EZB diskutierte offenbar Szenarien für weniger Anleihenkäufe

Ratssitzung in Frankfurt: EZB bereitet offenbar Reduzierung von Anleihekäufen vor

, aktualisiert 08. September 2017, 13:58 Uhr
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Mario Draghi (r), Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), und sein Stellvertreter Vitor Constancio

Im Herbst will die Europäische Zentralbank eine Entscheidung zur Zukunft ihres Anleihekaufprogramms treffen. Mögliche Szenarien wurden offenbar bereits diskutiert.

Die EZB hat auf ihrer Ratssitzung am Donnerstag Insidern zufolge den Boden für eine Verringerung ihrer vor allem in Deutschland umstrittenen Anleihenkäufe bereitet. Vier alternative Modelle seien für nächstes Jahr diskutiert worden, sagten zwei mit der Situation vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Dabei habe breite Übereinstimmung geherrscht, dass der nächste Schritt voraussichtlich eine Verringerung der Transaktionen sein werde. Zu den Modell-Szenarien hätten Vorschläge für eine Reduzierung der Monatskäufe auf 40 oder 20 Milliarden Euro gezählt. Die Optionen hätten zudem eine Verlängerung der Transaktionen um sechs oder um neun Monate enthalten.

Die EZB lehnte eine Stellungnahme zu den Informationen ab.

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An den Finanzmärkten baute der Euro seine Gewinne aus und lag 0,3 Prozent im Plus bei 1,2058 Dollar. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen zog um zwei Punkte auf 0,32 Prozent an. "Wir denken, der Marktkonsens ist, dass die EZB die Monatskäufe auf 40 Milliarden Euro für sechs Monate verringert", sagte Zinsexperte Antoine Bouvet vom japanischen Bankhaus Mizuho. Dass aber auch 20 Milliarden auf dem Tisch lägen, könnte den Markt erschrecken.

EZB-Entscheidung Draghi bleibt unbelehrbar, die Risiken steigen

Die heutige EZB-Sitzung hat gezeigt: Auf höhere Zinsen und eine solide Geldpolitik müssen die Sparer noch lange warten. Anleger sollten sich lieber auf die nächste Krise vorbereiten.

EZB-Präsident Mario Draghi auf dem zur Bekanntgabe der Zinsentscheidung. Quelle: AP

Das bislang auf 2,28 Billionen Euro angelegte Wertpapier-Programm ist momentan das schärfste Schwert der Währungshüter im Kampf gegen eine aus ihrer Sicht nach wie vor zu schwache Inflation. Die Käufe im monatlichen Volumen von aktuell 60 Milliarden Euro sollen den bisherigen Planungen zufolge nur noch bis Ende 2017 laufen. Der Euro-Notenbank bleibt somit nur noch wenig Zeit, um zu beschließen, was danach passieren soll.

Auf ihrem jüngsten Treffen hatten die Währungshüter vor allem wegen des kräftigen Euro-Kursanstiegs, der tendenziell das Wachstum und die Inflation bremst, noch keine Entscheidung gewagt. Laut Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ist momentan die Unsicherheit über die weitere Inflationsentwicklung recht groß. Deshalb habe der EZB-Rat entschieden, "zunächst abzuwarten, um die geldpolitische Lage in Ruhe bewerten zu können", sagte er in Hamburg. Der EZB-Rat müsse aber acht geben, dass er den richtigen Zeitpunkt zum Handeln nicht verpasse. EZB-Präsident Mario Draghi zufolge sollen Beschlüsse auf der Ratssitzung am 26. Oktober gefällt werden.

Das Wörterbuch der EZB: Die Schlüsselwörter der Notenbanker - und was sie bedeuten

  • Ausgeglichene Konfiguration

    Die Konjunktur verbessert sich.

  • Nachhaltige Annäherung

    Bezogen auf die Inflation, heißt dies, die EZB lässt sich von kurzfristigen Sprüngen durch höhere Ölpreise nicht beeindrucken. Erst wenn die Inflation, mehrere Monate lang bei zwei Prozent liegt, ist eine Zinserhöhung denkbar.

  • Angemessen

    Die EZB ist mit ihrem geldpolitischen Kurs zufrieden. Keine Zinsänderungen.

  • Abwärtsrisiken

    Die EZB hält die Konjunkturlage für instabil. Die Zinsen bleiben niedrig.

  • Bereitstehen

    Die EZB will die Finanzmärkte beruhigen und bereitet sich auf Interventionen vor, sollten sich Konjunktur und/oder Inflation anders als gewünscht entwickeln.

  • Akkommodierend

    Die EZB hält ihren aktuellen Kurs für angemessen und plant in nächster Zeit keine Änderungen.

  • Überzeugender Aufwärtstrend

    Diesen Begriff verwendet die EZB mit Blick auf Inflationsfaktoren, etwa Löhne und Kapazitätsauslastung. Erst wenn beide steigen, ist mit höheren Leitzinsen zu rechnen.

  • Robuste Expansion

    Die Geldmenge M3 (Bargeld, Sicht-, Termin- und Spareinlagen, Geldmarktfonds, Bankschuldverschreibungen) wächst zu schnell. Eine geldpolitische Straffung wird opportun.

  • Beobachten

    Hier kommt meist ein warnender Unterton ins Spiel. Die EZB sieht Risiken für die Preisstabilität und ist geneigt, die Zinsen bald zu ändern.

  • Unsicherheit

    Die EZB signalisiert, dass es aus ihrer Sicht noch zu früh ist, die Zinsen zu ändern.

  • Wachsam

    Ein Signalwort. Auch an die eigene Adresse: Die EZB ist handlungsbereit. Beim nächsten Treffen ist mit einer Zinsänderung zu rechnen.

  • Sorge

    Steigerung von wachsam. Die EZB befindet sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Es gibt eine starke Bereitschaft, die Zinsen zu ändern.

Laut den mit der Situation vertrauten Personen soll jede Entscheidung im größtmöglichen Einvernehmen unter den Währungshütern getroffen werden. Die EZB will offenbar vermeiden, dass wie in der Vergangenheit wegen geldpolitischer Differenzen wichtige Ratsbeschlüsse von einzelnen Mitgliedern öffentlich kritisiert werden. Ein Eindruck der Uneinigkeit soll so vermieden werden.

Den Insidern zufolge enthielten die diskutierten Szenarien auch Angaben zum Gesamtumfang der Käufe. Auch die Re-Investition der Rückzahlungen aus auslaufenden Papieren sei ein Punkt gewesen. Die Währungshüter stimmten auch darin überein, dass es keine Anhebung von Schlüsselzinsen vor einem Auslaufen der Anleihenkäufe geben solle. An den selbstgesetzten Obergrenzen der Käufe solle ebenfalls nicht gerüttelt werden. Die Währungshüter dürfen nur bis zu 33 Prozent einer einzelnen Staatsanleihe und ebenfalls nur bis zu 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes halten.

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