Staatsanleihen zu kaufen.

  • 17. Februar - Indonesien

    Die Zentralbank von Indonesien setzt überraschend die Zinsen um 0,25 Punkte auf 7,5 Prozent herab. Es ist die erste Senkung seit drei Jahren. Volkswirte hatten dies nicht erwartet.

  • 18. Februar - Botsuana

    Die Notenbank von Botsuana senkt ihren Leitzins um einen Punkt auf 6,5 Prozent. Die Konjunkturentwicklung und die Inflationsaussichten würden einen solchen Schritt ermöglichen, erklärten die Währungshüter des afrikanischen Landes.

  • 23. Februar - Israel

    Die Bank von Israel kappt ihren Leitzins auf 0,1 von bislang 0,25 Prozent. Es ist die erste Senkung seit sechs Monaten. Hintergrund ist unter anderem der Kampf gegen Deflationsgefahren und die Aufwertung der Landeswährung Schekel.

  • 24. Februar/ 20. Januar - Türkei

    Die Zentralbank der Türkei senkt ihren Schlüsselzins in zwei Schritten um insgesamt 0,75 Punkte auf 7,5 Prozent. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu forderte nach der zweiten Zinslockerung die Notenbank auf, noch größere Schritte einzuleiten, um die Wirtschaft anzukurbeln.

  • 28. Februar - 4. Februar - China

    Die chinesische Notenbank senkt ihren Schlüsselzinssatz auf 5,35 von zuvor 5,6 Prozent. Der neue Satz sei der Entwicklung des Wirtschaftswachstums, den Preisen und der Beschäftigungslage angemessen. Die Zentralbank hatte zuvor bereits Anfang Februar angekündigt, dass die Finanzinstitute künftig nicht mehr so viel Kapital als Mindestreserve bereithalten müssen. Damit soll für mehr Liquidität im Finanzkreislauf der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft gesorgt und die Kreditvergabe angeschoben werden.

  • 4. März/ 15. Januar - Indien

    Die indische Notenbank setzt den Leitzins in zwei Schritten um jeweils 0,25 Punkte auf 7,5 Prozent nach unten. Die Reserve Bank of India (RSB) reagiert mit der geldpolitischen Lockerung auf zuletzt magere Konjunkturdaten zur Produktion und Kreditvergabe. Indiens Wirtschaft durchläuft derzeit eine Phase vergleichweise schwachen Wachstums.

In dem Kampf gegen die Krise zogen die Währungshüter alle Register. Erst schleusten sie die Leitzinsen auf nahezu null Prozent herunter,  dann legten sie großvolumige Geldleihgeschäfte für die Geschäftsbanken auf.  Anschließend pumpten sie durch den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren frisches Zentralbankgeld in den Bankensektor und drückten so die Renditen auf breiter Front nach unten.

Eine aktuelle Studie aus dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel stützt die These, dass die  Notenbankern die Welt damals vor Schlimmerem bewahrten. Die IfW-Ökonomen Nils Jannsen, Galina Potjagailo und Maik Wolters haben untersucht, wie expansive geldpolitische Maßnahmen in Finanzkrisen auf wirtschaftliche Größen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Inflation, die Kreditvergabe, die Aktienkurse und das Verbrauchervertrauen wirken. Dabei definierten sie Finanzkrisen als schwere Krisen des Bankensektors, die mit  Bank-Runs, Wertberichtigungen und Bankenschließungen einhergehen. Für die Studie nahmen die IfW-Ökonomen die Entwicklung in 20 Industrieländern im Zeitraum von 1984 bis 2013 unter die Lupe. Insgesamt entdeckten sie 20 Finanzkrisen, die im Schnitt jeweils 4,5 Jahre dauerten.

EZB-Kaufprogramm Zentralbank hält Tempo der Anleihekäufe

Die EZB hat in der vergangenen Woche Anleihen für 9,8 Milliarden Euro gekauft und behält damit ihre bisherige Geschwindigkeit bei. Das groß angelegte Kaufprogramm soll die Inflation und Konjunktur anschieben.

Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Quelle: dpa

Die IfW-Forscher fanden heraus, dass die Wirkung der Geldpolitik entscheidend davon abhängt, in welcher Phase sich die Finanzkrise befindet. In der Akutphase, wenn das BIP schrumpft, kurbelt die Lockerung der Geldpolitik das Wachstum und die Inflation demnach an. Denn das beherzte Eingreifen der Notenbanker verringert die um sich greifende Unsicherheit. Die Aktienkurse steigen wieder, das Vertrauen der Verbraucher kehrt zurück. Das stimuliert  die Investitions- und Konsumneigung.

Dagegen läuft die geldpolitische Lockerung ins Leere, wenn sich die Wirtschaft bereits auf dem Weg der Besserung befindet. In dieser Phase sind die Bürger und die Unternehmen damit beschäftigt, ihre Schulden abzubauen. Daher reagieren sie kaum auf niedrigere Zinsen. Sie neigen sogar dazu,  Zinssenkungen als Signal für wirtschaftliche Schwierigkeiten zu interpretieren. Das kann zu Attentismus bei Investitionen und Konsum führen und die Konjunktur dämpfen.

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