Oliver Wyman: Unter schwerem Beschuss

Oliver Wyman: Unter schwerem Beschuss

von Cornelius Welp

Die US-Unternehmensberatung hat viel Einfluss auf den EZB-Stresstest. Kritiker meinen: zu viel.

Der Raum ist fensterlos, die Vortragenden leiern ihre Zahlen runter, sehen in ihnen „robuste Belege“ und „starke Beweise“ und lassen eine PowerPoint-Folie der nächsten folgen. Ihre Erkenntnis ist nicht gerade umwerfend: Für den Finanzplatz London wäre es besser, wenn Großbritannien nicht aus der EU austritt. Das Ganze ist so öde, dass sich selbst Zuseher des 13-minütigen Videozusammenschnitts schnell nach einer Kaffeepause sehnen.

Dennoch sorgt das Londoner Treffen Ende April in europäischen Bank- und Aufsichtskreisen für Aufregung. Organisiert hat es mit „TheCityUK“ eine Lobbygruppe, die einen „weltweit wettbewerbsfähigen britischen Finanzsektor“ fördern will. Einer der Vortragenden ist Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Und dürfte deshalb gar nicht da sein. „Wenn Oliver Wyman für eine britische Lobbyorganisation arbeitet, hat das mehr als nur einen Beigeschmack. Das ist ein handfester Interessenkonflikt“, heißt es in Finanzkreisen.

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Warum das? Oliver Wyman unterstützt derzeit die Europäische Zentralbank (EZB) beim Stresstest. Da die Zentralbank die Bankenaufsicht erst noch aufbauen muss, hat sie eine ganze Reihe von Helfern engagiert. Die Personalberatung Egon Zehnder sucht nach Experten, Wirtschaftsprüfer kontrollieren die Bewertungen in den Bankbilanzen. Und Oliver Wyman hilft bei der Organisation des Stresstests. Was auch immer das heißt. Dass die Funktion nicht klar umrissen ist, sorgt in der Branche für Sorgen.

Die drei Säulen der Bankenunion

  • Die Bankenaufsicht

    Ab November überwacht eine neue Behörde unter dem Dach der Europäischen Zentralbank die 130 wichtigsten Banken der Euro-Zone. Kleinere Banken bleiben unter direkter Aufsicht der nationalen Behörden.

  • Die Bankenabwicklung

    Ein spezielles Gremium, dem Vertreter der EU-Kommission, der Länder und der nationalen Aufsichtsbehörden angehören, wickelt Banken notfalls ab. Aus einem Abwicklungsfonds, der von den Banken gespeist wird, werden eventuelle Ansprüche der Gläubiger bedient.

  • Einlagensicherung

    Künftig soll es im Rahmen der Bankenunion auch einen gemeinsamen Schutz der Bankguthaben im Euro-Raum geben. Dieses Projekt liegt auf Eis.

Ergattert hat Oliver Wyman den Auftrag im vergangenen Herbst nach einer regulären Ausschreibung. Geholfen hat dabei ein erfolgreiches Großprojekt. Ein Jahr zuvor hatte Oliver Wyman die spanischen Banken innerhalb von nur sechs Wochen einem Stresstest unterzogen. Das Verfahren lief weitgehend reibungslos, die Beratung ermittelte einen Kapitalbedarf von 60 Milliarden Euro. Dann war Ruhe. Neue Lücken rissen erst mal nicht auf.

Der Auftrag von der EZB soll der Beratung weiter Auftrieb geben. Dafür nimmt Oliver Wyman einiges in Kauf: Das Unternehmen ist von allen Projekten in allen Banken ausgeschlossen, die irgendwie mit dem Stresstest in Zusammenhang stehen. Damit ließe sich im Zweifel sogar mehr verdienen. Doch wenn die Übung gelingt, so die Erwartung, steigert das die Reputation enorm.

Oliver Wyman will und darf sich zu Details des Verfahrens nicht äußern. Dem Umfeld der Beratung ist es aber wichtig, dass es tatsächlich um das Verfahren geht. Also um technische Fragen und die Organisation von Abläufen. Das fängt beim Design des Tests an und reicht bis zur Qualitätssicherung. Vor allem geht es um den Umgang mit einer unvorstellbar großen Menge von Daten. Die Beratung hilft dabei, diese zu erheben, zu ordnen und sinnvoll zu verwenden. Die Bewertung der Daten sei aber ganz allein die Aufgabe der EZB, heißt es. Dass die Berater, die seit Monaten bei der Zentralbank ein- und ausgehen, die wahren Herren des Verfahrens sind, weisen sie von sich.

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Die Kritiker beruhigt das nicht. Sie monieren etwa, dass die Beratung die Banken mit einem ganz eigenen Modell unter Beschuss nimmt, das wenig bis nichts mit herkömmlichen Bilanzierungsmethoden zu tun hat. Ihre größte Sorge ist jedoch, dass Daten und Erkenntnisse später für Projekte in Banken verwendet werden. „Eine Beratung ist nur bedingt geeignet für diese Aufgabe“, sagt der Vorstand eines Branchenverbands. Deutlich wohler hätte er sich etwa mit einer Gruppe hochrangiger Experten aus den nationalen Aufsichtsbehörden gefühlt.

Bei Oliver Wyman heißt es, harte Grenzen und Kontrollen würden sicherstellen, dass die Daten nicht zweckentfremdet verwendet werden. Doch das Unbehagen bleibt. „Es ist sicher kein Idealzustand, aber in der Kürze der Zeit geht es nicht anders“, sagt ein hochrangiger deutscher Aufseher. Und geht davon aus, dass die Berater sich an alle Restriktionen halten. Eins aber ist klar: „Die EZB muss ihre Arbeit möglichst bald selbst machen.“

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