Peter Hartz: "Wir brauchen 215 Milliarden Euro gegen Jugendarbeitslosigkeit"

Peter Hartz: "Wir brauchen 215 Milliarden Euro gegen Jugendarbeitslosigkeit"

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Der frühere Regierungsberater und Personalvorstand von VW, Peter Hartz, macht sich gegen Jugendarbeitslosigkeit stark.

Mehr als fünf Millionen arbeitslose Jugendliche in Europa - dagegen will Peter Hartz etwas tun. Ein neues Konzept soll das Übel bei der Wurzel packen und für die nötige Finanzierung sorgen - gebraucht werden Milliarden.

Peter Hartz - mit seinem Namen ist in Deutschland fest die Sozialhilfe verbunden. Nun macht sich der 72-Jährige im Kampf gegen die europäische Jugendarbeitslosigkeit stark. Dabei gehe es ihm nicht darum, seinen Ruf wiederherzustellen, wie Hartz im Interview mit dem "Handelsblatt" betont. "Vergessen Sie meinen Ruf. Den haben wir alle gemeinsam ruiniert. Ich selber ja mit", ruft er aus. Doch das Problem der Jugendarbeitslosigkeit könne man nicht länger ignorieren. Es sei lösbar, so Hartz, "und wenn man weiß, wie es geht, muss man doch was sagen".

Seit sechs Jahren arbeitet der ehemalige Regierungsberater und Ex-Vorstand von VW mit Wissenschaftlern an einem Konzept gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Dies will er nun nächste Woche auf einem Kongress in Saarbrücken veröffentlichen und mit Politikern, Bankern, Praktikern und Wissenschaftlern diskutieren. Sein neuer Plan soll den 5,5 Millionen arbeitslosen Jugendlichen endlich helfen. "Wir können nicht noch einmal ein paar Jahre warten", betont Hartz die Dringlichkeit der Lage.

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Auch Abbrecher erreichen

Hartz kritisiert die bisherigen Programme der EU als unzureichend: "Die Bürokratie weiß nicht, wo die Jobs sind und wo sie ansetzen soll". Als Beispiel nennt er die Vermittlungspraxis, die noch immer an formalen Abschlüssen ansetze. Das will Peter Hartz mit seinem Konzept nun besser machen. Mit Hilfe moderner Forschungsmethoden soll bei den Jugendlichen herausgefunden werden, was sie tatsächlich gut können und was sie interessiert. "Jeder hat Talente, auch die Jugendlichen mit abgebrochener Ausbildung", unterstreicht Hartz.

Was macht die EU gegen Jugendarbeitslosigkeit?

  • EU-Fördergelder

    Für die sogenannte Jugendgarantie sind sechs Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 einplant. Auf diese EU-Gelder können die Staaten zurückgreifen, um Menschen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten zu einer Arbeit, einer Ausbildungsstelle oder einem Praktikum zu verhelfen. Die EU-Kommission setzt sich dafür ein, dass vorgesehene Fördergelder schneller zum Einsatz kommen und schon in den kommenden beiden Jahren verwendet werden. Allerdings steht die endgültige Einigung auf den Finanzrahmen 2014 bis 2020 der Union noch aus.

  • Europäische Investitionsbank

    Schon 2012 hatten die EU-Staats- und Regierungschefs beschlossen, das Kapital der Hausbank der EU um 10 Milliarden Euro aufzustocken, um sie schlagkräftiger zu machen. EIB-Präsident Werner Hoyer hat nun im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit eine Vorfinanzierung von EU-Initiativen angeboten. „Wir sollten überlegen, das vorzufinanzieren, um rasch Wirkung zu erzielen“, sagte Hoyer der „Welt am Sonntag“.

  • Kampf gegen Kreditklemme

    Die EU verstärkt ihren Kampf gegen die gefährliche Kreditklemme für Mittelständler in südeuropäischen Krisenländern. EU-Kommission und Europäische Investitionsbank (EIB) wollen dafür EU-Töpfe wie Regionalförderung und Forschungsrahmenprogramm mit Geldern der EIB kombinieren, um mehr Bürgschaften zu vergeben.

Sein Konzept hat er in Griechenland auf die Probe gestellt, erzählt er im "Handelsblatt"-Interview. Dort seien die Reaktionen positiv gewesen. Die Menschen seien erleichtert gewesen, dass ihnen andere Wege neben der viel propagierten Wirtschaftssäule Tourismus aufgezeigt wurden. Anhand von Studien zu sozialen Milieus soll genau festgestellt werden, in welchem Stadtteil welche Dienstleistungen gebraucht werden. Sein Konzept bezeichnet Hartz als "soziales Franchising": Von der Talent-Diagnostik über Steuerberatung bis zu Verwaltungsfragen sollen die Jugendlichen versorgt werden.

Das größte Problem Europas lösen

Dieses Rundum-Sorglos-Paket kostet natürlich Geld - viel Geld. Die EU hat Mittel in Höhe von sechs Milliarden Euro vorgesehen, doch das reicht bei Weitem nicht aus. "Um 5,5 Millionen jugendlichen Arbeitslosen zu helfen, brauchen Sie 215 Milliarden Euro", sagt Hartz frei heraus. Um diese Hürde zu überwinden, will Hartz die Finanzindustrie akquirieren. Sie soll mit den Staaten gemeinsame Sache machen und so ein "riesiges Konjunkturprogramm" schaffen, das nicht weniger als "das größte Problem, das Europa hat", zu lösen: Es soll für Arbeit sorgen, so das Altersvorsorgeproblem lösen und mittelfristig den Fachkräftemangel beseitigen.

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Zur Finanzierung hat Hartz ein Wertpapier für Ausbildungszeit im Sinn. Für dieses Darlehen soll die Lebensarbeitszeit bewertet und finanziert werden. Als ähnliche Konzepte nennt der 72-Jährige den Altersteilzeit-Fonds bei Volkswagen oder das "Konto für Weiterbildung" in Frankreich. Neue Schulden sollen für das Beschäftigungsprogramm nicht aufgenommen werden. Stattdessen sollen reiche Euro-Länder ähnlich wie bei den Staatsschulden den armen Ländern unter die Arme greifen.

Die Finanzwirtschaft halte mit "fast drei Billionen Euro ein großes Potenzial in der Hand. Sie muss jetzt sagen: 'Wir begreifen das als Innovation und als unsere gesellschaftliche Verantwortung.' Das kann ein völlig neues Geschäftsmodell für sie werden", sagt Hartz. Dazu müsse man lediglich in jedem Euro-Staat eine große Bank an Bord bekommen.

Dazu fehle nur noch die Initialzündung. Man brauche nun eben jemanden, "der die Macht hat, das durchzusetzen - wie seinerzeit Gerhard Schröder bei der Agenda 2010".

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